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Backkatalog   Ausgabe Nr. 4/2018   Internetartikel
»Ich war auf der Suche nach einem neuen, popkulturellen Genre, das seine Wurzeln in Kontinentaleuropa hat.«
Shantel

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Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

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Aktuelles Album:


The Bucovina Club Years
(Essay Recordings, 2017)



Cover The Bucovina Club Years


Anarchie, Romantik, Explosion

Shantels bunter Flickenteppich

Pionier und Botschafter eines Lebensgefühls. Musiker, Produzent und DJ Stefan Hantel aka Shantel, vor allem bekannt durch seine Veröffentlichungen Bucovina Club und Disko Partizani, meldet sich zurück mit Part Eins seiner bevorstehenden Shantology-Trilogie. Das im März erschienene Doppelalbum The Bucovina Club Years überzeugt mit 34 überarbeiteten Titeln aus seinem Repertoire der späten Neunzigerjahre bis 2007. Das zweite Release, angekündigt für den 1. November, wird Shantels Disko Partizani Years ab 2007 fokussieren, bevor 2019 Teil drei erscheint, der seine musikalischen Anfänge ab Ende der Achtzigerjahre repräsentiert. Balkanpop, dort wird seine Musik oft verortet. Doch anfangs legte der heute fünfzigjährige Frankfurter mit Wurzeln in Griechenland und der heutigen Ukraine in seinem illegalen Club im Frankfurter Bahnhofsviertel eher elektronische Musik auf.      

Text: Tereza Bora (Interview)

Du hast Grafikdesign studiert, warum bist du dann Musiker geworden?

Mit Musik hatte ich eigentlich schon immer zu tun. Mein Vater war Schlagzeuger, und bei uns zu Hause standen immer irgendwelche Musikinstrumente rum. Ich habe aber keine wirkliche Ambition gehabt, tatsächlich daraus einen Beruf zu machen. Meine Leidenschaft war das visuelle Arbeiten. Um mein Grafikdesign-Studium zu finanzieren, habe ich begonnen, Partys zu veranstalten, und sehr schnell festgestellt, dass die Musik eines oder das wichtigste Element ist, um so einen Abend zu befeuern und eine kosmopolitische Idee zu kommunizieren.

Das war in den Neunzigerjahren, und bald kamen deine erste Alben, Club Guerilla, Auto Jumps & Remixes, Higher Than The Funk und Great Delay: allesamt Elektronika-Productions. Warum hat sich dein Sound dann um das Jahr 2000 stark verändert?

Es fühlte sich alles gut an, wie eine Komfortzone, aber eigentlich hatte es gar nicht wirklich was mit meiner Identität zu tun. Ich bin dann durch Zufall in die Bukowina gereist, in die Stadt Czernowitz, die Geburtsstadt meiner Großeltern mütterlicherseits. Ich hatte überhaupt keine Vorstellung oder Erwartung, ich wusste nur aus Erzählungen meiner Familie und aus Büchern, es ist so ein verwunschener Traumort, der viel beinhaltet über die alten, pluralistischen, kosmopolitischen Gesellschaften in Kontinentaleuropa, die Vermischung von Ost und West, die verschiedenen Kulturen und Nationalitäten, die dort friedlich koexistiert haben. Aber die Erkenntnis kam relativ schnell, dass der mystische Ort Czernowitz heute dort nicht mehr existiert. Ich war dann natürlich relativ ernüchtert und habe sehr schnell festgestellt, dass ich mein Bild korrigieren muss. Also bin ich weitergereist, zuerst noch innerhalb der Ukraine, war dann in ganz Rumänien unterwegs, in Bulgarien, auch im ehemaligen Jugoslawien. Dann, zurück in Deutschland, wusste ich, alles, was ich bisher gemacht habe als Musiker, ist im Prinzip für mich obsolet geworden und ich werde mich jetzt komplett neu erfinden. Ich wollte eine adäquate kontinentaleuropäische Popkultur kreieren. Also war ich auf der Suche nach einem neuen, popkulturellen Genre, das tatsächlich seine Wurzeln in Kontinentaleuropa hat.

Wie hat sich das in deiner Musik widergespiegelt?

Ich habe zum ersten Mal eine komplette Blaskapelle aus Serbien eingeladen, mit der bin ich dann hier ins Studio gegangen. Ich habe mich einfach sehr intensiv in diese Materie begeben und mit ganz verschiedenen Musikern und Künstlern aus der Region angefangen. Mir ging es immer darum, die magische Melodie oder das magische Element zu finden und meine Handschrift darunterzusetzen.



Francis Gay, Musikchef bei WDR Cosmo (ex Funkhaus Europa), sieht Shantel als „zentrale Figur mit Pioniergeist“ in der Balkanpop-Bewegung. In seiner langjährigen Berufslaufbahn hat der Experte den Balkanhype intensiv begleitet und begründet dessen Erfolg so: „Der Balkanhype fußt beim westlichen Publikum auf der Entdeckung von ungeraden Rhythmen, unbekannter Gesangsornamentik und dem virtuosen Umgang mit Geigen und Blasinstrumenten. Dazu spielten atemberaubende Livekonzerte eine große Rolle, bei denen kein Zuschauer je das Gefühl hatte, ein schlechter Tänzer zu sein. Der Balkanpop hat dann die meisten Ecken und Kanten dieser Musik – den Balkansoul – glattgebügelt und massentauglich gemacht, dabei aber auch die westlichen Ohren für den Ursound geöffnet.“

... mehr im Heft.