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»Die Albaner lieben ihre Volkstradition und schauen nicht auf sie herab.«
Saz'iso * Foto: Andrea Goertler

5 Minuten mit ...


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Aktuelles Album:


At Least Wave Your Handkerchief At Me
(Glitterbeat/Indigo, 2017)



Cover At Least Wave Your Handkerchief At Me


Sazʼiso

Albaniens verborgener Schatz

Einen weißen Fleck auf der musikalischen Landkarte, gibt es den noch? Tatsächlich lässt sich mitten in Europa eine Klangkultur finden, die den akustischen Schatzsuchern weitestgehend entschlüpft war. Der Produzent Joe Boyd hat zusammen mit anderen Experten die faszinierende Polyfonie des albanischen Südens ins Rampenlicht geholt.

Text: Stefan Franzen

Mit seinem Label Hannibal Records war er maßgeblich am Aufschwung der Weltmusik beteiligt. Schon in den Sechzigerjahren war Joe Boyd beim Newport-Festival als Produktionsleiter verantwortlich, als Bob Dylan zum Entsetzen der Folkies seine E-Gitarre einstöpselte. 1967 nahm er mit Pink Floyd deren erste Single auf, wurde Mentor des schwermütigen Songwriters Nick Drake und entdeckte die Folkrocklegenden von Fairport Convention. Im besten Alter von 75 Jahren hat Boyd jetzt aber noch einmal ein ganz neues Kapitel aufgeschlagen. „Albanische Musik hatte mich schon seit einiger Zeit fasziniert“, erzählt er im Interview. „Das lag natürlich auch daran, dass man fast keinen Zugang zu ihr hatte, es gab kaum Platten. Es muss 1986 gewesen sein, dass ich Videos vom großen Festival in Gjirokastra sah. Es schien mir fast surreal, diese Musiker mit den konischen Hüten, die wehenden Fahnen und die Bergkulisse im Hintergrund. Und dann diese polyfonen Gesänge namens Saze. Für mich war klar, da muss ich hin.“
Doch es dauerte 25 Jahre, bis ihn eine BBC-Kollegin für eine Sendereihe in den Südosten Europas mitnahm. Eine Reise, die für den Produzenten mehrere Konsequenzen hatte. Zum einen lernte er dort seine zukünftige Frau Andrea Goertler kennen, die in Albanien für die Gesellschaft für Zusammenarbeit tätig und mit der dortigen Musik bestens vertraut war. Zusammen mit ihr und weiteren Experten initiierte er zum anderen das Projekt Saz’iso, in dem nun die besten Musiker der südalbanischen Polyfonie versammelt und auf einem Album verewigt sind. Die Sessions leitete der feinfühlige Jerry Boys, der auch schon in Havanna den Buena Vista Social Club aufnahm.
Was ist nun das Einzigartige an dieser Musik, dem Saze? Auch die, deren Ohren mit allen Wassern exotischer Klänge gewaschen sind, müssen beim Lauschen an Stimmen aus einer anderen Welt denken. „Die Kombination eines Borduns mit zwei Stimmen, die sich improvisierend umkreisen, gibt es meines Wissens nirgendwo anders auf dem Balkan“, sagt Boyd. Musikethnologen sprechen von „iso-polyfonisch“. Unter den genauso schneidenden wie warmen Stimmen liegt die Llautë, eine Laute mit Metallsaiten. Klarinette und Geige treten mit verzierungsreichem, schluchzendem Spiel hinzu. Die Instrumentalformen heißen Valle und Kaba, und mit letzterer verbindet sich eine berühmte Entstehungsanekdote. Als ein Mann über den nahen Tod seiner Ehefrau klagte, rief diese vom Totenbett: „Hol deine Klarinette und lass sie anstatt dir weinen.“ Für mit westlicher Musik sozialisierte Ohren ist der Gesamteindruck von Saze und Kaba trotz der manchmal tänzerischen Rhythmen in der Tat ausgesprochen melancholisch.

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