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Backkatalog   Ausgabe Nr. 1/2018   Internetartikel
»Es gibt immer ein besonderes Band zwischen dir und der Stadt, in der du geboren wurdest und aufgewachsen bist.«
Goran Bregović * Foto: Nebojša Babić

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Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

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Auswahldiskografie:


Three Letters From Sarajevo – Opus 1
(Mercury/Universal, 2017)

Champagne For Gypsies
(Mercury/Universal, 2012)

Goran Bregovićʼs Karmen
(Mercury/Universal, 2007)

Tales And Songs From Weddings And Funerals
(Mercury/Universal, 2002)



Cover Three Letters From Sarajevo


Ein Plädoyer für Toleranz

Goran Bregović

Musikalisch erzählte Kulturgeschichte

In den Neunzigerjahren wurde der 1950 als Sohn einer Serbin und eines Kroaten geborene bosnische Komponist und Musiker Goran Bregović durch seine Soundtracks für Filme von Emir Kusturica international bekannt. Schon immer ließ er sich von unterschiedlichsten Traditionen inspirieren – nicht ungewöhnlich für einen Künstler aus dem multikulturellen Sarajevo. Diesem Aspekt seiner Heimatstadt hat er jetzt mit Three Letters From Sarajevo – Opus 1 ein ganzes Album gewidmet.

Text: Wolfgang König

Auch wenn Goran Bregović jahrelang in Brüssel und Paris lebte, zu Sarajevo hat er eine ganz spezielle Beziehung. „Es gibt immer ein besonderes Band zwischen dir und der Stadt, in der du geboren wurdest und aufgewachsen bist, wo du zur Schule und zur Universität gegangen bist“, sagt er. „So eine Stadt prägt dich für das ganze Leben, und in meinem Fall ist es eben Sarajevo, von dem ich einfach nicht loskomme. Mit knapp dreihunderttausend Einwohnern ist es keine riesige Stadt, trotzdem hat sie eine ungewöhnlich große kulturhistorische Bedeutung.“ Die sieht Bregović vor allem in den vielen Kulturen und Religionen, die in Sarajevo über Jahrhunderte hinweg friedlich nebeneinander existierten. Diesem Erbe der Stadt hat er im Auftrag der Basilika Saint-Denis bei Paris eine großangelegte Komposition gewidmet, deren erster Teil dort uraufgeführt wurde und inzwischen auch auf CD erschienen ist.
„Ausgangspunkte für mich waren zwei Metaphern“, erzählt der Komponist. „Die erste war Sarajevo, denn das ist nicht mehr nur der Name einer Stadt, sondern symbolisiert den aktuellen Zustand der Welt.“ Seine These ist, dass wir das, was wir heute an Gewalt, Hass, Leiden und Krieg sehen, alles schon während des Jugoslawienkrieges in Sarajevo erlebt haben. Die Geschehnisse dort hätten gezeigt, dass wir gute Nachbarn sein können und morgen schon aufeinander schießen, nur weil wir unterschiedlichen Glaubensrichtungen angehören. Die zweite Metapher war für ihn eine musikalische, die Violine. „Sie war mein erstes Instrument, als ich noch klein war“, fährt er fort, „und ich lasse sie in drei verschiedenen Varianten auftreten – mit einem christlichen Hintergrund aus der europäischen Klassik, dann als Klezmer, was eine andere Technik erfordert, wie sie der jüdischen Tradition entspricht, und schließlich auf orientalische Weise, wie die Muslime spielen, die wiederum eine ganz eigene Technik benutzen. Darum habe ich dieses Werk als Konzert für Geige und Orchester geschrieben.“ Es hat die Form von drei Briefen, die Bregović für drei Violinisten konzipiert hat – auf dem Album gespielt von Mirjana Nešković aus Belgrad, Gershon Leizerson aus Tel Aviv und Zied Zouari aus Tunis. „Für Musiker sind Partituren wie Briefe, denn sie können sie lesen. Aber wenn du sie Künstlern aus verschiedenen Kulturen gibst, dann werden sie ganz unterschiedliche Dinge daraus machen. Als wir das Konzert mit dem Orchestre national dʼÎle-de-France in der Basilika Saint-Denis uraufführten, ereigneten sich für mich schon mit den damaligen Sologeigern drei kleine Wunder.“
Bis heute spürt Goran Bregović das Trauma des Jugoslawienkrieges. Immer wieder fragt er sich, wie Menschen dazu gebracht werden können, Unterschiede auszuhalten und mit anderen, die anders sind, friedlich zusammenzuleben. „Das ist ein langer Weg. Jeder von uns sollte ein paar Lampen an diesem Weg aufstellen. In diesem Sinne verstehe ich auch Three Letters From Sarajevo als eine sicher nur kleine Lampe, aber eine, die hoffentlich etwas weiterhilft. Dieses Werk ähnelt einer Flaschenpost. Ich hoffe einfach, dass andere die Flasche finden, die Nachricht lesen, darüber nachdenken und sich von ihr überzeugen lassen.“

... mehr im Heft.