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Backkatalog   Ausgabe Nr. 1/2018   Internetartikel
 

Nachspiel

oder Beinahe das Letzte

LEITKULTUR IST LEIDKULTUR

Die Zeichnung zeigt eine sich zum Horizont in der Bildmitte hin verjüngende Gründerzeitallee. Unten angeschnitten sieht man die Beine einer auf der Straße liegenden Person, über deren Unterschenkel eine von links nach rechts verlaufende Reifenspur führt.  ©JBWOLFF 2017


Wir stehen in der Georges-Bizet-Straße in Bad L. Würde man, angesichts der Idylle, nicht denken, was die alles schon gesehen hat. Den berühmten Heldentenor zum Beispiel, der 1889 an der Ecke Mozartstraße vom Bierwagen überrollt wurde. Oder den Geigenschüler aus der 37, der wegen Liebeskummer ausm Fenster sprang und den pensionierten Bachtrompeter mitriss, der zufällig seine Wicken goss. Die Verlobte hat sich ja dann auch noch … Mezzosopranistin war die. Beim Perückeabziehen ausgerutscht. Komische Sachen passieren. Achtunddreißig wurde der steinalte Bassprofessor Isaak Tasselkraut von besoffenen Volksgenossen verprügelt und verschleppt. Zwei Stunden später war seine Wohnung leer. Nicht mal die Bassschlüssel sind je wieder aufgetaucht. Oder die Geschichte mit den dauerklampfenden Zupfgeigenhanseln, die sich 1922 jeden Abend in der 87 zum Wandervögeln trafen. Bis der Fagottist aus der 86 eine Kiste entwerteter Milliardenscheine ins offene Fenster warf. Da ging’s schwer zur Sache. Einer ist jetzt erst an den Spätfolgen gestorben. Kein Quatsch. Dann war da noch die vornehme alte Dame aus der 22, die samt ihrem Zitherkoffer von einer Platane erschlagen wurde. Was für eine Tragödie: Wer erbt jetzt die Zither? War doch ihr hochmusikalischer Enkel 1918 jodelnd in einen offenen Gully gestürzt. Direkt vorm Weißen Rössl Ecke Beethovenstraße. Da hängt sogar eine Gedenktafel. Und Vierzehn, als das große Eingraben anfing, sollen im Haydn-Hain vier Klavierspieler einen Pianisten gelyncht haben, weil der mit seinem Flügel an die Front wollte. Derselbe Flügel, wegen dem beim Hochtragen in der 45 das Treppenhaus eingestürzt war und der bayrische Harfenist an einer gerissenen E-Saite erblindete. Apropos Bayrisch … Hab ich das mit dem Bierwagen schon erzählt? – Ach. Man kommt ganz durcheinander.
Na, und heute? Total tote Hose. Ehemalige Musikerwohnungen stehen als Touri-Appartments im Netz. Statt Bevölkerung Entvölkerung. Ist fast schon ein Massenauflauf, wenn ein Radler ohne Licht im Dunkeln den verarmten wohnungslosen Neutöner umfährt. Dabei ist der selber schuld. Hätte ja mitspielen können in unserer Fusion-Folk-Jazz-Ethno-Reggae-Brass-Band. War ihm „zu beliebig“, dem eingebildeten Schnösel!