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Resonanzboden
— Gedanken zur Zeit




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Autoreninfo:


Konstantin Wecker, ist Musiker, Liedermacher, Komponist, Schauspieler und Autor. Seit 2008 gehört er dem Folker-Redaktionsbeirat an.


Die Verantwortung des Künstlers in stürmischer Zeit

Ein Plädoyer für utopische Tendenzkunst

Mit Albert Einstein ist, um sich in einer Schafsherde wohlzufühlen, vor allen Dingen erforderlich, dass man ein Schaf ist. Auch als Ochse ungeeignet, ist meine beharrliche Weigerung bekannt, mich vor irgendeinen parteipolitischen oder institutionellen Karren spannen zu lassen. Ich bin Romantiker. Linksromantiker, sicherlich, aber Romantiker. Das Gerade und Geordnete in allen Ehren, aber ich will nicht marschieren, sondern schlendern, lustwandeln, wandern und schwärmen. Außerdem bin ich ein freier Mensch und lege wirklich großen Wert darauf, das auch zu bleiben. Trotzdem jetzt dieses Plädoyer für Tendenzkunst. Während nämlich die Gefahr einer Vereinnahmung durch Dritte für den politischen Künstler immer virulent sein wird, ist unser aktuelles Problem etwas ganz anderes – der eklatante Mangel an politisch engagierter Kunst nämlich!
Dieser Mangel ist schon seit langem riesengroß. Der unbeugsame Oskar Maria Graf hat vor mehr als sechzig Jahren davon gesprochen, dass er zeitlebens ein „engagierter Künstler“ sein wird, weil er es als Verpflichtung empfindet, die ihm sein Talent auferlegt hat. Das darf kein Dogma sein, und ein Künstler hat durchaus auch die Berechtigung, sich in einem Elfenbeinturm zu verbarrikadieren. Ich sehe das nicht so verbissen. Aber wenn wir nur noch Elfenbeintürme haben, verlieren die auch ihren Reiz. Und viele Kollegen, die sich dorthin zurückgezogen haben, haben sich – vielleicht sogar, ohne es zu wollen – von der neoliberalen Propaganda einkaufen lassen. Was Besseres konnte den Zuhältern des Kapitals gar nicht passieren, als dass die Künstler aufhören, sich einzumischen und die Finger auf Wunden zu legen.
Mir geht übrigens für diese ewige Fragerei, ob Kunst politisch sein soll oder darf oder eigentlich sein müsste, inzwischen immer mehr das Verständnis ab. Wer bitte soll denn die Stimme der seitlich Umgeknickten, der Hartz IV-Empfänger, der Unangepassten, der Spinner und Schwärmer sein, wenn schon die Künstler Besseres zu tun haben, als sich mit den Problemen der Menschen und den Gemeinheiten der Welt zu befassen? Von den Medien werden die Leute und Lebenswelten jenseits der Vorzeigegesellschaft der vermeintlich Erfolgreichen jedenfalls genauso zuverlässig im Stich gelassen, wie von der Politik.
Das ist ein grober Fehler, den sich wenigstens die Kunst nicht leisten sollte. Wie sagte Robert Jungk so schön: „Gesellschaftliche Veränderung fängt immer mit den Außenseitern an, die spüren, was notwendig ist.“ Wer in dieser Zeit nicht seine Stimme erhebt für eine friedvolle Welt und gegen den Wahn der Menschheit, sich selbst und die Erde durch Gier und Dummheit gezielt zu vernichten, der hat es nicht verdient, eine öffentliche Stimme zu haben. Der ist als kreativer Ausdruck seiner Zeit fehl am Platz.

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