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Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

haben Sie eigentlich schon mal was von dem Coronavirus gehört? So locker-flockig gedachte ich irgendwann im Februar, mein Editorial zu beginnen. Heute (am 20. April 2020) klingt der Satz ausgesprochen deplatziert. Nicht nur ich hatte COVID-19, wie das Virus auch genannt wird, völlig unterschätzt. Diesen Fehler macht heute hoffentlich niemand mehr, denn die Folgen dieser Pandemie haben wir alle deutlich vor Augen, die Infizierten und Toten als täglich fassungslos machendes Zahlenspiel. Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen stehen weitestgehend in den Sternen, aber wir alle wissen, sie werden enorm sein.
Was das Virus mit der Musikszene generell und unserer Szene im Besonderen gemacht hat und weiterhin machen wird, ist ebenfalls kaum abzuschätzen. Fakt ist: Tausende von auch in normalen Zeiten schon ziemlich prekär lebenden Musikerinnen und Musikern sowie die anderen in der Szene Aktiven sind finanziell so gut wie am Ende, obwohl Organisationen wie der Deutsche Musikrat, der Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT), die Deutsche Jazzunion und weitere Bundesverbände Unterstützung von der Regierung anmahnen. Tourneen und Festivals sind bis Ende August abgesagt (Rudolstadt! Bardentreffen!), und bis weit in den Herbst hinein ist jede Planung höchst unsicher. Probleme haben auch die Verlage und Label, die völlig zu Recht von einem Dominoeffekt der Einnahmeausfälle sprechen. Natürlich sind Künstler kreativ und denken über Alternativen wie Onlinekonzerte oder ähnliches nach, aber ein Ersatz für den Kontakt mit dem Publikum ist das weder stimmungsmäßig und erst recht nicht finanziell. Wir vom Folker würden über alle diese Aktionen gerne berichten, aber wir sehen gerade jetzt die engen zeitlichen Grenzen eines Zweimonatsmagazins. Die Lage und die Reaktionen darauf ändern sich täglich und daher sind alle Infos im Heft aktueller Stand von Mitte April. Das gilt auch für das kurzfristig ins Heft aufgenommene Interview mit Musikerin und Touragentin Gudrun Walther zur Situation der von uns präsentierten Szene auf Seite 6. Auf unserer Website und dem ungeliebten Facebook versuchen wir flexibler zu sein, also am besten hin und wieder dort nachschauen, was sich so alles tut – oder eben auch nicht.
Es dürfte einsichtig sein, dass Corona auch auf den Folker eine katastrophale Wirkung hat. Ich habe es mehrfach geschrieben, auch in guten Zeiten ist der Folker finanziell ziemlich exakt auf Kante genäht. Sie brauchen lediglich diese Ausgabe sorgfältig durchzulesen (was Sie ja eh machen würden, klar doch), dann stellen Sie fest, dass wir spürbar weniger Anzeigen haben. Und die, die noch im Heft sind, sind nicht alle Bezahlanzeigen. Keine Festivals + keine Tourneen = keine Anzeigen, so einfach und
Mike Kamp * Foto: Ingo Nordhofen deprimierend ist das. Diese Ausgabe fährt einen deutlichen Verlust ein und zwingt uns zum Handeln. Wir haben daher in Absprache mit dem Verlag entschieden, sie als Doppelausgabe 3+4/2020 (Mai bis August) zu definieren, denn es ist völlig ausgeschlossen, dass sich die Situation im Juli bereits halbwegs beruhigt hat. Wir sind uns darüber im Klaren, dass wir Sie somit um eine Ausgabe betrügen. Oder – weil es sich besser anhört – um eine Ausgabe Solidarität bitten. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass das in Sachen Solidarität noch nicht alles ist, denn niemand, wirklich niemand hat die leiseste Ahnung, wie es weitergehen wird. Wir haben uns mit dieser Doppelausgabe nur etwas Zeit gekauft, in der wir intensiv darüber nachdenken werden, wie wir das Schiffchen Folker bei diesem stürmischen Seegang über Wasser halten können. Deshalb an dieser Stelle schon unser aufrichtiger Dank an alle Abonnentinnen und Abonnenten. Und es gilt auch hier, dass die aktuellen Informationen in Sachen Folker auf unserer Website zu finden sein werden, die – ganz abgesehen von Corona – immer einen Besuch wert ist.
In diesem Sinne viel Freude beim abwechslungsreichen Heftinhalt. Explizit ans Herz legen kann ich den Beitrag von Erik Prochnow über Catherine MacLellan und Depressionen bei Musikerinnen und Musikern auf den Seiten 34 und 35, der aufgrund der derzeitigen Situation zusätzlich an Dringlichkeit und Aktualität gewinnt. Kommen Sie gut durch diese ungewöhnlichen Zeiten

Ihr Folker-Herausgeber
Mike Kamp