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»Das mit Rudolstadt hat wunderbar geklappt, da gibt es wirklich eine funktionierende Ost-West-Kooperation.«
Mike Kamp
Folker-Gespräch Rudolstadt 2019, (v. l.) Kamp, Maurenbrecher, Kleff, Rottschalk, Wenzel, Wolff * Foto: Michael A. Schmiedel

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Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

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Deutsche Zustände – Kulturelle Identität nach der deutschen Vereinigung

Eine Gesprächsrunde beim Rudolstadt-Festival 2019

Vom 9. bis 11. November 1990 fand in Bad Hersfeld das Herbsttreffen des Verbandes Profolk statt.* Im Anschluss an die Veranstaltung trafen sich Vertreter aus Deutschland Ost und West, um über Aspekte des möglichen Zusammengehens der beiden Folk- und Liedszenen zu diskutieren. Das Treffen gilt als inoffizielle Geburtsstunde des Rudolstadt-Festivals. Vor dem Hintergrund der Veranstaltung in Bad Hersfeld ging es beim diesjährigen Festival in Rudolstadt dreißig Jahre nach dem Mauerfall um die Frage nach den Grenzen und Möglichkeiten der Gemeinschaft in den vergangenen drei Jahrzehnten. An dem Gespräch nahmen unter der Leitung von Michael Kleff Rudolstadt-Festivaldirektorin Petra Rottschalk, der Grafiker, Folkmusiker und Liedermacher Jürgen B. Wolff, die Liedermacher Manfred Maurenbrecher und Hans-Eckardt Wenzel sowie Folker-Herausgeber Mike Kamp teil.

Michael Kleff: Wie habt ihr euch damals in der Situation gefühlt und was ist dreißig Jahre später im Rückblick aus den Sorgen und Hoffnungen geworden? Vielleicht fangen wir mit Mike Kamp an.



Mike Kamp: Das, was für die Szene aus Bad Hersfeld zurückkam, klang eigentlich ziemlich optimistisch. Von heute aus betrachtet, hat das mit Rudolstadt wunderbar geklappt, da gibt es wirklich eine funktionierende Ost-West-Kooperation. Wenn ich mir allerdings so gut wie alles andere anschaue, bin ich sehr enttäuscht darüber, wie wenig sich in den letzten dreißig Jahren getan hat. Das fängt bei den ökonomischen Bedingungen an. Der Unterschied zwischen Ost und West ist gravierend, das ist beschämend. Und auf künstlerischer Seite gibt es wenige Ostkünstler, die regelmäßig im Westen touren. Selbst jemand wie Wenzel tourt zu 75 bis 80 Prozent im Osten. In unserer Szene existieren nach wie vor Ost und West.



Hans-Eckardt Wenzel: Ich spiele sogar fast überhaupt nicht mehr im Westen. Mir geht die Ignoranz auf den Keks. Ich mache das dreißig Jahre, und es ist ein sehr komplizierter Prozess gewesen. Die Akademie der Künste Ost und West hat vier Jahre gebraucht, sich zu vereinigen, das PEN-Zentrum zehn Jahre, die Anglerverbände Ost und West haben es erst vor zwei Jahren geschafft. Das, was man als Osterfahrung hatte, ist zusammengebrochen. Die Westler haben diese Erfahrung nicht, bei ihnen war es ein sukzessiver Prozess, dass das soziale Gitter des Staates durch Hartz IV und andere Reformen vernichtet wurde. Damals als linksversiffte Alternative beschimpft zu werden, wäre nicht in aller Öffentlichkeit möglich gewesen. Das gesellschaftliche Klima in den letzten dreißig Jahren hat sich unwahrscheinlich nach rechts bewegt.



Kleff: Frage an den Westkünstler Maurenbrecher. Du hast ja mit „Wessi“ ein wichtiges Lied geschrieben, das auch den Liederpreis bekommen hat. Vielleicht kannst du ein bisschen beschreiben, wie es in der Gegenbewegung ist, also der Wessi im Osten?



Manfred Maurenbrecher: Ich war 1990 sehr neugierig auf Zusammenarbeit mit Künstlern aus der DDR und war entsetzt über die Wahlergebnisse. Ich gehöre zu einer Gruppe von Westdeutschen, die sich gewünscht hätten, dass ein demokratischer Sozialismus in der DDR weitergeführt wird und wir davon lernen können. Was dann passiert ist, sehe ich genau umgekehrt. Diese sogenannten neuen Bundesländer wurden von der Kapitalistenklasse als Versuchsfeld des Sozialabbaus genommen, und das ist wunderbar geglückt. Hartz IV hat alle betroffen, die Westbundesländer werden auf das Niveau der neuen Bundesländer runtergeführt, und das war eigentlich der Sinn dieser Vereinigung. Was mich betrifft, spiele ich vor zwanzig bis zweihundert Leuten, und das geht in Suhl so gut oder schlecht wie in Freiburg. Wo ich gar nicht spiele, ist Bayern. Dort komme ich nicht klar, die erleben meine Art von Humor als aggressiv. Und das ist ja Westen. Ich denke, wenn die Rede von Identität ist, werden diese Trennungen mittlerweile andere sein. Für Leute unter 25 spielt dieses Ost-West weniger eine Rolle als Fragen wie: „Wo studiere ich? Wo ist es noch einigermaßen sozial? Wo werden die Eltern nur noch zum Portemonnaie gebeten?“


Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt, eine längere Zusammenfassung findet sich im Heft. In Kürze wird zudem eine komplette Abschrift des Gesprächs an dieser Stelle nachzulesen sein.

* Mit dem Fall der Mauer bekam die Ostszene auch im Folker-Vorgänger Folk-Michel einen neuen Stellenwert in der Berichterstattung. Die zwischen 1990 und 1993 dazu veröffentlichten Artikel und Interviews können jetzt unter folker.de/folker-archiv/folker-archiv-ddr.php noch einmal nachgelesen werden. Darunter auch der Mitschnitt der Diskussion in Bad Hersfeld.