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Resonanzboden
— Gedanken zur Zeit




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maurenbrecher.com



Autoreninfo:


Manfred Maurenbrecher hat über zwanzig Alben veröffentlicht und bisher dreimal den Preis der Liederbestenliste erhalten. Außerdem schreibt er Romane und hat an den ersten Folgen von Cobra 11 – Die Autobahnpolizei mitgearbeitet. Sein aktuelles Album Flüchtig erhielt gerade den Vierteljahrespreis der deutschen Schallplattenkritik.


Ein Abend in der Fremde

Alle oder keiner, global

Die Erinnerung spielt Streiche. Aber ein Abend im Dezember 1992 ist so hängengeblieben, dass ich jetzt behaupte: So war’s. Kabarett Obelisk in Potsdam, eine Diskussionsveranstaltung zum Thema Ausländer, „Integrieren – aber wie?“. Als Bewohner Kreuzbergs treffe ich mit meiner optimistischen Sicht der Dinge auf müdes Interesse im gut gefüllten Rund. Mein Hinweis, eingesessene türkische Familien zögen in bürgerliche Quartiere und suchten für ihre Kinder „bessere“ Schulen, provoziert Stirnrunzeln. Der Ausländerbeauftragten Almuth Berger schneidet man das Wort ab, und mein anfänglicher Eindruck, es habe sich hier eine linksliberale Klientel versammelt, wird korrigiert. Natürlich gibt es versprengte Multikulturelle im Raum, die in jeder Kritik an einem Ausländer ein faschistisches Vorurteil vermuten. Um sie zu bremsen, erzähle ich die Geschichte von jenen drei Skins – der Sohn von Freunden darunter –, die sich von Leipzig aus aufgemacht hatten, Berlin zu besuchen, und gleich am Görlitzer Bahnhof von gleichaltrigen Türken vermöbelt wurden. „So kann es nicht weitergehen“, ruft ein Mann mit langem Bart – ich vermute einen Bürgerrechtler und dass er auf die Gewaltklischees zwischen den Jugendgangs anspielt. „Ja“, fällt eine weibliche Stimme ein, „da muss endlich was passieren.“ Andere stimmen zu. Allmählich begreife ich: Sie meinen den Zustrom von Ausländern und sonst nichts. Weder das Arbeitsverbot für die Asylbewerber noch das fehlende Ausländerwahlrecht, das alles stört sie nicht. Sie wollen nur keine Fremden.

Text: Manfred Maurenbrecher

Fast alle für sich gewinnen kann dann der Kollege, mit dem zusammen ich eingeladen bin. Ehe wir einen kleinen Ausschnitt aus unserem Programm „Doppelkopp“ spielen, erklärt er, aus Hoyerswerda kenne er genug Vietnamesen, und er müsse schon sagen, sie seien anders – wir Deutschen hätten Hunde zur Jagd und manchmal auch zum Freund, und die würden sie essen. Das vertrage sich eben schlecht. Natürlich kommt da auch Widerspruch. Ein erregter Zuhörer erklärt: „Ich begleite dich schon so lange, durch all die Windungen deiner Entwicklung, mit Sympathie und Interesse. Aber dass du auf diesen ekelhaften Zug hier jetzt aufspringst.“ Mehr als 25 Jahre ist das her, und der Todestag Gerhard Gundermanns wiederholt sich zum zwanzigsten Mal. Auf unseren Fahrten in den Jahren ʼ92 und ʼ93 haben wir uns über so vieles ausgetauscht. Ich weiß, wie wach und beweglich sein Denken zu wandern liebte zwischen etablierter Wahrheit und Spekulation. Manchmal frage ich mich: Wo stünde Gundi heute? So wie jene Bürgerschar im Obelisk, bei der ich Fremdenfeindlichkeit zunächst nicht im Traum vermutet hätte, kenne ich heute Musiker, die aus Enttäuschung über die Politik der Etablierten die AfD als einzige wählbare Alternative nennen – wenn die Nacht fortgeschritten genug dazu ist. Die das „Danke-Merkel“-Gebrüll auf den Marktplätzen für Volkes Stimme halten.

... mehr im Heft.