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»Das mit Rudolstadt hat wunderbar geklappt, da gibt es wirklich eine funktionierende Ost-West-Kooperation.«
Mike Kamp
Folker-Gespräch Rudolstadt 2019, (v. l.) Kamp, Maurenbrecher, Kleff, Rottschalk, Wenzel, Wolff * Foto: Michael A. Schmiedel

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Deutsche Zustände – Kulturelle Identität nach der deutschen Vereinigung

Eine Gesprächsrunde beim Rudolstadt-Festival 2019

Vom 9. bis 11. November 1990 fand in Bad Hersfeld das Herbsttreffen des Verbandes Profolk statt.* Im Anschluss an die Veranstaltung trafen sich Vertreter aus Deutschland Ost und West, um über Aspekte des möglichen Zusammengehens der beiden Folk- und Liedszenen zu diskutieren. Das Treffen gilt als inoffizielle Geburtsstunde des Rudolstadt-Festivals. Vor dem Hintergrund der Veranstaltung in Bad Hersfeld ging es beim diesjährigen Festival in Rudolstadt dreißig Jahre nach dem Mauerfall um die Frage nach den Grenzen und Möglichkeiten der Gemeinschaft in den vergangenen drei Jahrzehnten. An dem Gespräch nahmen unter der Leitung von Michael Kleff Rudolstadt-Festivaldirektorin Petra Rottschalk, der Grafiker, Folkmusiker und Liedermacher Jürgen B. Wolff, die Liedermacher Manfred Maurenbrecher und Hans-Eckardt Wenzel sowie Folker-Herausgeber Mike Kamp teil.

  * Mit dem Fall der Mauer bekam die Ostszene auch im Folker-Vorgänger Folk-Michel einen neuen Stellenwert in der Berichterstattung. Die zwischen 1990 und 1993 dazu veröffentlichten Artikel und Interviews können jetzt * hier noch einmal nachgelesen werden. Darunter auch die Mitschrift der Diskussion in Bad Hersfeld.

Michael Kleff: Wie habt ihr euch damals in der Situation gefühlt und was ist dreißig Jahre später im Rückblick aus den Sorgen und Hoffnungen geworden? Vielleicht fangen wir mit Mike Kamp an.  


Mike Kamp: Das, was für die Szene aus Bad Hersfeld zurückkam, klang eigentlich ziemlich optimistisch. Von heute aus betrachtet, hat das mit Rudolstadt wunderbar geklappt, da gibt es wirklich eine funktionierende Ost-West-Kooperation. Wenn ich mir allerdings so gut wie alles andere anschaue, bin ich sehr enttäuscht darüber, wie wenig sich in den letzten dreißig Jahren getan hat. Das fängt bei den ökonomischen Bedingungen an. Der Unterschied zwischen Ost und West ist gravierend, das ist beschämend. Und auf künstlerischer Seite gibt es wenige Ostkünstler, die regelmäßig im Westen touren. Selbst jemand wie Wenzel tourt zu 75 bis 80 Prozent im Osten. In unserer Szene existieren nach wie vor Ost und West, und das ist für mich ein wenig deprimierend nach dreißig Jahren.  


Wenzel: Ich spiele sogar fast überhaupt nicht mehr im Westen. Mir geht die Ignoranz auf den Keks. Ich mache das dreißig Jahre, und es ist ein sehr komplizierter Prozess gewesen. Die Akademie der Künste Ost und West hat vier Jahre gebraucht, sich zu vereinigen, das PEN-Zentrum zehn Jahre, die Anglerverbände Ost und West haben es erst vor zwei Jahren geschafft. Das, was man als Osterfahrung hatte, ist zusammengebrochen. Die Westler haben diese Erfahrung nicht, bei ihnen war es ein sukzessiver Prozess, dass das soziale Gitter des Staates durch Hartz IV und andere Reformen vernichtet wurde. Damals als linksversiffte Alternative beschimpft zu werden, wäre nicht in aller Öffentlichkeit möglich gewesen. Das gesellschaftliche Klima in den letzten dreißig Jahren hat sich unwahrscheinlich nach rechts bewegt.


Kleff: Frage an den Westkünstler Maurenbrecher. Du hast ja mit „Wessi“ ein wichtiges Lied geschrieben, das auch den Liederpreis bekommen hat. Vielleicht kannst du ein bisschen beschreiben, wie es in der Gegenbewegung ist, also der Wessi im Osten?  


Manfred Maurenbrecher: Ich war 1990 sehr neugierig auf Zusammenarbeit mit Künstlern aus der DDR und war entsetzt über die Wahlergebnisse. Ich gehöre zu einer Gruppe von Westdeutschen, die sich gewünscht hätten, dass ein demokratischer Sozialismus in der DDR weitergeführt wird und wir davon lernen können. Was dann passiert ist, sehe ich genau umgekehrt. Diese sogenannten neuen Bundesländer wurden von der Kapitalistenklasse als Versuchsfeld des Sozialabbaus genommen, und das ist wunderbar geglückt. Hartz IV hat alle betroffen, die Westbundesländer werden auf das Niveau der neuen Bundesländer runtergeführt, und das war eigentlich der Sinn dieser Vereinigung. Was mich betrifft, spiele ich vor zwanzig bis zweihundert Leuten, und das geht in Suhl so gut oder schlecht wie in Freiburg. Wo ich gar nicht spiele, ist Bayern. Dort komme ich nicht klar, die erleben meine Art von Humor als aggressiv. Und das ist ja Westen. Ich denke, wenn die Rede von Identität ist, werden diese Trennungen mittlerweile andere sein. Für Leute unter 25 spielt dieses Ost-West weniger eine Rolle als Fragen wie: „Wo studiere ich? Wo ist es noch einigermaßen sozial? Wo werden die Eltern nur noch zum Portemonnaie gebeten?“  


Kleff: Frage an Petra Rottschalk im Hinblick auf die Gesellschaftsstruktur. Du bist Kulturamtsleiterin, das heißt, du steckst mittendrin in der politischen Hierarchie.


Petra Rottschalk: Es war insbesondere Anfang der Neunziger, dass große Kulturhäuser schnell zu Möbellagern oder Teppichverkaufsstellen umgebaut und später sogar abgerissen wurden. Es hatte aber auch damit zu tun, dass die Leute sich anders orientierten, nicht mehr zu Veranstaltungen hingingen, sodass diejenigen, die das Sagen hatten, sagten: Wird nicht mehr gebraucht. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass seit zehn, fünfzehn Jahren bestimmte Dinge wiederaufgebaut werden – sehr mühsam und letztlich mit Unterstützung von Landes- und Bundesregierungen. Die Saalgärten zum Beispiel, die auch Veranstaltungszentren im Rahmen des Festivals sind und die wir Ende der Neunziger als soziokulturelles Zentrum eröffnet haben, waren eine alte Lederfabrik.


Kleff: Jürgen, vielleicht schilderst du deine Eindrücke, weil Leipzig ja auch ein Zentrum in Sachen Folk und Lied war und nach wie vor ist.  


Jürgen B. Wolff: Klar ist vieles verschwunden, und nach der Wende wusste man gar nicht mehr, wo man jetzt noch spielen soll. Alle wollten irgendwelche drittklassigen Westkapellen hören. Dann fand ein unglaublicher Aufbruch statt. Wir hatten in Leipzig den Klub Tuvalu gegründet und haben dort vor vollen Häusern gespielt. Dann brach das alles sukzessive wieder zusammen, bevor schöne neue Spielstätten wie Werk 2 oder das UT Connewitz entstanden. Auch die Szene hat sich verändert. Die Jungen haben längst gelernt, dass sie sich nicht auf irgendwelche Strukturen verlassen können. Die sagen: „Ich brauche keine Firma mehr, die meine CD produziert, das mache ich selber …“ Das ist für uns ziemlich gruselig, weil wir mit Veränderungen mittlerweile genug komische Erfahrungen gemacht haben.  


Kleff: Wir haben also einmal die finanziellen, organisatorischen Rahmenbedingungen für Kultur, andererseits aber auch die Bewusstseinslage. Wie kommt dieses Bewusstsein zustande, das hier kritisiert wird, und was kann man tun, um etwas zu verändern? Wenzel, du hast dich ja sehr mit der Frage von Identität und Bewusstsein beschäftigt.  


Wenzel: Es ist dasselbe, wie wenn ich Lyrik schreibe, um mich selbst zu finden. Wann habe ich mich verloren? Es gibt keine Identität in diesem Sinne, das ist ein fiktionaler Begriff. Was wir haben, sind kulturelle Wurzeln. Wenn wir nicht verwurzelt sind in unserer Zeit und Kultur, haben wir keine Kraft, Widersprüche zu erkennen und anzugehen. Die Geschichtslosigkeit, in der wir leben, ist genau der Hebel, diese Mechanismen wegzunehmen. Wenn wir nicht mehr geschichtlich denken, sind alle Zustände, die wir erleben, wie eine Schlechtwetterperiode. Aber alle Verhältnisse, unter denen wir leben, sind menschengemacht. Die Probleme, die wir heute haben, sind geschichtlich produzierte Probleme, und deswegen müssen wir mit einer geschärften historischen Weitsichtigkeit an die Sache herangehen. Wo beginnt der Sound der Straße von Pegida? Der beginnt 1990 als Folge des Zusammenbruchs der DDR. So haben die Leute damals gerufen. Sie waren instrumentalisiert von einigen Kräften, die das nationale Gefühl über das politische gestellt haben. Das ist eine alte Technik in der Geschichte, die 1990 von Kräften in der Bundesrepublik instrumentalisiert wurde, um bestimmte Errungenschaften, die die bundesdeutsche Republik hatte, wieder rückgängig zu machen. Und dafür hat man eine ganze Menge auch von den blöden Ossis gebraucht. Unter diesem Zustand leben wir, das ist eine Folge von sehr großen Fehlern, die in der Vereinigung passiert sind.


Kleff: Die Frage ist, wie man ein stärkeres Nachdenken in die Gesellschaft bringt, damit sich auch Verhalten ändert.


Maurenbrecher: Ich finde, es geht ein bisschen schnell mit der Frage, was man tun kann. Du hast schon recht damit, Wenzel, dass man diese Wurzel noch ein bisschen ausgraben müsste. Der Plan, das Gebiet der DDR als Versuchsfeld für den Abbau der alten Bundesrepublik zu nehmen, hat, glaube ich, schon in den Jahren vor ’89 existiert. Ich habe das selber erlebt. Ich war bei einem von der FDJ organisierten Rockpoeten-Festival in Dresden im Sommer ’89 dabei. Da tauchten auf einmal Buttons auf, auf denen stand: „Bundeswehr – ja bitte!“ Keiner wusste, wo die herkamen. Die Leute, die sie trugen, wurden auch abgedrängt, wir sollten das nicht sehen. Mittlerweile bin ich überzeugt davon, dass die irgendwer aus dem Westen rübergeschmuggelt hat und das schon damals eine gezielte Aktion war. Ich denke aber, dass es mittlerweile auch viele positive Gegenbewegungen gibt, zum Beispiel die Liedertour in Leipzig. Das ist eine Ost-West-Verbindung auf sehr bescheidenem, aber beharrlichem Niveau, wo Menschen in unserem künstlerischen Bereich zusammen Konzerte machen und sich kennenlernen.


Kleff: Was kann eine kleine, aber feine Zeitschrift wie der Folker leisten?


Kamp: Wir haben damals ja auch gesagt: Warum soll es zwei Zeitschriften, also eine im Osten und eine im Westen geben? Wir haben niemanden übernommen oder niemand hat uns übernommen, sondern waren gleichberechtigte Partner, die sich zum Folker zusammengeschlossen haben – das Leipziger Folksblatt und der Folk-Michel. Hätte die Politik ähnlich gehandelt, hätten wir einen Großteil der Probleme, die wir heute haben, vermutlich nicht. Was der Folker als Zeitschrift machen kann, ist eigentlich nicht viel. Wir sind zu klein, um Initiativen anzustoßen, können eigentlich nur beobachten. Ich weigere mich aber, zu sagen, wir sind zu alt. Auch wir alten Säcke müssen den Arsch hochkriegen und Initiativen unterstützen, die gegen die Faschisierung der Gesellschaft kämpfen.  


Kleff: Noch einmal zu dem Gedanken der Wurzeln und der Geschichtslosigkeit. Wenzel, wie können wir gegen die Geschichtslosigkeit angehen?  


Wenzel: Wenn es ein Rezept gäbe, hätte man das sofort gemacht. Es ist nicht so einfach. Es gibt diesen schönen Satz von Bertolt Brecht, der sagte: „Es setzt sich nur so viel Wahrheit durch, wie wir durchsetzen.“ Mehr kann man dazu nicht sagen. Man muss sozusagen auf die Wahrhaftigkeit bauen und nicht versuchen, irgendwo jemandem zu Munde zu reden, sondern sehr klar bleiben in seiner ästhetischen und künstlerischen Arbeit und fleißig über die Lande ziehen wie ein Wanderprediger, damit die Leute das Nachdenken und das Zusammensein nicht verlernen, dass sie nicht in den Echokammern ihrer sozialen Netzwerke verkümmern.  


Maurenbrecher: Ich finde das sehr richtig. Ich würde gern als Beispiel Pete Seeger anführen, der in der Zeit, in der er nicht auftreten durfte, an Schulen gegangen ist und gesagt hat, er bringt Kindern Volkslieder bei, und ihnen gleichzeitig politische Lieder beigebracht hat. Viele dieser Schüler und Schülerinnen wurden dann selber Musiker.


Kleff: Pete Seegers Motto lautete: „Think globally, act locally.“ Das meint ja beide Ebenen, also den intellektuellen Kampf gegen Geschichtslosigkeit und die Arbeit vor Ort mit einem Programm mit Gedichten, mit Liedern, um etwas in der Gesellschaft voranzubringen. Petra, dann doch noch mal zurück nach Rudolstadt. Wie setzt ihr euch damit auseinander, dass Menschen in einer Region, in der dieses weltoffene Festival stattfindet, ihr Kreuzchen bei einer Partei wie der AfD machen?


Rottschalk: Da bin ich auch ziemlich ratlos. Wir machen seit 29 Jahren dieses Festival und glauben, dass wir unsere Bevölkerung aufschließen konnten für eine Offenheit, eine Toleranz gegenüber anderen Kulturen. Nachdem viele die ersten Jahre sehr gegen das Festival waren, fiebern die Leute jetzt das ganze Jahr die vier Tagen herbei und sind begeistert. Da könnte man denken: Jetzt ist Wahl, jetzt müsste es doch eigentlich ein besseres Ergebnis sein. Ist es aber nicht. Wir haben sogar schlechtere Ergebnisse als Saalfeld oder andere Thüringer Städte. Das heißt aber nicht, dass wir verzagen, wir machen natürlich weiter, machen Projekte und versuchen, dieses Festival gut weiterzuführen.  


Kleff: Dann gehen wir an dieser Stelle jetzt auch ins Publikum.  


Publikum: Wenn man den Folker liest mit den Tourneeseiten, da fällt mir auf, dass es auch nach dreißig Jahren reine Westtourneen gibt, mit der Ausnahme von Berlin, aber Berlin ist auch nur drin, weil es mal Westberlin gab. Warum ist das nach dreißig Jahren immer noch so? Sind die Agenten vielleicht auch zu bequem? Im Osten kennt man halt nichts. Es gibt Ausnahmen, aber in der Regel ist es so, dass immer noch reine Westtouren gelistet sind.


Kamp: Das ist extrem schwer zu sagen, aber ich denke, es ist eine Frage der Netzwerke, und die sind wahrscheinlich über Jahre und Jahrzehnte gewachsen. Die sind im Westen gewachsen, und wenn ich ein Agent bin für die Gruppe XY aus den USA, aus Schottland oder woher auch immer, und ich kriege die zwei Wochen im Westen voll, warum sollte ich dann irgendwelche Bretter im Osten bohren. Für mein Geld, das ich für die zwei Wochen bekomme, reicht das völlig.  


Publikum: Mir blutet das Herz, wenn ich Wenzel höre und er sagt, er fühle sich nicht akzeptiert im Westen. Ich bin aus Bayern, aus Oberfranken. Ich bin begeistert, was du da auf die Reihe bringst, wie poetisch das alles ist, auch wie akzentuiert gesellschaftskritisch. Deswegen hat mir das vorhin einen kleinen Stich ins Herz gegeben, was du über den Westen gesagt hast. Aber ich verstehe es, ich bin dort auch ein Außenseiter. Wenn ich mich mit meinen Freunden unterhalte, dann sagen die: „Was? Wenzel? Hab ich noch nie gehört.“  


Wenzel: Die Blödheit ist in Ost und West gleich verteilt, das muss man sagen, wir haben hier bloß andere Strukturen. Ich will ein Beispiel nennen. Wir hatten, mal ein Treffen in Tutzingen, zehn, zwölf Jahre ist das her. Da wurden Liedermacher aus Ost und West eingeladen vom ZDF. Michael Kleff rief mich an und fragte: „Wieso bist du denn da nicht drauf auf der Liste?“ Und ich sagte: „Na, hat sich noch nicht rumgesprochen, dass ich Lieder schreibe.“ Schließlich lud man mich dann auf Intervention von Michael Kleff doch ein. Das Interessante war dann – es war eine Fernsehaufzeichnung: Immer, wenn ich im Fernsehen zu sehen war, stand als Bildunterschrift drunter: „Hans-Eckardt Wenzel, Liedermacher (Ost)“. Bei keinem Kollegen aus dem Westen gab es diesen Zusatz! Ich habe daraufhin dem ZDF geschrieben, was dieses „Ost“ bedeutet, ob das heißt, dass ich kein richtiger Liedermacher bin, oder warum braucht man dieses „Ost“? Bei Angela Merkel schreibt man doch auch nicht hin „Bundeskanzlerin (Ost)“.  


Kleff: Die Medien wären noch mal ein ganz gesondertes Thema, etwa wie sich in den letzten dreißig Jahren im Rundfunk die Berichterstattung geändert hat in Sachen Ost-West, aber auch überhaupt die Frage, wo Liedermacher in den Medien stattfinden.  


Publikum: Ich hätte eine kleine Anregung. Vielleicht mal darüber nachdenken, ob man den Folker ein bisschen umbenennt. Mein Vorschlag wäre „Folkie“ oder so was in der Art. Es gibt ja noch mehr als die andere Hälfte der Menschheit.


Kleff: Bezogen auf den Folker also gendergerechte Sprache?


Kamp: Ich habe immer gedacht, der Name „Folker“ wäre selbsterklärend, aber das ist er scheinbar nicht. Ich habe lustigerweise vor ein paar Wochen einen Artikel für eine schottische Zeitung geschrieben, da hatte ich durchaus das Gefühl, ich müsste erklären, warum der Folker „Folker“ heißt, und da habe ich dann geschrieben: „Wenn ich Rockmusik mag, bin ich ein Rocker, wenn ich Jazzmusik mag, bin ich ein Jazzer, und wenn ich Folkmusik mag, bin ich eben ein Folker.“ Und ich wusste nicht, dass es Folkerinnen oder Folker gibt, für mich war das ein ganz neutraler Name, als er damals 1997 oder so erfunden worden ist. Ich glaube nicht, dass wir den Namen ändern sollten oder müssten. Was wir müssen, ist was ganz, ganz anderes. Da steht ja so wunderschön „song – folk – global“ im Untertitel drauf, das sind die drei Säulen, die der Folker vertritt. Und gerade bei der Folkmusik ist ja eine besondere Schizophrenie zu beobachten. Damals in der DDR war Volksmusik, wenn zum Beispiel die Folkländer loslegten, sozusagen Untergrundmusik. Das war im Prinzip Widerstandsmusik. Da konntest du singen, dass du jetzt von Frankfurt an der Oder nach Frankfurt an den Main gehen würdest – was in der Realität ja gar nicht möglich war, aber im Lied war es möglich. Wir wissen auch seit Steinitz, dass es Volkslieder demokratischen Charakters gibt, jede Menge davon. Und wir sitzen jetzt hier als diejenigen, die Folk und Volksmusik mögen und haben tierische Angst vor dieser AfD, dass die eventuell unsere Volksmusik kapern könnten, weshalb wir uns nicht mehr trauen, unsere traditionellen Volkslieder zu singen, weil das irgendwie „tümlich“ klingen oder rechtslastig wirken könnte. Tänze machen wir auch selten oder Instrumentalmusik, daran merken wir, dass wir ein ganz seltsames Verhältnis dazu haben, und das ist Teil des Problems der Identität. Selbst das Wort Identität ist schon wieder problematisch, denn diese extrem Rechten nennen sich ja auch „die Identitären“. Da kriegt man schon wieder Pickel im Mund, wenn man so etwas ausspricht. Also ich denke, wenn wir keine vernünftige Einstellung zu den demokratischen Volksliedern unseres eigenen Landes haben, dann bekommen wir auch keine gesunde Einstellung zu allen anderen sozialen Problemen, die wir hier haben.  


Kleff: Wahrscheinlich müssen wir das noch mal wiederbeleben, was in den Endfünfzigerjahren beziehungsweise Anfang der Sechzigerjahre in Westdeutschland stattgefunden hat, wo eben der demokratische Charakter deutscher Volkslieder wiederentdeckt wurde, zum Beispiel auf der Burg Waldeck. Offensichtlich brauchen wir ein neues Wiederentdecken, um diesen Aspekt unserer deutschen Geschichte erneut in den Vordergrund zu schieben. Man muss diese Begriffe wieder für sich reklamieren und sie nicht den anderen überlassen. Das ist eine Entwicklung, die man auch in den USA zurzeit erlebt, dass die Rechte dort alle Begriffe – von der Fahne bis zur Nationalhymne – für sich reklamiert, und die Fortschrittlichen im Land haben sich das aus der Hand nehmen lassen. Da gibt es ebenfalls eine Debatte, was man tun kann, um bestimmte demokratische Symbole und Inhalte und Worte wieder für sich zu reklamieren und nicht den anderen zu überlassen.  


Wenzel: Wir brauchen Symbole. Nicht das Internet ist schuld, nicht das Haschisch und nicht das Symbol, sondern es ist der Gebrauch. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir mit den Dingen und den Medien umgehen – das ist unser Problem, nicht die Medien selbst.  


Kleff: Wenn ich noch mal an die Wahlergebnisse denke und das Rudolstädter AfD-Ergebnis ins Verhältnis setze zu dem doch florierenden hiesigen Festival. Wie ist das möglich? Ist das Festival zu groß, kann die Stadt mit dem Besucherandrang überhaupt noch umgehen, und führt das unter Umständen zu Gegenreaktionen in der Bevölkerung, die sich überfordert fühlt?  


Rottschalk: Wir haben ja darauf reagiert. Wir haben die Besucherzahl beschränkt, und ich denke, man hat das letztes Jahr gemerkt. Auch in diesem Jahr müsste es eigentlich spürbar sein. Es gibt natürlich immer Einzelbeispiele von Leuten aus der eigenen Stadt, von denen man weiß, dass sie ansonsten ihr Auto in der Garage haben und es jetzt zum Festival eben draußen auf die Straße stellen, damit bloß kein Fremder diesen Platz einnehmen kann, um das so eben wirklich auch zu zeigen. Aber es gibt genauso viele andere, die sich freuen, die dieses Festival nicht missen wollen. Und die Anzahl der Karten im eigenen Landkreis hat auch zugenommen. Wie das zu den Wahlergebnissen in Beziehung steht, da bin ich echt überfragt.  


Publikum: Ein Problem besteht einfach darin, dass wir in dem Kreis alle „katholisch“ sind. Wenn ich zu Wenzel ins Konzert gehe, dann treffe ich mich mit Gleichgesinnten. Ich glaube, man muss einfach – so gehe ich jedenfalls aus dieser Diskussion raus – das, was man denkt, dorthin zu tragen, wo es nicht bekannt ist. Ich bin in Berlin im Förderkreis des Deutschen Theaters, wir gehen jetzt wieder in die Schulen und finden dankbare Aufnahme. Die kannten das DT nicht mehr, und es war ihnen auch nicht mehr klar, dass das im Herzen des historischen ostdeutschen Berlins liegt. Ich danke euch dafür, dass ihr mir mit diesem Gespräch noch einmal einen Impuls gegeben habt, den eingefahrenen Ameisenpfad mal wieder zu verlassen.  


Kleff: Das ist ein weiterer Mosaikstein. Vielleicht ist es auch wichtig, mehr über die vielen kleinen Dinge zu erfahren, die überall im Land passieren, weil sie gegenseitig Mut machen. Das gehört ja auch zu Pete Seegers Ansatz, den Menschen Mut zu machen, dass jeder in seinem Bereich etwas macht, was wieder andere ermutigt, in ihrem Bereich etwas zu machen.  


Publikum: Ich habe noch eine Frage zur kulturellen Identität in Ost und West. Die Erfahrungen, von denen ihr jetzt berichtet habt, gelten ja alle nur für unsere Generation, die zum Zeitpunkt des Mauerfalls schon erwachsen war und das sehr bewusst miterlebt hat. Gibt es denn da wohl einen Unterschied zur jetzigen Generation, also der, die da erst geboren wurde, also zu den jetzt ungefähr Dreißigjährigen, die im Grunde schon in dem gesamtdeutschen Staat sozialisiert worden sind?  


Maurenbrecher: Also ich glaube, der Unterschied ist sehr groß. Ich will mal eine kleine Anekdote erzählen. Unser Sohn, Westberliner, hat uns kurz vorm Abi gesagt: „Ich gehe auf keinen Fall in den Osten studieren.“ Dann kam er an und sagte: „Also, ich gehe jetzt nach Erfurt.“ Der wusste gar nicht, dass das zwar westlich von Berlin liegt, aber zum Osten gehörte. Ich denke, wenn man so ganz junge Kolleginnen und Kollegen kennt und mit denen redet, ist diese Ost-West-Sache nicht das wesentliche Problem ihres Lebens. Bei diesen jungen Künstlern sind die entscheidenden Fragen: Wie kann ich mich etablieren? Kann ich überhaupt davon leben? Wie geht das? Und die sind in Duisburg genauso unbeantwortet wie in Weimar.


Publikum: Noch mal zur Jugend … Die jüngere Generation, die Generation nach uns, die ist ja sozial vernetzt. Die haben gar nicht das Problem „deutsch-deutsch“. Deren Thema ist viel mehr Europa, wenn sie nicht sogar weltweit vernetzt sind. Ich sehe das sehr positiv, positiver als die meisten von euch offensichtlich. Ich setze da sehr viel Hoffnung in die Jugend. Ich meine, wir können von denen lernen, weil man nämlich auch mal ein bisschen das Gute sehen muss. Wir sind hier immer ein bisschen arrogant den nächsten Generationen gegenüber, und ich fühle mich da doch irgendwie den jüngeren Leuten sehr viel mehr verbunden.  


Wenzel: Ich möchte nur sagen, dass es immer auch darauf ankommt, in welcher Familie sie sozialisiert werden. Von meinen Kindern ist die Hälfte vor der Mauer geboren, die andere Hälfte nach der Mauer. Ich habe sehr viel mit jungen Leuten zu tun, kümmere mich um sehr viele Bands und Schulklassen, mache Workshops – es hat auch etwas damit zu tun, ob sie eine Ostsozialisation erfahren haben oder eine Westsozialisation. Das wird nicht abgekapselt. Die Eltern wachsen sozusagen mit einer gewissen Erfahrung auf und geben diese unbewusst auch ihren Kindern weiter. Natürlich haben sie die Möglichkeit, überall in Europa zu studieren, das ist auch etwas Wunderbares und darum beneide ich diese Generation sehr. Meine Tochter kommt heute von einem Jahr Frankreich-Schulaustausch zurück, was hätte ich dafür gegeben, wenn ich das hätte machen können. Aber die Wurzeln bleiben trotzdem etwas Bestimmendes, wir können uns nicht in der beliebigen, sogenannten globalisierten Welt auflösen. Dann sind wir nichts, dann sind wir nur noch ein Like-Button im Internet. Unsere Form ist da, unsere regionale Form, unsere regionale Wurzel. Unsere kulturelle Wurzel ist das, was uns stärkt, und das wird auch keine Globalisierung abschaffen. Wenn sie das abschafft, dann haben wir verloren.  


Kleff: Wir haben noch eine Wortmeldung am Ende dieser Diskussion von Hartmut Franz, dem ehemaligen Bürgermeister von Rudolstadt. Bevor ich ihm das Wort erteile, will ich noch schnell eine Anekdote erzählen. Ich erinnere mich an das erste Festival 1991. Die Planung war damals, dass das Festival alle zwei Jahre stattfinden soll, weil wir nicht wussten, ob wir die Finanzen und die Organisationsstruktur haben, um es jedes Jahr durchzuführen. Es war ein wunderbares kleines Festival, und am Ende geht der Bürgermeister auf die Bühne, bedankt sich bei den Besuchern aus nah und fern und sagt: „Wir sehen uns dann wieder im kommenden Jahr.“ Wir haben uns alle angeschaut: „War das abgesprochen? Wusstest du das?“ Hartmut Franz hat das, vermute ich mal, einfach aus dem Bauch heraus gemacht, weil er gefühlt hat, wir müssen das jetzt sofort fortführen, denn die Widerstände waren damals auch in Teilen der Bevölkerung da, und ein kluger Lokalpolitiker hat sofort gesehen: Wenn wir das jetzt nicht auf die Schiene setzen, haben die Gegner zwei Jahre lang Zeit, um eine zweite Ausgabe zu verhindern. Wenn wir aber jetzt schon sagen, wir machen weiter, ist vielen der Wind aus den Segeln genommen. Ich bin Ihnen heute immer noch sehr dankbar dafür, dass Sie das damals gemacht haben. Ich glaube, es war entscheidend dafür, dass wir heute hier noch sitzen.


Franz: Das war nicht der Grund dafür, dass ich mich jetzt gemeldet habe. Ich habe mich gefreut, dass es in der Diskussion, die wir hier heute gehabt haben, zum Schluss auch eine optimistische Stellungnahme gegeben hat, die ein bisschen Hoffnung gemacht hat. Ich zähle uns nämlich auch zu den alten Säcken, gehöre natürlich zu den Optimisten und möchte ganz gern etwas sagen zu der etwas pessimistischen Aussage, über die hier ganz am Anfang gesprochen worden ist, als wir über die Anfänge nach 1990 gesprochen haben. Die Tatsache, dass wir im nächsten Jahr das dreißigste Fest erleben und wir alle uns jedes Jahr auf dieses Fest freuen … – ich möchte im Prinzip Petra Rottschalk wirklich unterstützen und sagen, dass es wesentlich mehr Rudolstädter gibt, die sich auf dieses Fest freuen, als solche, die provokativ ihr Auto auf die Straße stellen. Wenn wir unsere Kulturlandschaft – vor allen Dingen, was wir hier in Rudolstadt haben – mal vergleichen mit dem, was damals gewesen ist, und uns noch mal in Erinnerung bringen, wie das Tanzfest vor der Wende gewesen ist, wo im Prinzip hier Truppen aus Kombinaten aufgetreten sind, die uns das sozialistische Arbeitsleben tanzend vorgetragen haben, dann ist mir bei diesem Fest, das ich jetzt bereits zum neunundzwanzigsten Mal erlebe, wesentlich angenehmer.