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Backkatalog   Ausgabe Nr. 5/2017   Internetartikel
 

Editorial

Lie­be Mu­sik­freun­din­nen und -freunde,

seitdem Donald Trump im Amt ist, schafft er es mit seinen markigen Sprüchen, seiner chaotischen Regierungsführung und seinen abstrusen Forderungen und Ideen ständig in die Medien. Das hat er in meinen Augen überhaupt nicht verdient, und weil ich ihn nicht mehr hören und sehen kann, verweigere ich ihm schon länger, so gut es geht, meine Aufmerksamkeit. Zudem hege ich die Befürchtung, dass sein Lärm auch Kalkül ist, ein Ablenkungsmanöver, und Trump alles besser im Griff hat, als es scheint, denn dem Empörungsjournalismus geht schnell mal etwas durch die Lappen. Und tatsächlich, am 7. August beleuchtete Die Welt, was Donald Trump seit seinem Amtsantritt – wie vorher ja angekündigt – bereits auf den Weg gebracht hat: den Umbau des Justizsystems, eine neue Einwanderungsgesetzgebung oder Deregulierung auf Teufel komm raus. So hat zum Beispiel die Umweltschutzbehörde EPA dreißig Regulierungen „aufgehoben, blockiert oder ins Jenseits verschoben“. Insgesamt wurden, so das Weiße Haus im Juli, 391 Regulierungen gekippt. Auf den Punkt bringt die Strategie des US-Präsidenten folgende Aussage seines Ministers für Wohnen und Stadtentwicklung: „Ich bin froh, dass Trump das ganze Feuer auf sich zieht. Währenddessen kriege ich meine Sachen geregelt.“ Hoffentlich merken bald mehr Journalisten, wie sie dem Egomanen auf den Leim gehen, und berichten ausführlich über seinen innenpolitischen Kahlschlag. Was sich bis jetzt an musikalischem Widerstand gegen den amtierenden US-Präsidenten formiert hat, können Sie in Thomas Waldherrs Artikel „Protestsongs und gesellschaftskritische Americana in den Zeiten der Trump-Administration“ ab Seite 56 lesen.
Um politische und gesellschaftliche Prozesse, die Leute wie Trump in Gang setzen, aufzuhalten oder umzukehren, gründen sich weltweit immer wieder neue Initiativen. Eine von ihnen ist das in Berlin entstandene Netzwerk Haus Bartleby, ein „Zentrum für Karriereverweigerung“, das Diskussionen anstoßen möchte, wie unsere moderne Arbeitswelt umgebaut und nach menschlichen Bedürfnissen gestaltet werden kann. „Die berufliche Karriere ist derzeit der größte Faktor dafür, wie wertvoll ein Mensch auf dem Markt ist. Die Verteilung von Nahrung, Wohnung, Produkten, Macht und Anerkennung richtet sich dabei nach der beruflichen Stellung innerhalb der Gesellschaft auf unserem schönen Planeten“, so die Macher auf ihrer Website und fragen weiter: „Wem dienen wir, wenn wir Karriere machen? Und warum müssen wir uns bewerben, wenn wir nicht ‚in Arbeit‘ sind?“ Solchen Fragen geht die Plattform mit Diskussionsabenden zu Themen wie Arbeitsethik oder Müßiggang nach, mit Publikationen oder dem Projekt „Das Kapitalismustribunal“, zu dem auch ein gleichnamiges Buch erschienen ist. Für das Tribunal konnten finanzielle Unterstützer gefunden werden, 2016 fand, wie geplant, eine „Woche der Anklage“ statt. Dann stiegen die Förderer
SABINE FROESE * Karine Azoubib – Stiftungen politischer Parteien – aus, sodass die vorgesehene „Woche der Urteilsfindung“ 2017 flachfiel. „… vermutlich, um 2017 vor dem Wahlkampf kein Kapitalismustribunal zu haben“, mutmaßen vier der Aktivisten in einem Interview mit dem Freitag. Sollte diese Annahme zutreffen und eine politische Performance wie diese derart bedrohlich wirken, sitzt unser „alternativloses“ Wirtschaftssystem möglicherweise doch nicht so fest im Sattel. Wie vital die Mechanismen dieses Systems wirken, merkten die Initiatoren von Haus Bartleby, Alix Faßmann und Anselm Lenz, am eigenen Leib, als der Eigentümer der Immobilie, in der sie bislang lebten und arbeiteten, ihnen wegen Eigenbedarfs kündigte. Bereits im Frühjahr fand die Abschiedsveranstaltung „Haus Bartleby muss Neukölln verlassen“ in den Räumen des Kunstvereins Neukölln statt. Wo ihr Engagement eine neue Heimat findet, ist vorläufig offen.
Unser aktuelles Heft ist ebenfalls wieder mit viel Engagement und Enthusiasmus zusammengestellt worden und randvoll mit interessanten Geschichten wie der über die junge Band Brothers Moving, die durch von Fans veröffentlichte Videos auf Youtube einen gehörigen Karriereschub erlebten, das 85-jährige Multitalent John Cohen, das Kölner Liedermacherduo Köster & Hocker oder im Titel über den auch finanziell erfolgreichen Rebellen Residente. Ergänzt wie immer durch über hundert Album-, DVD- und Buchrezensionen, die neuesten Nachrichten aus der Szene oder Jürgen B. Wolffs treffsicheres „Nachspiel“. Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.



Ihre Folker-Chefredakteurin
Sabine Froese








Post aus dem Beirat

Birgit Ellinghaus
Gerade geht in Deutschland ein Sommer voller Musik von hier und (fast) überall zu Ende. Dabei wurden Schatzkisten mit alten Liedern und neuen Sounds geöffnet, zahlreiche Kooperationsprojekte mit geflüchteten Musikern präsentiert, und die angesagten internationalen Bands der Saison luden mit ihren neusten Programmen zum festiven Erleben ein. Noch konnten nationalkonservativ-protektionistische Tendenzen nicht verhindern, dass die bunte Vielfalt der Musik auf hiesigen Bühnen zu hören war. In anderen Regionen Europas wurden jedoch erste Festivals bereits abgesagt, wie in Opole in Polen. Anders in Frankreich. Dort zeigte die gut im Weltmusikverband Zone Franche organisierte Szene eindeutig Flagge und organisierte zu den Präsidentschaftswahlen eine energische landesweite Kampagne: „Auxsons citoyens! (auxsons.com) – ein doppeldeutiges Wortspiel („Wagen wir es = Macht Lärm/Musik, Bürger!“). Mit Wahlprüfsteinen wurden die Kandidaten, Parteien und Programme einer eingehenden Prüfung unterzogen im Hinblick auf taugliche Politik gemäß der Werte und Forderungen der weltmusikalischen Szene des Landes. Die Mobilisierung für eine offene, pluralistische Musiklandschaft setzt sich nun als aktive kritische Begleitung der neuen Politiker in Frankreich fort.
Und wie ist es in Deutschland vor der Bundestagswahl? Die lokal-globalen Szenen in den sechzehn Bundesländern sind auch im Jahr 2017 weder regional noch bundesweit organisiert, sodass bisher auch keine hörbare Stimme wahrnehmbar ist. Haben wir denn keine Werte zu verteidigen? Trotz all der harmonischen Klänge des Sommers ist es auch in Deutschland nicht so rosig. Es gibt nur noch vereinzelte Sendeplätze für Musikkulturen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, der einzige nationale Wettbewerb für globale Klänge, Creole, ist immer noch nicht mit stabiler Förderung abgesichert, die Lage der professionellen Musiker der Szene entfernt sich immer weiter von wertschätzender Honorierung und sozialen Mindeststandards. Die aktuellen Urheberrechtsregelungen gehen am Alltag der meisten multiethnischen Künstler, kleiner Labels und Veranstalter im Weltmusikbereich vorbei, Kultur und Musik sind nur ausnahmsweise Teile einer nationalen Strategie fairer Entwicklungskooperation mit den Ländern des Südens, Künstlermobilität scheitert an den restriktiven Visumsregelungen, in vielen Städten gibt es immer noch keine Partizipation der Szene an den kulturpolitischen Debatten und der Verteilung von Fördermitteln. Dennoch hege ich die stille Hoffnung, dass sich die freie Szene globaler Musiken auch hier in Deutschland in diesen Zeiten solidarisch zu Wort meldet, organisiert und positioniert, um die kulturellen Rechte und die Freiheit des künstlerischen Schaffens aktiv zu verteidigen und zu verbessern!

  Birgit Ellinghaus