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Backkatalog   Ausgabe Nr. 3/2018   Internetartikel




»Im Iran gelang es mir das erste Mal wieder, einen Song zu schreiben.«
Gisbert zu Knyphausen * Foto: Dennis Williamson

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Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

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Auswahldiskografie:



Solo:
Das Licht dieser Welt
(Pias, 2017)

Hurra! Hurra! So nicht
(Pias, 2010)

Gisbert zu Knyphausen
(Pias, 2008)


Kid Kopphausen (mit Nils Koppruch):
I
(Trocadero, 2012)


Mit Pallett Band:
Tehran, Smile!
(Eigenverlag, 2015)



Cover Das Licht dieser Welt


Folker präsentiert: Rudolstadt-Festival 2018

Rückkehr ins Licht

Der Singer/Songwriter Gisbert zu Knyphausen

Er ist ein Grübler, der schwerer an der Welt trägt als der Durchschnitt, jedoch sich auszudrücken versteht, zutiefst poetisch, einfühlsam und lebensklug sein kann, ohne jemals verkitscht oder übertrieben intellektuell zu wirken. So oder so ähnlich befinden Kritikerkollegen, wenn Gisbert zu Knyphausen zur Expertise ansteht. Das jüngste Album des Nachfahren eines uralten ostfriesischen Adelsgeschlechts heißt Das Licht dieser Welt und verdankt seine Existenz einem Besuch in Teheran, der Hauptstadt des Iran. Die Reise konnte neuen kreativen Schaffensmut wecken, nachdem ihm der Tod seines Hamburger Musikerfreundes Nils Koppruch schwer zugesetzt hatte. 2018 wird Gisbert zu Knyphausen der Ruth-Sonderpreis des Rudolstädter Weltmusikfestivals verliehen.

Text: Bernd Gürtler

Die Pallett Band, eine Weltmusikformation aus dem Iran, wollte für ihr nächstes Albumprojekt einen Sängerbarden deutscher Sprache als Kooperationspartner gewinnen. Wie sich das bewerkstelligen ließ? Gisbert zu Knyphausen kennt die naheliegende Antwort, wie er bei einem Interviewtermin im Herbst 2017 in Berlin verrät: „Sie schauten jede Menge Youtube-Videos und sind bei mir hängengeblieben.“ Ungeachtet des haarsträubenden Blödsinns, der sich massenhaft über das Internet verbreitet, ist es eben doch auch hervorragend geeignet, Menschen zueinander in Beziehung zu setzen. Eine iranische Mitarbeiterin der deutschen Botschaft in Teheran, die auch Leiterin einer Sprachschule ist, sollte den Rest erledigen und das Goethe-Institut einschalten. Das sollte die Organisation der Reise übernehmen, stieß jedoch bei Knyphausens Plattenfirma zunächst auf Ablehnung. „Die Einladung kam 2013, ein Jahr, nachdem Nils gestorben war“, erzählt der Liedermacher. „Ich hatte meinem Label gesagt, dass ich jetzt erst mal eine Auszeit brauche. Sie haben das dann doch an mich weitergeleitet, und ich dachte, schöne Idee eigentlich. Den Iran hatte ich als Reiseland gar nicht auf dem Schirm.“
Derzeit dürfte den wenigsten Westeuropäern das einstige Transitland der Rucksacktouristen Richtung Indien als Traumziel gelten. Eine fatale Fehleinschätzung, findet Gisbert zu Knyphausen. „Der Iran ist ein sehr sicheres Reiseland, und die Gastfreundschaft ist überwältigend. Selbstverständlich muss man sich bewusst machen, dass man in einer Art Diktatur unterwegs ist. Das Fotografieren militärischer Einrichtungen sollte tunlichst unterbleiben, um nicht unter Spionageverdacht zu geraten. Sich über Allah lustig zu machen, verbietet sich ebenso. Ansonsten ist der Iran ein sehr herzliches Land, ich will unbedingt wieder dorthin.“ Bei Gegenden, die einem aus der Entfernung nicht ganz geheuer erscheinen, empfiehlt es sich, zwischen den gewöhnlichen Menschen und der politischen Führungselite zu unterscheiden, oder? „Natürlich, klar. Nachrichtenmeldungen vermitteln in der Regel nur das, was falsch läuft. Wir hören vom Atomprogramm, von den Feindseligkeiten zwischen Iran und Saudi-Arabien, den Drohungen gegen Israel, den Konflikten zwischen Schiiten und Sunniten. Einblicke in den Alltag bleiben uns verwehrt. Oft vergisst man, dass die meisten Menschen dort auch bloß ihr Leben leben wollen und Träume haben wie jeder andere. Für sie ist es aber auch nicht alltäglich gewesen, jemanden aus dem Westen zu Gast haben. Sie mussten sich jede Kleinigkeit von der Zensurbehörde genehmigen lassen.“
Knyphausens Schilderungen muten ein wenig an wie Erzählungen von Westmusikern, die zu Vorwendezeiten die DDR bereisten und den Ostdeutschen das gute Gefühl gaben, vom Rest der Welt nicht vollständig abgekoppelt zu sein. Hinter dem Eisernen Vorhang aufzutreten, war wichtiger als aus Prinzipientreue wegzubleiben. Der Künstler bestätigt das. „Das denke ich auch. Man übersieht immer diejenigen, die genauso wenig einverstanden sind mit dem, was in ihrem Land geschieht. Die froh sind, wenn jemand kommt. Ich meine, ich bin hundertprozentiger Westler. Das Wenige, das ich über die DDR weiß, stammt aus Büchern oder Filmen. Aber im Iran beschlich mich wirklich manchmal der Gedanke, aha, so könnte es in der DDR gewesen sein. Gerade wie die Leute die Regeln, die ihnen aufgenötigt werden, spielerisch unterlaufen und sie sich innerhalb eng gesteckter Grenzen trotzdem Freiräume schaffen, besonders im Privaten.“ Jedenfalls sieht er es als richtig und wichtig an, die Einladung angenommen zu haben. „Der Tod von Nils warf mich ziemlich aus der Bahn. Es fiel mir schwer, mich zurechtzufinden. Einerseits hatte ich einen sehr guten Freund verloren, andererseits machte meine Band gerade richtig Spaß. Ein ganzes Jahr habe ich gar keine Musik gemacht, mich stattdessen um mein Privatleben und meine geistige Gesundheit gekümmert. Ende 2013 bin ich ebenfalls auf Einladung des Goethe-Instituts nach Sankt Petersburg gereist und fast einen weiteren Monat auf eigene Faust in Moskau geblieben. Das tat mir gut, und im Iran merkte ich dann, wie sich etwas löst. Ein Gefühl setzte sich durch, dass das Gröbste überstanden war. Im Iran gelang es mir tatsächlich auch das erste Mal wieder, einen Song zu schreiben.“

... mehr im Heft.