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»Irish Folk lebt von seiner Offenheit und der Fähigkeit, Tradition und Moderne immer wieder neu zu verschmelzen.«
Dánacht Pressebild

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Aktuelles Album:

An Turas
(Eigenverlag, 2021)


Cover An Turas


Dánacht

Mit den Zugvögeln von Irland nach Afrika

Dánacht ist gälisch und bedeutet „Wagemut“, „Freiheit“ und „Stärke“. Attribute, die Musikerinnen und Musiker hierzulande durchaus gebrauchen können, wenn sie sich mit Folkmusik von der Grünen Insel an die Öffentlichkeit wagen, denn „deutsche Iren“ werden gerne belächelt. Die junge Oldenburger Gruppe, die sich diesen Namen gegeben hat, braucht solche Vorbehalte jedoch nicht zu fürchten. Die drei Damen und zwei Herren bringen Irish Folk schwungvoll, ideenreich und überzeugend auf die Bühne.

Text: Ulrich Joosten

Exklusiver Onlineartikel

Das Titelstück des Anfang des Jahres veröffentlichten Debütalbums An Turas beschreibt musikalisch die Reise der Zugvögel vom Norden Irlands über Westeuropa bis nach Afrika und ist ein gutes Beispiel für eine große Stärke der Band. Offen für weltmusikalische Einflüsse werden aus der irischen Tradition inspirierte Melodien mit mitteleuropäischen Klängen, afrikanischen Trommelrhythmen und arabischen Skalen abgerundet und klingen doch jederzeit nach Irish Folk – moderne keltische Musik at it’s best. Vier Eigenkompositionen, ein traditionelles Tuneset und fünf Songs (darunter Lieder Klassiker wie „Red Is The Rose“ oder „Black Is The Colour“) sind auf dem Erstling zu hören, clever arrangiert und hinreißend instrumentiert. Die Virtuosität und mitreißende Spielfreude Dánachts überzeugen am 12. September 2020 gleichermaßen Jury und Publikum im Finalkonzert des Dieter-Wasilke-Folkförderpreises, der vom Verein Venner Folk Frühling im letzten Jahr erstmals ausgelobt wurde.

Dieter-Wasilke-Folk-Förderpreis 2020

Der 2019 ins Leben gerufene Dieter-Wasilke-Folk-Förderpreis ist eine jährliche Initiative des Vereins Venner Folk Frühling. Er hat das Ziel, den Folkmusiknachwuchs zu unterstützen, und richtet sich an Musikerinnen und Musiker, ganz gleich, ob Solisten oder Gruppen, die in den Segmenten europäische und/oder nordamerikanische Folkmusik tätig und nicht älter als 35 Jahre sind. Der Preis erinnert an Dieter Wasilke, den Gründer des Festivals Venner Folk Frühling, der am 29. Juli 2018 viel zu früh verstarb.

Bei bestem, warmem Septemberwetter konnten sich zur ersten Verleihung des Preises 2020 vor rund achtzig Zuhörerinnen und Zuhörern sowie fünf Jurorinnen und Juroren im Rahmen einer Open-Air-Veranstaltung die drei nominierten Bands La Kejoca, Banjax Blend und Dánacht mit einem jeweils dreißigminütigen Programm präsentieren. Geboten wurden Songs und Instrumentalstücke auf sehr hohem Niveau, was es der Jury wahrlich nicht leicht machte, eine Entscheidung zu fällen. Schließlich stand die Siegerband fest: Erster Preisträger des Dieter-Wasilke-Folk-Förderpreises ist die Irish-Folk-Formation Dánacht. Die Oldenburger Band konnte die Jury letztendlich mit abwechslungsreichen, innovativen und schwungvollen Arrangements sowie spielerisch gestalteten Eigenkompositionen überzeugen. Auch die Gesangstimme von Fiona Dettmers gab den Ausschlag. Der zweite Preis ging an La Kejoca, Banjax Blend wurden Dritte.

Weil die derzeitige Unklarheit hinsichtlich der in den kommenden Monaten geltenden Anti-Corona-Bestimmungen eine Planungssicherheit für die Durchführung des Festivals im Mai nicht erlauben, soll der Venner Folk Frühling 2021 im Spätsommer stattfinden. Durch die Verschiebung wird auch die Vergabe des diesjährigen Dieter-Wasilke-Folk-Förderpreises nicht vor dem Wochenende vom 18. und 19. September möglich sein.
Tristan Pargmann ist der Uilleann Piper und Akkordeonist der Band und findet angesichts „zahlreicher Abenteuer und Herausforderungen“, denen sich die Gruppe gestellt hat, den Namen Dánacht „durchaus passend. Jeder von uns hat unterschiedliche Hintergründe, und wir mussten zunächst lernen, diese im Irish Folk zu vereinen. Wie das klingen soll und die Art, musikalisch zu arbeiten, galt es erst einmal herauszufinden. Die gesteckten Ziele verlangten uns zu Beginn der Reise einigen Mut ab. Obwohl wir uns erst im Sommer 2016 gründeten, folgten schon 2017 größere Konzerte, und im Herbst spielten wir als Support für Versengold in Hannover und Berlin. Bis zum Jahresende 2018 hatten wir über dreißig Auftritte und begaben uns im Nachsommer erstmals ins Studio, um das Dánacht-Debütalbum aufzunehmen. Das hat sich schon ziemlich nach Freiheit angefühlt.“

Das erste Line-up der Band entsteht 2016. Der Uilleann Piper sucht Mitmusikerinnen und -musiker, die Lust auf Irish Folk haben. „Musikalisch begegnet“, erinnert er sich, „sind wir uns im World Music Ensemble der Uni Oldenburg.“ Die dortige Musikhochschule, an der vier der Dánacht-Mitglieder ein Zwei-Fach-Bachelor-Studium absolvieren, ist ein fruchtbarer Nährboden. Das Lehramtsstudium, erklärt Pargmann, erlaube „den Schwerpunkt unserer Praxis frei zu gestalten oder in Bereiche hineinzuschnuppern, mit denen wir bis dato nicht in Kontakt gekommen sind. So begegnen sich in den Uni-Ensembles und Seminaren Menschen, die aus unterschiedlichen Perspektiven an Musik herangehen. Das gilt auch für unsere Bandmitglieder.“

Ihre Interessen vereinen sich im Irish Folk, sagt er, „da die musikalische Gestaltung große Freiräume bietet. Ein verbindendes Element von Folk und Klassik ist der Einsatz von akustischen Instrumenten mit den entsprechenden Klanggestaltungsmöglichkeiten wie Dynamik und Stimmführung.“

Dass sich Dánacht-„Hofkomponist“ Björn Jeddeloh für klassische Musik und Jazz interessiert, sagt Pargmann, „hört man den eigenen Kompositionen, aber auch den Instrumentierungen der Band an. So sind die Reharmonisierungen der traditionellen Tunes durch Kenntnisse über erweiterte Kadenzen geprägt und beinhalten, etwa in der Formgebung, Einflüsse vom Jazz und Rock.“ Jeddeloh sei „das Gehirn der Band und die treibende Kraft bei den Arrangements. Ich habe ihn zu Schulzeiten kennengelernt, damals war er, wie auch ich, Schlagzeuger. Er ist mittlerweile ein fabelhafter Gitarrist, Pianist und vor allem Komponist und hat großes musiktheoretisches Interesse und Wissen. Seine Einflüsse liegen in der Klassik, im Metal, im Jazz, aber auch in der Weltmusik.“

Eine weitere Grundlage für die Musik von Dánacht, ergänzt Pargmann, „bringt unsere Sängerin und Violinistin Fionas Dettmers ein. Sie hat Erfahrungen mit Pop und ermutigt uns immer wieder, den Songs und Tunes emotional zu begegnen und die Arrangements und Interpretationen entsprechend anzupassen. Dazu fragen wir uns, welche Bilder ein Text oder eine Melodie in uns erzeugt, um diese innerhalb der Band zu synchronisieren.“ Seit dem frühen Kindesalter spielt die Dánacht-Leadsängerin Geige, später kommt Klavier hinzu. Ihre große Leidenschaft für Gesang und die Gitarre entdeckt sie mit vierzehn Jahren, sammelt in der Schulzeit erste Erfahrungen im Chorsingen, Ensemblespiel und bei Auftritten mit ihrer damaligen Akustikband. An der Universität in Oldenburg musiziert sie im World Music Ensemble, singt im Pop- und Jazzchor und gründet eine A-cappella-Gruppe.

Tristan Pargmann spielt seit dem siebten Lebensjahr Schlagzeug und sammelt ab dem Grundschulalter erste Banderfahrung. Mit fünfzehn entdeckt er zunächst die schottische Dudelsackmusik für sich und verliebt sich dann in den irischen Folk, vor allem in die Uilleann Pipes. Er belegt Kurse bei den verschiedensten Virtuosen an diesem Instrument, darunter Johannes Schiefner, Cillian Vallely und Mickey Dunne. Neben Dánacht spielt Pargmann in diversen Ensembles und widmet sich in der Oldenburger Band Bitume als Schlagzeuger seiner zweiten großen Leidenschaft, dem Punkrock.

Thea Reutepöhler, Kontrabassistin der Gruppe, beginnt mit sechs Jahren Cello zu lernen. „Ihre musikalischen Wurzeln“, sagt Pargmann, „liegen in der Klassik, aber ein Interesse an anderen Stilen ist stets vorhanden. Sie spielt ebenfalls im World Music Ensemble der Universität Oldenburg und in verschiedenen Bands, die sich aus den Mitgliedern des WME herausbilden.“

Mit Janine Krensellack als rhythmischem Motor ist das Line-up der Band komplett. „Sie ist die gute Seele der Gruppe. Sie lernte vor rund fünfzehn Jahren durch Freunde und Familie die Bodhrán kennen und ist seitdem dem der irischen Folkmusik verfallen und in vielen Sessions aktiv. Wir fanden sie über den E-Mail-Verteiler der Oldenburger Irish-Folk-Session. Nach einem ersten Treffen war klar – das passt! Janine groovt wie keine Zweite und hilft uns, da sie selbst Autodidaktin ist, den Kopf einfach mal auszustellen, zu fühlen und zu spielen.“

So divers wie die eigenen musikalischen Hintergründe der Bandmitglieder sind ihre Einflüsse. „Unsere ersten Inspirationen lagen vor allem bei Planxty“, sagt Pargmann, ein großer Fan der irischen Folkpioniere. „Mit der Zeit weitete sich der Blick in Bezug auf die eigene Musik und damit wurden die Vorbilder zahlreicher. Modernere Gruppen wie Ímar, Rura und Goitse, aber auch deutsche Bands wie Cara und Iontach inspirierten uns. Thea und Björn haben zusammen länger traditionelle arabische Musik gespielt und begeistern sich für traditionelle Klänge aus der ganzen Welt. Sie schätzen Crossover und Weltmusik, Alte Musik sowie englische und irische Musik des Mittelalters und der Renaissance. Aus diesem bunten Mix an Einflüssen entsteht der Facettenreichtum, den wir so lieben. Irish Folk lebt von seiner einzigartigen Offenheit und der Fähigkeit, Tradition und Moderne immer wieder neu zu verschmelzen. Man denke nur an die Irish Bouzouki, die ja erst in den Sechzigerjahren aus Griechenland auf die Insel kam. Oder an Bands wie Lúnasa, Goitse und Flook, die sich in ihren vertrackten Rhythmen von der Musik Osteuropas haben inspirieren lassen. Irish Folk ist in unseren Augen deswegen so lebendig, weil Menschen auf der ganzen Welt ihren ureigenen Zugang dazu suchen und ihre persönlichen Musiktraditionen mit einflechten. Das versuchen wir auch bei Dánacht: Wir wollen irischer Musik unsere eigene Note geben und mit unseren bunten musikalischen Biografien würzen: hier ein bisschen Mozart, da ein wenig Jazz, dort ein Hauch Flamenco oder eine Prise Punk. Hauptzutat bleibt aber stets die irische Tradition.“


Dánacht_DWFFP 2020 * Foto: Foto Doris Joosten


Dánacht DWFFP 2020 Siegerehrung * Foto: Foto Doris Joosten