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 The Chicks * Foto: Promo

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Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

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Albumtipps:

The Avett Brothers, The Third Gleam
(Loma Vista Recordings /Universal, 2020)

Che Apalache, Rearrange My Heart
(Free Dirt Records/Galileo, 2020)

The Chicks, Gaslighter
(Columbia/Sony, 2020)

Allison de Groot, Tatiana Hargreaves, Allison De Groot And Tatiana Hargreaves
(Free Dirt Records/Galileo, 2019)

Bob Dylan, Rough And Rowdy Years
(Columbia/Sony, 2020)

Rhiannon Giddens mit Francesco Turrisi, There Is No Other
(Nonesuch/Warner, 2019)

Rhiannon Giddens mit Our Native Daughters, Songs Of Our Native Daughters
(Smithsonian Folkways/Galileo, 2019)

Eilen Jewell, Gypsy
(Signature Sounds/H’art, 2019)

J. S. Ondara, Folk N’ Roll Vol. 1 – Tales Of Isolation
(Verve/Universal, 2020)

SONiA disappear fear, Love Out Loud
(Disappear Records, 2020)

M. Ward, Migration Stories
(Anti-/Indigo, 2020)



„March, March!“

Folk, Country und Americana vor der US-Präsidentschaftswahl im November

Die Präsidentschaft von Donald Trump, die damit einhergehende Polarisierung und die immer offener zutage tretenden Widersprüche und Ungleichheiten innerhalb der US-Gesellschaft haben die dortige Musikszene in den letzten Jahren politisiert wie lange nicht. Dies nahm durch die Ereignisse im Frühjahr – Coronakrise, wirtschaftliche Rezession, Widerstand gegen Rassismus und Polizeigewalt – noch einmal kräftig an Fahrt auf. Werfen wir einen Blick auf diese jüngeren Entwicklungen in Folk, Country und Americana.    

Text: Thomas Waldherr

Sogar Countrymusiker melden sich zu Wort

Spätestens als die Countrypopformation Lady Antebellum mitteilte, dass sie sich künftig nur noch Lady A nennen möchte, war klar, dass die verstärkte Sensibilisierung für die Lage der afroamerikanischen Community nach dem Tod von George Floyd am 25. Mai nun auch vor der eher konservativen Countryszene in den USA nicht Halt machte. Zur gleichen Zeit veröffentlichten die Old-Time-Country-Boys der Old Crow Medicine Show ein Video, in dem sie an DeFord Bailey erinnerten. Der schwarze Mundharmonikakünstler war ein Star der frühen Grand Ole Opry, wurde dann ein Opfer rassistischen Mobbings und aus der Show entfernt. Ketch Secor, Kopf der Gruppe, fand zum strukturellen Rassismus im Countrybusiness deutliche Worte: „Die Countrymusik muss verstehen, büßen und schwören, es besser zu machen!“

Diese Aussage war weitaus klarer als der Song „Pray For America“, der den Crows zur Coronakrise einfiel. Das war ein laues Lüftchen von Lied. Das Beste war dabei noch das Video, das Probleme wie Rassismus und Armut benennt und damit immer noch im Gegensatz zum Gros der Mainstream-Countrykünstlerinnen und -künstler steht, die weiterhin im Kosmos zwischen Party, Pick-up und Patriotismus verharren.

Noch einen Schritt weiter als Old Crow Medicine Show gingen wieder einmal die Dixie Chicks, die ja vor Jahren schon erfahren mussten, was es heißt, im Countrybusiness konservative Politik – damals in der Person von George W. Bush – zu kritisieren. Radioboykott und Karriereknick waren die Folge. Sie veröffentlichten jetzt nicht nur den aktivistischen Song „March March“, der als klarer Aufruf zur Abwahl Donald Trumps verstanden werden kann, inklusive deutlicher Bilder gesellschaftlichen Protests im Video dazu. Sie strichen auch das „Dixie“ aus ihrem Namen. Dieses Synonym für den alten Süden fanden sie als Bandname nicht mehr angemessen.

Die Americanaszene ist weiblicher, bunter und kritischer geworden

Doch all das kam nicht von ungefähr. Der Widerstand gegen einen frauenfeindlichen und rassistischen Präsidenten führte in der Musikszene zu einer grundlegenderen Kritik an der US-Gesellschaft. Auch das Americanagenre wurde in den vergangenen Jahren immer bunter und diverser. Künstlerinnen wie Alynda Segarra von der Band Hurray for the Riff Raff waren Vorkämpferinnen dafür, dass sich mehr Musikerinnen in Zeiten von #MeToo wagen, klar Position gegen Frauenfeindlichkeit zu beziehen. Und da Amerika nun jemand regiert, der auch noch stolz darauf ist, sexuelle Übergriffe begangen zu haben, formierte sich der Widerstand gegen Trump besonders unter Frauen.

Eilen Jewell, eine der interessantesten weiblichen Singer/Songwriterinnen, sagte zu ihrem aktuellen Album Gypsy (2019) dem Magazin PopMatters: „Zu leben heißt, politisch zu sein. Ich kann nicht anders, als so über die Welt zu singen, wie ich sie sehe. Das ist das, was Songwriter immer tun.“ Das Lied „79 Cents (The Meow Song)“ entstand unmittelbar nach der Wahl Donald Trumps und fußte auf dem Verhalten des US-Präsidenten, „der ein selbst ernannter Pussygrabscher ist“, wie Eilen Jewell im Interview trocken bemerkte. Der Song ist eine bitterbös-unterhaltsame Abrechnung.

In der Bluegrass- und Old-Time-Szene gibt es frische junge Acts, die Musik für eine neue, junge und weibliche Generation machen. So wie Allison de Groot und Tatiana Hargreaves 2019 mit ihrem gemeinsamen Folk-und-Bluegrass-Debütalbum. Es umfasst ganz selbstverständlich weibliche und afroamerikanische Themen. Allison De Groot And Tatiana Hargreaves enthält unter anderem Geigen- und Banjostücke des afroamerikanischen Duos Nathan Frazier & Frank Patterson, der mittlerweile 103-jährigen Fiddlerin Violet Hensley aus Arkansas und der zeitgenössischen Komponistin Judy Hyman von der Band The Horse Flies.

Auch die Thematik eines multiethnischen Amerika findet sich inzwischen verstärkt im Americana. Wie Volksmusik sich stetig weiterentwickeln kann, zeigen Che Apalache. Ähnlich wie Bill Monroe in den 1930er- und 1940er-Jahren die Mountain Music mit Elementen der afroamerikanischen Musik zum Bluegrass machte, mischt die Gruppe um Joe Troop den Bluegrass mit der Musik der Latinos. Und zeigt damit, dass auch in den Appalachen Migranten aus Mexiko und Lateinamerika leben und Musiktraditionen sich begegnen.

Der Gitarrist und Singer/Songwriter M. Ward, für seine düster-experimentellen Twangklänge bekannt, veröffentlichte im April ein Konzeptalbum zum Thema Migration. Auf Migration Stories nahm er seine eigene Geschichte – die Familie war aus Mexiko eingewandert – zum Anlass, um über Flucht und Auswanderung zu reflektieren. Ward greift das Thema in Tagträumen und Miniaturen auf und macht damit dessen Vielschichtigkeit ebenso fassbar wie den einfachen Grund für Migration: Es ist die schier ausweglose Not, die Menschen dazu bringt, ihre Heimat zu verlassen.

Auch die Avett Brothers meldeten sich zu Wort. Während die Jungs aus North Carolina zuvor meist mit melancholisch-innerlicher Musik aufgefallen waren, war ihr 2019 veröffentlichter Song „We Americans“ ein einziger offener Klageschrei. Ein bitteres Stück, das die Lebenslügen und Defizite Amerikas klar benennt. Angesichts der erschreckenden Situation im Frühsommer 2020 veröffentlichten sie den Song nun nochmals mit einem neuen Video. Und im Statement zum neuen Album The Third Gleam sagt Seth Avett: „Wir sprechen historische Vorurteile, Glauben, wirtschaftliche Ungleichheit, Waffengewalt, Inhaftierung, Erlösung an und, wie es in unseren Aufnahmen zunehmend üblich ist, die hohe Sterblichkeit.“

... mehr im Heft.


J. S. Ondara * Foto: Aaron Lavinsky


Rhiannon Giddens * Foto: David McClister