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Resonanzboden
— Gedanken zur Zeit




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Zeichnung: Woody Guthrie
Mit freundlicher Genehmigung von Woody Guthrie Publications


Michael Sez

In der Mai-Aushabe der Vinyl-Zeitschrift MINT sinnierte der mehrfach für einen Grammy nominierte Musiker und Produzent Steven Wilson darüber, was Hi-Fi-Anlagen und Plattensammlungen über die Persönlichkeit ihrer Besitzer aussagen. Aussagten, muss es korrekter heißen. Denn während die Leidenschaft der Menschen für Musik früher eine physische Präsenz hatte, müsste man sich heute „für einen ähnlichen Effekt ihr Handy schnappen und durch die Spotify-Playlist klicken“. Wilson erinnert sich daran, dass er beim Stöbern durch eine fremde Sammlung wusste, „dass jeder einzelnen Platte eine Entscheidung vorausgegangen war … Sie war nicht zufällig oder aus Verlegenheit hier gelandet.“ Songs auf dem Handy – gratis oder für sehr wenig Geld – seien „jetzt halt da. Und … das macht den Unterschied.“ Eine Playlist oder ein paar Ordner mit MP3-Dateien können, so Steven Wilson, „nie so viel über ihren Besitzer erzählen wie eine Plattensammlung“. Streaming verändert aber auch die Musik selbst. Dienste wie Spotify brechen Musik auf Zahlen herunter. Der Algorithmus bestimmt, was erfolgreich ist. Was nach dreißig Sekunden weggeklickt wird, bringt dem Künstler kein Geld. Deshalb verändern sich die Musikkultur und die Songstrukturen. Als Konsequenz orientieren sich die Talentsucher der großen Labels heute weniger an den Songwriter-Qualitäten eines Künstlers als an seiner Fähigkeit, den Anforderungen des Algorithmus gerecht zu werden. Schöne neue Welt. Und der Folker ist jetzt auch dabei.
Stichwort Handy. Toni Geiling hat sich auf seinem aktuellen Album Die Nacktschnecke des Themas angenommen. Im „Anti-Handy-Lied“ singt der Künstler aus Thüringen: „Schmeiß das Handy weg! Und du bist frei – vorbei.“ Geiling räumt im Text ein: „Ich geb’s ja zu, ich habe hier auch so ein Telefon.“ Und ein Blick auf seine Website zeigt, dass er sich auch der Datenkrake Facebook ausgeliefert hat. Das Beispiel belegt auf anschauliche Weise, dass es nicht ausreicht, auf der politischen Ebene gegen Überwachung und die immer größer werdende Macht der Digitalkonzerne zu kämpfen. Jeder Einzelne von uns muss bei sich anfangen: Nein zu Google, Facebook, Amazon und all den anderen Unternehmen, die uns vorgaukeln, sie brächten die Welt zusammen und würden sie zu einem besseren Ort machen. Dabei müssen wir auch aufhören, uns etwas vorzumachen.

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