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Backkatalog   Ausgabe Nr. 6/2017   Internetartikel
»Auf meinen Reisen nach Griechenland, auf den Balkan und in die Türkei sah ich die Dimension der Flüchtlingskrise.«
Jordi Savall

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Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

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www.alia-vox.com/de



Auswahldiskografie:


Les Routes De LʼEsclavage
(mit La Capella Reial de Catalunya, Hespèrion XXI, Tembembe Ensamble Continuo; Alia Vox, 2017)

Bal-Kan – Les Cycles De La Vie
(mit Hespèrion XXI; Alia Vox, 2014)

Orient-Occident II – Hommage À La Syrie
(mit Hespèrion XXI; Alia Vox, 2013)



Cover Les Routes De L'Esclavage


Musik für geschundene Seelen

Jordi Savall – Orpheus XXI

Flüchtlingsmusiker machen Musik mit Flüchtlingskindern

Der Gambist Jordi Savall entdeckt und verbindet Welten. Vor rund fünfzig Jahren brach er auf, um dem Publikum die Musik der Renaissance und des Barock näherzubringen. Dafür holte er in Vergessenheit geratene historische Instrumente aus dem Mottenschrank und sorgte mit möglichst authentischen Aufführungen für frischen Wind in der Klassikszene. In jüngerer Zeit lotet er mit seinem Ensemble Hespèrion XXI die Verbindungen der orientalischen Musik mit der Tradition der Iberischen Halbinsel aus. Bei seinen Recherchen in Osteuropa und der Türkei blieb dem Katalanen das menschliche Elend der aktuellen Flüchtlingskrise nicht verborgen. Er fragte sich, wie er als Musiker seinen Beitrag leisten könnte.

Text: Martin Steiner

Die Energie Jordi Savalls scheint keine Grenzen zu kennen. Frucht seines Schaffens sind zahlreiche Auszeichnungen, zwei Ehrendoktortitel und die Ernennung zum Künstler für den Frieden der UNESCO. Seine Diskografie von 1968 bis 2017 umfasst über zweihundert Tonträger. Die Einspielungen des 1941 im katalonischen Igualada geborenen Musikers tragen immer seine Handschrift. Sie zeichnen sich durch einen warmen, erdigen Klang aus und lassen die Nähe zur Volksmusik der damaligen Zeit durchscheinen. Das verschaffte ihm lange vor dem Mittelalterboom eine Zuhörerschaft, die sich ohne sein Schaffen kaum Alter Musik oder der des Barock zugewandt hätte.
„Der Meister hat einen vollen Terminkalender“, schrieb das Management des Musikers in einer E-Mail und öffnete ein Zeitfenster von zwanzig Minuten für das Telefoninterview. Jordi Savall antwortet mit ruhiger Stimme auf die Fragen. Nur der Hand des Schreibenden fällt es auf, wie schnell der Katalane wirklich spricht. Kaum ist ein Gedanke auf dem Papier, folgt der nächste. Die aktuelle Weltlage geht ihm nahe, und im Laufe des Gesprächs wird er immer emotionaler. „Auf meinen Reisen nach Griechenland, auf den Balkan und in die Türkei sah ich die Dimension der Flüchtlingskrise“, erzählt er. „Abertausende fliehen aus den Kriegsgebieten im Mittleren Osten und in Afrika. Doch Europa wähnt sich außerstande, diese Menschen aufzunehmen, wozu es eigentlich verpflichtet wäre. Das ist eine humanitäre Katastrophe.“
Savall bat die aus Syrien, Griechenland, Marokko und der Türkei stammenden Mitmusiker von Hespèrion XXI, mit ihm im Dschungel von Calais für die Flüchtlinge zu spielen. Der Onlinefernsehkanal der Zeitung Le Parisien zeigte einen Ausschnitt des Auftritts vom 16. April 2016 mitten in der Zeltstadt, bei dem sich spontan ein afghanischer Campbewohner mit der Dambura, einer zweisaitigen Langhalslaute, zur Gruppe dazugesellte. Auf einer weiteren Reise besuchte der Gambist das griechische Flüchtlingscamp Idomeni. „Die Leute lebten dort unter katastrophalen Bedingungen. Ich traf viele unbegleitete Kinder von acht, neun Jahren. Als wir spielten, begannen sie ausgelassen zu unserer Musik zu tanzen. Es schien, als könnten sie für einen Moment ihr Elend vergessen.“

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