Folker-Logo   Probeabo & Abo   Mediadaten/Anzeigen


Suche
   Intern   Über uns


Kontakt/Impressum/Datenschutz

       
»Die Knetmasse, aus der ich meine Lieder forme, ist aus dem gewonnen, was mir andere Künstler erzählen.«
Sarah Lesch * Foto: Sandra Ludewig

[Zurück zur Übersicht]



Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

Oder gleich zum (Probe-)Abo.







Aktuelle Alben:


Den Einsamen zum Troste
(EP; Kick The Flame, 2019)

Der Einsamkeit zum Trotze
(Kick The Flame, VÖ: Mai 2020)



Cover Den Einsamen zum Troste



Sarah Lesch

Die Unverwechselbare

Die rebellischen Dreadlocks sind einer ländlich lockeren Steckfrisur gewichen, und als erste Veröffentlichung nach zweijähriger Tonträgerpause erscheint eine EP mit Coversongs. Dennoch bleibt festzuhalten, Sarah Lesch war und ist eine unverwechselbare Stimme unter den Sängerbarden deutscher Sprache.

Text: Bernd Gürtler

Die EP, kurz für „Extended Play“ und von der Songbestückung her etwas umfangreicher als eine Single, dient gewöhnlich der Überbrückung bis zum nächsten Album. Wegen eines gewissen Seltenheitswerts unter Schallplattensammlern nach wie vor begehrt, wird dem Tonträgerformat aus Vinylzeiten in Medienkreisen höchstens am Rande Beachtung geschenkt. Veröffentlichungstaktisch ist Sarah Leschs aktuelle EP Den Einsamen zum Troste vom Herbst 2019 auch ein Vorbote ihres vierten Studioalbums, das für Mai kommenden Jahres angekündigt ist und Der Einsamkeit zum Trotze heißen wird. Die Auswahl der Coversongs jedoch wurde mit Bedacht getroffen. Als Kreative werde sie oft bewundert für ihre Ideen, erzählt Sarah Lesch. „Das ist schön, dieser Job bringt viel Anerkennung. Aber oft denke ich, na ja, die Knetmasse, aus der ich meine Lieder forme, ist aus dem gewonnen, was mir andere Künstler erzählen. Deshalb die EP, um zu zeigen, wer meine Vorbilder sind. Ich verfasse Liederbücher mit meinen Songs. Menschen kaufen das und erzählen mir, dass sie die Lieder spielen und selbst gern welche schreiben würden, aber nicht wüssten wie. So hat es bei mir auch angefangen.“

Wobei eine einzige der insgesamt fünf Coverversionen ihrer EP auf eine Frau als Vorbild hindeutet. Sehr naheliegend ist das Dota Kehr, die tatsächlich ein Vorbild war und nicht bloß eine Zeitgenossin, die zufälligerweise dasselbe macht? „Wenn, dann ist Dota mein wichtigstes Vorbild. Und warum? Weil sie eine Frau ist, wie ich. Frauen, junge Mädchen brauchen Frauen als Vorbilder. Für mich hat lange die Vorstellung nicht funktioniert, dass ich so kluge, tolle politische Songs schreiben könnte wie Gerhard Schöne oder Franz Josef Degenhardt. Bis ich Dota hörte. Auf einmal dachte ich: Ach so, na dann! Dafür bin ich ihr unendlich dankbar. Irgendwann rief sie mich an und sagte, sie hätte zwei Gedichte von Mascha Kaléko vertont. Eins davon, ‚Kein Kinderlied‘, ist eins meiner Lieblingsgedichte. Es beschreibt, wie ich mich als Kind gefühlt habe und noch heute fühle. Immer mit so einer Grundeinsamkeit. Egal wohin ich komme, ich komme nach Nirgendland. Und jetzt singen Dota und ich das gemeinsam! Mein zwanzigjähriges Ich fällt vom Küchenstuhl, wenn ich ihm das erzähle.“

Erstaunlich eigentlich, dass Sarah Lesch überhaupt Vorbilder hat. Ihre blitzgescheiten, humorvollen, wortgewandten Songs sind einzigartig. „Der Kapitän“, über den Flüchtlingsretter Stefan Schmidt von der Cap Anamur, zeitweise ihr Schwiegervater, oder „Testament“ knüpfen nahtlos an Georg Danzers „Die Freiheit“ an, das ebenfalls in einer Coverversion auf Den Einsamen zum Troste vorliegt. Wer genau hinhört, erkennt in Sarah Lesch eine Enkelin der selbstbestimmten Frauenfiguren aus den Vorwendesongs der Ostberliner Rockformation Silly, als noch Tamara Danz die Sängerin war. Was einerseits kaum überraschen dürfte, andererseits dann aber doch erstaunlich ist. Geboren 1986 in Thüringen und heute in Leipzig lebend, war sie im Alter von fünf Jahren mit ihrer Mutter nach Schwaben gezogen. Wie viel Ostdeutschland steckt in ihrer Biografie? „Gute Frage, ich bin selbst noch dabei, das rauszufinden. Zugehörig fühle ich mich dem Osten. Meine Familie hat mich natürlich maßgeblich geprägt. Gerade wenn man kurz vor der Einschulung aus seiner gewohnten Umgebung gerissen wird. Für mich war der Westen wirklich ein fremdes Land, die Menschen sind unglaublich anders gewesen als bei mir zu Hause. Ich würde schon sagen, dass die Frauen meiner Familie starke Frauen sind. Meine Mutter hat alles alleine gewuppt, war alleinerziehend mit Vollzeitjob. Sie hatte es schwer, man macht das in Schwaben nicht, man geht nicht arbeiten, wenn man Mama ist. Das habe ich selbst erfahren müssen, als ich mit achtzehn Mama geworden bin, mitten in der Ausbildung. Wahrscheinlich habe ich den Druck, der auf meiner Mutter lastete, gespürt und ein Gefühl entwickelt, wie ich später sein will. ‚Testament‘, das Lied von mir mit der größten Reichweite bisher, gefällt meiner Mutter gar nicht. Sie denkt, sie sei verantwortlich für einen bestimmten Seelenschmerz, den ich in dem Lied besinge. Zu Weihnachten habe ich ihr mal einen Brief geschrieben und ihr gesagt: ‚Weißt du Mama, wenn ich dich nicht gehabt hätte, hätte ich mich niemals getraut, mich so hinzustellen und das alles zu erzählen. Das ist etwas, das ich mir von dir abgeschaut habe, dieses Emanzipierte.‘ Wo dieser Charakterzug sonst noch herkommt? Schwer zu sagen. Aber ein spannendes Thema, dass ich mich eher dem Osten zugehörig fühle. Obwohl ich noch so klein war, als wir weggegangen sind.“

... mehr im Heft.