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»In den Krisenjahren ist für viele Künstler das traditionelle Liedgut ins Zentrum ihres musikalischen Schaffens gerückt.«
Dakha Brakha

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Albumtipps:


Dagadana, Meridian 68
(Karrot Kommando, 2016)

Dakha Brakha, Schliach/The Road
(Eigenverlag, 2016)

Diverse, Borsh Division –Future Sound Of Ukraine
(Trikont, 2016)

Diverse, Russendisko – Ukraine Do Amerika
(Russendisko Records/Buschfunk, 2008)

Haydamaky, Haydamaky
(Comp Music, 2002)

Mandry, Legenda Pro Iwanka Ta Odarku
(Lavina Music, 2002)

Onuka, Onuka
(Enjoy! Records, 2015)

Panivalkova, Dontwori
(Nashformat, 2017)

Perkalaba, Gorrry!
(Taras Bulba, 2005)


Folk in der Ukraine

Experimentierfreudig, schräg und weiblich

Politische Umbrüche bringen bisweilen die beste Musik hervor. Das zeigt sich gerade wieder in der Ukraine. Eine vielseitige, oft bizarre Folkszene ist dort in den vergangenen Jahren entstanden. Sie mixt fröhlich Archaisches und Modernes, integriert völlig konträre Genres und ist überwiegend weiblich. Doch die Krise, die sie hervorgebracht hat, entzweit sie manchmal auch.

Text: Ines Körver

Ukrainischer Folk? Auch eingefleischte Musikliebhaber zeigen sich zumeist ratlos, wenn es um das flächenmäßig größte ausschließlich auf dem europäischen Kontinent liegende Land geht. Vielen fällt noch ein, dass bei der Orangenen Revolution anlässlich der Präsidentschaftswahl 2004 auf dem zentralen Maidan, dem Platz der Unabhängigkeit in Kiew, Folkrockbands auftraten. Oder sie denken an Ruslana Lyschytschko, die im selben Jahr mit „Wild Dances“ den Eurovision Song Contest in Istanbul gewann. Und dann war da noch die Ausgabe des Wettbewerbs in Kiew im vergangenen Jahr, bei dem Onuka und Naoni auftraten und sich das Publikum an teils bombastischen Melodien im Elektrofolkgewand berauschen konnte. Wirkungsvoll wurden da landestypische Instrumente wie die Sechslochflöte Sopilka, die Lautenzither Bandura und das Hackbrett in Szene gesetzt. Ansonsten kennt kaum einer die Musik des Landes, trotz der Möglichkeiten des Internets heutzutage. Halbwegs gute Überblicke über das aktuelle musikalische Treiben im Land, wenn auch mit einem starken Schwerpunkt auf Rockmusik, lieferten in den vergangenen Jahren wohl nur zwei Kompilationen von Russendisko-Mitbegründer Yuriy Gurzhy, der selbst Ukrainer ist – Ukraine Do Amerika von 2008 sowie Borsh Division von 2016.
Es ist schade, dass ukrainischer Folk in Deutschland kaum bekannt ist, denn nach einem ersten nennenswerten Aufschwung nach der Unabhängigkeit 1991 hat das Genre seit den Euromaidan genannten Protesten in Kiew 2013 und 2014 und dem Einmarsch russischer und mit ihnen sympathisierender Kämpfer im Osten des Landes sowie auf der Krim deutlich an Konturen gewonnen und sich zu etwas ganz Eigenem gemausert. War Folk in den Unabhängigkeitsjahren noch schmückendes Beiwerk einer männerdominierten, gitarrenlastigen Rockmusik, so ist in den Krisenjahren des aktuellen Jahrzehnts für viele Künstler das traditionelle Liedgut der Ukraine ins Zentrum ihres musikalischen Schaffens gerückt. Die neue Szene ist verspielt. Sie liebt die Verkleidung, insbesondere das Experimentieren mit den Versatzstücken alter volkstümlicher Mode.
Inbegriff dieser neuen Folkbewegung ist der inzwischen wohl heißeste Export des Landes, die Gruppe Dakha Brakha. Die drei Damen der Band bestechen optisch nicht nur durch schöne Kleider, sondern auch durch etwa achtzig Zentimeter hohe schwarze Hüte, eine Reverenz an das tatarische Erbe der Ukraine. Der einzige Mann der Gruppe trägt, wenn überhaupt, zu seiner Tracht einen weißen, ebenso hohen Hut. Mehr noch als die Kostüme ziehen aber die Gesänge die Zuhörer in den Bann. Nach wenigen Tönen ist klar, die 2004 am Dakh, dem unabhängigen Kiewer Zentrum für zeitgenössische Kunst gegründete Gruppe reichert nicht westliche Musik mit ein bisschen einheimischer Folklore an.

... mehr im Heft.