Folker-Logo Probeabo & Abo     Mediadaten/Anzeigen

Suche
    Intern     Über uns

Kontakt/Impressum/Datenschutz

       
»Als Musiker musste ich dem Krieg, dem Hass, der Gewalt etwas entgegensetzen.«
Bahur Ghazi's Palmyra * Foto: Soblue Weina

[Zurück zur Übersicht]



Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

Oder gleich zum (Probe-)Abo.




www.bahurghazi.ch



Aktuelles Album:


Bidaya
(Jazzhaus Records/In-akustik, 2018)



Cover Bidaya


Phönix in Graubünden

Bahur Ghazi

Musik aus Syrien bereichert seit einigen Jahren verstärkt die mitteleuropäische Musikszene. Wir kennen alle die bittere Ursache dafür, und wer syrische Künstler zum Interview trifft, wird zwangsläufig mit Schicksalen konfrontiert, die einem die Kehle zuschnüren. Das ist bei dem jungen Oudspieler und Komponisten Bahur Ghazi nicht anders. Aus dem Schweizer Exil heraus hat er es geschafft, seine Sehnsucht nach einer friedlichen Heimat zu einer spannenden Synthese aus traditioneller arabischer Musik und Jazzimprovisation zu formen. Seine neuen Weggefährten sind vier Könner der helvetischen Jazzszene.

Text: Stefan Franzen

Bidaya, der Titel von Bahur Ghazis Debütalbum, ist das arabische Wort für Anfang, Start, Beginn. Und in der Tat gab es in der noch jungen Vita des Oudspielers gleich mehrfach einen Neustart, privat und musikalisch. Wer ihn zum Interview trifft, sitzt einem hellwachen, vor Begeisterung sprühenden jungen Mann gegenüber, der in sympathisch bündnerisch gefärbtem Deutsch über sich und seine Musik erzählt. „Ich komme aus Dar‘ā an der jordanischen Grenze, einer kleinen Stadt mit 40.000 Einwohnern. Die Gegend ist von Bauern geprägt, es gibt viel Gemüse und ein bisschen Musik“, lacht Ghazi. Das „bisschen“ ist eine glatte Untertreibung, denn die Volksmusik ist überall präsent auf den Straßen, in jedem Haus gibt es eine Oud, wie er gleich hinzufügt. Da bleibt es nicht aus, dass auch er, ältester Sohn in einer Familie mit elf Geschwistern, eine Faszination für die Laute entwickelt und anfängt zu spielen.
Als er elf ist, hört er im Radio eine Oud, die ihn mit ihrem kristallklaren Klang gefangen nimmt. Es ist das Instrument des berühmten irakischen Musikers Naseer Shamma. „Was hat der für Saiten? In welcher Stimmung spielt er? Das fragte ich mich und ging auf die Suche nach CDs und Kassetten von Shamma. Ich fand heraus, dass sie im Irak seit den 1920ern die technischen Möglichkeiten des Instruments vorangetrieben, andere Abmessungen entwickelt haben. So wollte ich auch spielen lernen! Ich versuchte, auf meiner Oud irgendwie Shammas Stücke hinzukriegen.“ Schließlich trifft er bei einem Konzert in Damaskus Naseer Shamma persönlich, und nach einem Vorspiel ist der Meister so beeindruckt, dass er ihm in Kairo, wo er lehrt, ein Stipendium ermöglicht. Zuvor hatte Ghazi schon versucht, am Konservatorium in Damaskus aufgenommen zu werden. Doch wer dort etwas werden will, so erfährt er am eigenen Leib, sollte mit der Regierung oder ihren Behörden verbandelt sein. „Als sie hörten, dass ich aus dem kleinen Dar‘ā komme, sagten sie nur zu mir: ‚Geh wieder zurück, Tomaten pflanzen.‘“
Bahur Ghazi gerät in der ägyptischen Hauptstadt während seiner Unizeit mitten in die Aufbruchstimmung des Arabischen Frühlings hinein, wohnt er doch nur einige Straßenzüge entfernt vom Tahrir-Platz. „Kurze Zeit später ging es auch los mit der Revolution zu Hause“, erinnert er sich. „Wir Künstler, Musiker, Schriftsteller und Grafiker haben in Kairo friedlich vor der syrischen Botschaft für ein freies Land demonstriert. Wir wollten kein Syrien mehr, in dem die Bevölkerung Angst vor ihren eigenen Behörden haben muss.“ Auch musikalisch entwickelt er sich in Kairo, wo er bald selbst an der Musikakademie lehrt, zu einem Freigeist: Aus den herkömmlichen Taktgebungen bricht Ghazi aus, entwickelt krumme Metren, neue Melodien. Bei seinen Kollegen erntet er dafür Unverständnis, sie sind der Auffassung, seine Musik sei „falsch“. „Sie wollten nur den Viervierteltakt akzeptieren. Aber ich fing eben an, im Elfertakt oder in Fünf- und Siebenachtelmetren zu schreiben. Das erste Stück, in dem ich freier bin, in dem ich weggehe von der traditionellen Musik, das ist ‚Bidaya‘, und das hat jetzt auch meiner CD den Titel gegeben. Es hat mir solche Freude bereitet, dass ich so etwas komponieren konnte. Und wenn du freier komponierst, dann ist es immer interessant!“

... mehr im Heft.