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Backkatalog   Ausgabe Nr. 4/2018   Internetartikel
Imarhan * Foto: Babette Michel

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Aktuelles Album:


Temet
(City Slang, 2018)



Cover Temet


Imarhan

Atem der Wüste

In der algerischen Oasenstadt Tamanrasset ist eine junge Generation von Wüstenmusikern herangewachsen: die Band Imarhan. Kraftvoll knüpft sie mit Gitarren, Bass, Drums, Percussion und Gesang an den Sound der berühmten Band Tinariwen an und verbindet Funk, Blues und Rock mit dem Folk der Sahara. Auch auf dem neuen Album Temet. Die fünf jungen Musiker von Imarhan gehören zum Nomadenvolk der sogenannten Tuareg, die sich selbst lieber Kel Tamashek nennen.

Text: Babette Michel

Ein schwülwarmer Sommerabend in Köln 2016. Im Innenhof des Clubs Bahnhof Ehrenfeld darf ich erleben, wie fünf junge Männer sich am plötzlich einsetzenden Regen erfrischen und erfreuen. Lachend fangen sie die Tropfen mit den Händen, wie Kinder hüpfen sie durch die Pfützen. Die Musiker kommen aus Tamanrasset, wo Regen selten und die Sommer lang und glühend heiß sind. „Wir leben in der Wüste“, rufen sie mir zu. „Die endlose Weite und die Sanddünen der Sahara umgeben die südalgerische Oasenstadt.“ Dort sind die fünf Freunde in unmittelbarer Nachbarschaft aufgewachsen. Gitarrist und Leadsänger Iyad Moussa Ben Abderahmane, der auch Sadam genannt wird, Bassist Tahar Khaldi, Percussionist und Drummer Hicham Bouhasse, Percussionist Haiballah Akhamouk und Gitarrist Abdelkader Ourzig.
„Wir kennen einander seit unserer Kindheit in der Siedlung Serssouf“, erzählt Sadam. „Wir sind in dieselbe Schule gegangen und haben schon als Kinder zusammen Musik gemacht. Das Leben in Tamanrasset ist das Beste, was es gibt, obwohl die Stadt ständig wächst, es viel Arbeitslosigkeit gibt und wir einiges entbehren müssen. Die meisten Leute dort arbeiten als Mechaniker und Bauarbeiter. Da die Grenzen lange Zeit geschlossen waren, haben die Menschen, die vom Tourismus lebten, alles verloren. Unser tägliches Leben aber ist ruhig. Als Kel Tamashek fühlen wir uns in Tamanrasset in keiner Weise diskriminiert. Ich bin Moslem. Meine Religion hilft mir, zu leben und den rechten Weg zu gehen.“

„Idarchan Net“ – „Seine Wege“
„Ich folge seinen Wegen. Ich trage sein Wasser. Am Tag, in der Nacht, bis zum Morgen bin ich unterwegs. Wenn die Sonne im Zenith steht, schläft der Mond. Ich folge seinen Wegen. Ich trage sein Wasser.“

Die melancholischen Gesänge aus der Wüste, die einsaitige, von den Frauen gespielte Fidel Inzad, die Minigitarre Teherdent und die Tinde-Trommeln, zu deren Rhythmus sogar die Kamele zu tanzen beginnen – all das ist den jungen Wüstenmusikern vertraut. Aber auch „westliche“, internationale Musik, die sie als Jugendliche in Tamanrasset im Radio gehört haben. Aus diesen Einflüssen haben sie ihre eigene Musik entwickelt und 2006 die Band Imarhan gegründet.
Sadam, Hicham, Tahar, Abdelkader und Haiballah gehören zu einem Volk, für das sich die Bezeichnung Tuareg eingeschliffen hat, das sich selbst aber lieber Kel Tamashek nennt: „Menschen, die die Sprache Tamashek sprechen“. Tamashek ist Teil des Zweiges der Berbersprachen in der afroasiatischen Sprachfamilie. „Imarhan heißt auf Tamashek: ‚diejenigen, die uns etwas bedeutenʻ“, erklärt mir Sadam in seiner Sprache und übersetzt das Gesagte anschließend ins Französische. „Unsere Familie, unsere Freunde und die Gemeinschaft der Kel Tamashek bedeuten uns sehr viel. Außerdem interessiert uns alles, was in der Welt passiert. Wir möchten die Menschen daran erinnern, wie wichtig es ist, ihre Kulturen zu bewahren und die Verbindungen untereinander zu stärken. Uns liegt viel daran, unsere Sprache zu pflegen. Immer weniger Menschen können Tamashek sprechen und schreiben. Deshalb sagen wir ihnen: Vergesst eure Sprache nicht! Und wir möchten der Welt die Musik und die Poesie der Kel Tamashek nahebringen.“
Ein Jahr später beim Rudolstadt-Festival 2017. Mit ihrem energiegeladenen urbanen Wüstengroove und den Songs in ihrer Sprache versetzen die Jungs von Imarhan einige Tausend Menschen in Wellen der Begeisterung. Der Platz vor der Großen Bühne im Heinepark wird zur Wüstenoase. Call-and-Response-Gesänge sind in den Sound von Gitarren, Bass, Drums und Percussion eingebettet. Funk, Blues und Rock verbinden sich mit dem Folk der Sahara. „Die Wüste ist im Rhythmus, im Tempo unserer Musik präsent. In unseren Liedern kann man den Wind spüren, den Atem der Wüste.“ Die Festivalbesucher jubeln. Als neue Generation von Wüstenrockern wird die Band Imarhan inzwischen weltweit gefeiert. Sie setzt fort, was sie von ihren großen Vorbildern, den Wüstenrock-Pionieren Tinariwen, gelernt hat. „In den Neunzigerjahren haben wir viel Musik von Tinariwen gehört“, erinnert sich Sadam. „Tinariwen hatten damals elektrische Gitarren in die Musik der Kel Tamashek eingeführt. Mit dem Sound von Tinariwen sind wir aufgewachsen. Aber auch die typische Tinde-Trommelmusik ist für uns die Basis dessen, was wir heute machen. Wir waren immer sehr stolz darauf, dass Tinariwen durch die ganze Welt getourt sind. Tinariwen-Bassist Eyadou Ag Leche hat unsere Band Imarhan stark unterstützt. Er hat uns unsere ersten Gitarren gegeben und unser Debütalbum produziert. Außerdem ist er mein Cousin.“ Imarhans Gitarrist, Sänger und Songschreiber Sadam hat sogar selbst zwei Jahre lang bei Tinariwen gespielt. Die Tradition des Wüstenrocks wird von Imarhan weiterentwickelt. „Wir haben im Radio und im Internet in Tamanrasset viele verschiedene Musikstile gehört: Blues, Jazz, europäische Musik, afrikanische Musik, zum Beispiel von Ali Farka Touré. Davon inspiriert probieren wir gern neue Klänge aus. Wir öffnen uns, wir mischen die Elemente, und wir entdecken neue Wege für uns. Das finden wir sehr wichtig, um unsere Musik wachsen zu lassen.“ Coole Basslinien und galoppierende Grooves, Wah-Wah-Effekte auf Sadams Gitarre, energische Schläge auf Kalebasse, Djembe und Drumset sowie Gesänge voller Assouf, wie die Melancholie der Wüstennomaden genannt wird: Damit sind die jungen urbanen Rockstars ein großes Highlight – nicht nur beim größten deutschen Festival für Folk-, Roots- und Weltmusik.

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