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»Selma Merbaum leuchtete geradezu vor Lebenslust und Übermut.«
Marc Pendzich * Foto: Geiger Images

5 Minuten mit ...


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Aktuelles Album:


Selma
(Lighttone Music/Oomoxx, 2016)



Cover Selma



Marc Pendzich

Eine Hommage an Selma Merbaum

Czernowitz in der Bukowina, eine kleine, freundliche Stadt nahe der rumänischen Grenze, hat in den letzten hundert Jahren eine wechselvolle Geschichte erlebt. Einst Teil des österreichischen Kronlands, wurde sie nach dem Ersten Weltkrieg rumänisch, 1940 russisch, dann von den Nazis erobert, nach Kriegsende der Sowjetunion zugeschlagen, und heute gehört sie zur westlichen Ukraine. Die Stadt war Zentrum einer blühenden Kultur des Ostjudentums, eingebettet in ein Gemisch verschiedener Ethnien und Sprachen. Der Tenor Joseph Schmidt sang dort als Junge in der Synagoge, Paul Celan wuchs in Czernowitz auf.

Text: Rainer Katlewski

Eine Großcousine Celans war Selma Merbaum, eine junge Frau, die im Dezember 1942 mit achtzehn Jahren im Lager Michailowka an Fleckfieber starb. Von ihr sind achtundfünfzig Gedichte hinterlassen, von Hand geschrieben und in einem kleinen Album gebunden. Blütenlese nannte sie die Sammlung, die sie ihrem Freud Lejser Fichman widmete. Die Gedichte entstanden zwischen 1939 und 1941, sie strukturierte sie mit Zwischentiteln, zur Überschrift „Schlafmohn“ sind keine Texte mehr beigefügt. „Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben“, schrieb sie unter den letzten Vierzeiler „Tragik“.
Das Büchlein ist auf verschlungen Wegen von einer Freundin Selmas nach Israel gerettet worden. Jahrzehntelang waren die Gedichte unbekannt. Erst 1968 wurde eines in einer Anthologie in der DDR veröffentlicht, dem folgte 1976 ein Privatdruck eines Lehrers der Dichterin in Israel. Erst als 1980 der Stern-Autor Jürgen Serke die Gedichte herausbrachte, wurden Selma Merbaum und ihr Werk in der Öffentlichkeit bekannt.
Der Komponist und Musiker Marc Pendzich aus Hamburg hatte dennoch noch nie von der Autorin gehört. „Ich war auf der Suche nach guten Texten. Ich wusste nichts von Selma Merbaum, kannte ihre Geschichte nicht, wusste nichts von der abenteuerlichen Überlieferung, ich war einfach angetan von den wunderbaren Gedichten.“
Gute Texte sind für ihn solche, die ein gutes Leben widerspiegeln, ein Leben, das Ernsthaftigkeit und Sehnsucht ebenso beinhaltet wie Lebensfreude und Melancholie. Ein gutes Leben bedeutet mehr als nur Party machen, auch wenn die heutige Eventkultur gelegentlich das Gegenteil suggeriert. So hat er sich bei früheren Projekten schon so unterschiedlicher Autoren angenommen wie Paul Boldt, Wolfgang Borchert oder May Ayim.
Doch wie nähert man sich heute einem Werk, das unter so tragischen Umständen entstanden ist? Zunächst müsse der Text ihn ansprechen, auch ohne die Hintergründe seiner Entstehung zu kennen. „Vieles läuft nicht auf der bewussten, intellektuellen Ebene ab, sondern über Inspiration“, so Pendzich. Er spüre die Wirkung des Textes und wie er ihn musikalisch umsetzt sinnlich, körperlich. So entstehen die Grundzüge der Musik am Klavier relativ schnell, die Feinarbeit, die Arrangements dauern dann deutlich länger. Bei der Recherche über die junge Autorin beschäftigte Marc Pendzich vor allem die Frage, wie eine Jugendliche es schaffen konnte, die bedrohlichen Umstände, unter denen sie lebte, scheinbar auszublenden und solch lebensfrohe Gedichte zu schreiben. „Ihre Texte zeigen deutlich, dass Selma Merbaum trotz oder gerade wegen widrigster Lebensumstände vor Lebenslust und Übermut geradezu leuchtete.“

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