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Backkatalog   Ausgabe Nr. 3/2018   Internetartikel
 

Editorial

Lie­be Mu­sik­freun­din­nen und -freunde,

in Berlin soll voraussichtlich ab Ende 2019 ein schöner Traum wahr werden: der Bau einer gemeinsamen Religionsstätte für Juden, Christen und Moslems unter dem Namen „House of One“. Weil Orte des Friedens auf der Welt so dringend benötigt werden, haben die Initiatoren – allesamt Vertreter der drei monotheistischen Welt­religionen – bereits 2011 damit begonnen, ihre Idee in die Tat um­zu­setzen, und eine Charta für ein Miteinander von Judentum, Christentum und Islam verfasst, einen Architekturwettbewerb ausgeschrieben, Werbung gemacht, Gelder eingesammelt. Ein zentrales Anliegen des ambitionierten Projekts ist die ungestörte Traditionspflege aller beteiligten Religionen. Deshalb sollen „Unterschiede und theologische Gegensätze nicht überspielt, sondern ausgehalten werden“, so die Charta. Der Siegerentwurf des Architekturbüros Kuehn Malvezzi will diese Kernbotschaft in Stein meißeln. Jede Konfession erhält einen eigenen Sakralraum, der jeweils mit einem zentralen Kuppelsaal, dem Mittelpunkt dieses Bet- und Lehrhauses, verbunden ist. Dabei wird der Dialog mit allen Interessierten gesucht. „Im House of One wollen wir nebeneinander, auch im Gespräch untereinander und mit unterschiedlichen Positionen der Zivilgesellschaft – von Agnostikern oder Atheisten zu Menschen mit ganz anderen Positionen religiösen Seins – ins Gespräch kommen, Unterschiede ausloten, Dissens zur Kenntnis nehmen und Respekt miteinander und füreinander so entwickeln, dass religiöse Unduldsamkeiten aus dem Bewusstsein entschwinden“, so der prominente Berliner Rabbiner Andreas Nachama, seit 2015 beim House of One. Wer neugierig geworden ist, kann schon jetzt an religionsübergreifenden Veranstaltungen wie multireligiösen Meditationen oder Vortragsreihen auf dem Petriplatz in Berlin-Mitte, wo der Sakralbau entstehen soll, in einem bereits Anfang des Jahres aufgestellten Pavillon teilnehmen. Alles ist wohlüberlegt und geplant, es gibt sogar schon einen Plan B, falls die 43,5 Millionen Euro Gesamtkosten in den nächsten achtzehn Monaten nicht zusammenkommen: Schon bei einem Spendeneingang von 10 Millionen Euro kann der erste Bauabschnitt umgesetzt und die religiöse Begegnungsstätte genutzt werden; 8,6 Millionen Euro wurden bereits eingeworben. Die noch fehlenden Gelder sollen durch Crowdfunding und Förderungen zusammenkommen, gespendet werden kann ab 10 Euro. Sollten auch diese 10 Millionen Euro nicht zusammenkommen, geht das gespendete Geld an Projekte, die „zum gegenseitigen Verständnis der Religionen durch friedensfördernde, sozial gerechte und die Schöpfung erhaltende Formen des Zusammenlebens beitragen“, so die Satzung der Betreiberstiftung. Wer das Gotteshaus unterstützen möchte, kann dies unter house-of-one.org/de/spenden tun.

Während die Mission und Symbolkraft des Projekts House of One internationale Strahlkraft hat, ist eine weitere begrüßenswerte Berliner Initiative zunächst lokal begrenzt – die Aktion „Volksentscheid Berlin Werbefrei“, die vor allem Banner, Planen und die großen Werbetafeln im Visier hat, gegen deren Anblick man sich kaum wehren kann, denn sie sind zum Beispiel an Hauptverkehrsstraßen so angebracht, dass es unmöglich ist, den Verkehr im Blick zu behalten, ohne die Werbetafeln anzusehen. „Die Zunahme und die Digitalisierung der Werbeanlagen wirken sich negativ auf das Stadtbild aus und stellen eine Gefahr für die Sicherheit des Verkehrs dar. Stadt- und Landschaftsräume werden durch Werbeanlagen vereinnahmt und verunstaltet. Das individuelle Gesicht der Stadt verschwindet“, so die Werbegegner. Zudem vermittelt die Werbung zum Teil fragwürdige Leitbilder. Die Initiatoren sind der Meinung, dass die Stadt die entfallenden Einnahmen verkraften kann, und wollen die frei werdenden Räume für Kunst oder Neubepflanzungen nutzen. Dass so etwas gut funktionieren kann, hat die französische Stadt Grenoble bewiesen, dort ist Werbung im öffentlichen Raum bereits seit 2014 erheblich
SABINE FROESE * Karine Azoubib eingeschränkt.

Für den aktuellen Folker hingegen kann ich guten Gewissens werben, denn wir haben wieder viele interessante Themen für Sie zusammengestellt. In der Titelgeschichte porträtiert Bernd Gürtler den poetischen, sprachgewaltigen Singer/Songwriter Gisbert zu Knyphausen, der dieses Jahr den Ruth-Sonderpreis des Rudolstadt-Festival-Teams bekommt. Stefan Franzen stellt das Projekt Saz’iso vor, das die besten Musiker der südalbanischen Polyfonie vereinigt und ebenfalls in Rudolstadt zugegen sein wird, und Wolfgang König nimmt Sie mit auf den Mississippi Blues Trail, ein Netzwerk von etwa zweihundert mit Bluesmarkern beschilderten Punkten, die für die Geschichte dieser Musik relevant sind. Mit den Meridian Brothers und Richard Leo Johnson präsentieren Ihnen Michael Freerix und Hans-Jürgen Lenhart stilistisch besonders experimentierfreudige Künstler. Erik Prochnow schreibt über den tschechischen Liedermacher Jaromír Nohavica, der bereits seit über dreißig Jahren mit seiner Musik und seinen politischen Songs tief berührt – und zugleich spaltet, seit bekannt wurde, dass er Mitarbeiter des kommunistischen Geheimdienstes war. Und in einem unserer vier Ortstermine berichtet Reinhard „Pfeffi“ Ständer über einen gefeierten Abend mit den wichtigsten Vertretern der Leipziger Liederszene der Achtzigerjahre.

Vor Ihnen liegt also wieder ein spannender und wie immer auch journalistisch hochwertiger Folker, für dessen Gelingen ich allen Beteiligten von Herzen danken möchte. Diese Ausgabe ist gleichzeitig auch die letzte, die ich als Chefredakteurin verantworte. Mit Heft 1/2015 hatte ich die Chefredaktion von Michael Kleff übernommen, nachdem wir die letzten beiden Ausgaben 2014 als Doppelspitze gemeinsam gestaltet hatten. Den Staffelstab der Chefredaktion übergebe ich nun an die erfahrene Rundfunkjournalistin Cecilia Aguirre, der ich für ihre neue Aufgabe alles Gute wünsche. Damit bin ich aber nicht ganz aus der Folker-Welt verschwunden, denn ich bleibe unserem kleinen, feinen Magazin als Redakteurin für die Rubrik „Heimspiel“ erhalten.

Viel Vergnügen beim Lesen und Stöbern



Ihre Folker-Chefredakteurin
Sabine Froese