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»Folkmusik hat in Estland den Stellenwert von Pop.«
Maarja Nuut

5 Minuten mit ...


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www.maarjanuut.com



Album:


Une Meeles
(Eigenverlag, 2016)



Cover Une Meeles


Maarja Nuut

Runengesang trifft Technoloops

Zwischen den Polen Arvo Pärt und den Festivals mit Massenchören gibt es in Estland eine Menge musikalischen Spielraum. Folkmusik, die dort bei der Jugend den Stellenwert von Pop hat, wird gerade rundumerneuert, etwa von der 1986 geborenen Geigerin und Sängerin Maarja Nuut.

Text: Stefan Franzen

Wenn es um estnische Musik geht, gehören die Chorfeste mit Zehntausenden von Sängern zu den ersten Assoziationen. Maarja Nuut ist zu diesen Spektakeln wohl das krasseste Gegenteil, das man sich vorstellen kann. Da dreht sich eine Soloakteurin auf der Bühne, während sie kreisende Melodielinien auf der Geige spielt, und ihrer Kehle entringt sich ein archaischer Gesang. „Meine Mutter war Chorleiterin und natürlich habe ich sie auf diese Feste begleitet, als ich klein war“, erinnert sich die Musikerin. „Aber heute habe ich keine Beziehung mehr zu diesen Massenchören. Ich selbst singe ja noch gar nicht so lange. Ich war lange immer nur mit meiner Geige auf der Bühne.“
Einer der Gründe, weshalb sie zu singen anfing, war, dass sie sich sicherer fühlte, wenn sie ihr Geigenspiel mit der Stimme begleitete. Heute hat sich das Gewicht sogar zugunsten des vokalen Anteils verschoben, Nuut erforscht die Stimme als Instrument. „Die Art, wie ich singe, hat viel mit meinem Stil des Violinspiels zu tun, man könnte sogar sagen, ich habe von der Violine das Singen gelernt“, erklärt sie.
In Maarja Nuuts Melodien gibt es viele Reibungen, dissonante Intervalle. Außenstehende mögen sich bei manchen Stücken an den Klang bulgarischer Frauenstimmen erinnert fühlen. Die Künstlerin baut sehr frei auf dem polyfonen Gesangsstil Estlands und den über tausend Jahre zurückgehenden Runengesängen auf. Sie kreiert mit Loops und den daraus entstehenden Stimmenschichtungen einen Minimalismus Marke Eigenbau, der sich an die ganz alte Volksmusik mit kurzen Motiven aus drei, vier Noten anlehnt. „Die Melodien aus der Volksmusik entdeckte ich erst nach meiner klassischen Ausbildung“, erzählt sie. „Ich habe dann auch über alte Fiedelmusik auf den Dörfern recherchiert. Die war da schon vierzig, fünfzig Jahre lang ausgestorben. Das Material und die Inspiration konnte ich daher nur aus Archivaufnahmen beschaffen. Doch mir kommt es ohnehin eher darauf an zu fragen, wie die Folkmusiker früher ihr Instrument einsetzten, mit welchem Temperament, welchem individuellen Ausdruck, und wie ihre Bogentechnik war, damit sie sich durchsetzen konnten, wenn sie zum Tanz aufspielten. Diese Aspekte sind für mich viel wesentlicher als ein konkreter Vorrat an Melodien.“

... mehr im Heft.