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Backkatalog   Ausgabe Nr. 3/2018   Internetartikel
»Es sind die traditionellen Feste, wo heute die Musiktraditionen gelebt und gelehrt werden, wo Musiker arbeiten und sich zum festlichen Austausch treffen.«
Ensemble Safar

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Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

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Albumtipps:

Diverse, Afghanistan – Female Musicians Of Herat
(UNESCO Collection of Traditional Music, 2002; Smithsonian Folkways, 2015)

Diverse, An Anthology Of Mongolian Khöömii
(Do-CD; Buda Musique, 2017)

Diverse, Uzbekistan – Echoes Of Vanished Courts
(Smithsonian Folkways, 2015)

Mawash, Radio Kaboul
(Accords Croisés/Harmonia Mundi, 2003)

Sevara Nazarkhan, Yol Bolsin
(Real World Records , 2012)

Yo Yo Ma & Silk Road Ensemble, Sing Me Home
(Sony Masterworks, 2016)

Wu Man and Master Musicians from the Silk Route, Borderlands
(AKMI/Smithsonian Folkways, 2012)



Terra incognita zwischen traditionellen Festen und staatlichen Prestigeveranstaltungen

Die zentralasiatische Musikszene

Wenn man sich die Titelblätter des Folker seit der Erstausgabe 1998 anschaut, stellt man fest, dass es seit 1999 mit Alim Qasımov kein Headliner aus Zentralasien mehr aufs Cover geschafft hat. Auch bei anderen potenziellen Quellen zum aktuellen Musikleben dieser Weltregion, zu Festivals, Lokalmatadoren und ihren Hits und Hymnen sieht es nicht besser aus. Ob World Music Charts, Radioplaylists der Weltmusiksender, Kataloge einschlägiger Labels, Datenbanken der jährlichen World Music Expos oder Programme der bekannten Weltmusikfestivals in Europa – man findet nur selten Künstler aus Zentralasien. Liegt es daran, dass es in dieser Region keine Musik mehr gibt? Oder ist die kulturelle Einordnung dieser musikalischen Terra incognita des asiatischen Kontinents so verschwommen, dass die Künstler unterm Radar arbeiten? Die Länder Usbekistan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Kasachstan gehörten bis zum Zusammenbruch des Ostblocks als autonome Republiken zur UdSSR. Vielleicht schlägt das kulturelle Herz Zentralasiens aber neben den fünf „Stans“ auch in Armenien, Aserbaidschan, Georgien und der Mongolei? Oder verbindet eine gemeinsame zentralasiatische Identität eine Region, die die Kulturorganisation der Vereinten Nationen ausgemacht hat: die fünf Stans und Afghanistan, die Mongolei, der östliche Iran, das nördliche Pakistan sowie Xinjiang und Tibet im westlichen China?

Text: Birgit Ellinghaus

Wenn es also nicht so einfach ist, sich der zentralasiatischen Musikszene geografisch zu nähern, dann mag vielleicht das Kopfkino Hinweise geben, wird doch die Fantasie schon beim Klang der Namen dieser Länder entfesselt. Vor dem geistigen Auge erscheinen Bilder der Seidenstraße, der Duft von Gewürzen, Marco Polo, reichverzierte orientalische Gebäude, Karawansereien, mächtige, türkisfarbene Kuppeln von Medresen, Nomaden mit ihren Jurten in weitem Land, Wüsten und Oasen wie Samarkand und Buchara, Horden und Reiterscharen mittelalterlicher Herrscher von Timur bis Dschingis Khan. Und in den Ohren beginnt ein exotisch-ferner Soundtrack zu klingen.
Beim ersten Versuch einer Annäherung an die zentralasiatischen Musiken in den globalisierten, multikulturellen Metropolen Europas tauchen einige Ensembles auf: Seeda, das junge mongolisch-iranische Ensemble mit Lebensmittelpunkt in Österreich und Deutschland; Egschiglen, ein von ihren Landsleuten liebevoll mit dem Ehrentitel „Mutter der mongolischen Musik“ geehrtes Musikerkollektiv mit Wohnsitz in Franken; Feruza Ochilova, usbekische Sängerin der preisgekrönten Eurasians Unity und Preisträgerin der Ruth 2015 oder Dolma Renqingi, tibetische Stimme der Refugees for Refugees. Immer mal wieder auf den Bühnen der großen Konzerthäuser von Paris, Berlin und London zu erleben sind der IMC-UNESCO-Musikpreis-Träger Alim Qasimov und seine Tochter Fargana Qasimova aus Aserbaidschan, Djivan Gasparyan aus Armenien (siehe auch Folker 6/2014) oder die „Stimme Usbekistans“ Munadjat Yulchieva, die in diesem Jahr am Rudolstadt-Festival auftreten wird.
Bei afrikanischen, arabischen und lateinamerikanischen Künstlern wird die Präsenz der entsprechenden Musiken auf dem europäischen Musikmarkt einerseits getragen durch eine zahlenmäßig große Diaspora und andererseits durch Förderprogramme der europäischen auswärtigen Kulturpolitik wie solchen der Organisation Internationale de la Francophonie (OIF), des British Councils oder des Goethe-Instituts. Dagegen werden Konzerte, Tourneen und Musikprojekte zentralasiatischer Musikschaffender in Europa überwiegend von einer übersichtlichen Gruppe freier Kulturmanager und spezialisierter musikwissenschaftlicher Organisationen getragen, die sich systematisch mit dieser Musikszene beschäftigen. Dazu gehören die Ateliers dʼethnomusicologie (ADEM) in Genf, die Aga Khan Music Initiative ebenfalls in Genf, das Maison des Cultures du Monde in Paris, das Centre of Contemporary Central Asia & the Caucasus an der SOAS University of London oder das Afghanistan Music Research Center der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar. Das Global Music Centre in Helsinki hat bereits 2009 eine Kooperation mit dem Bactria Cultural Centre in Duschanbe in Tadschikistan begonnen, um umfassend Expertise in den Bereichen Musikmanagement, Tontechnik, Studiobetrieb sowie Archivierung von Musik zu entwickeln.

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