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Backkatalog   Ausgabe Nr. 3/2017   Internetartikel




»Ich nehme mir ganz selten vor, einen Song zu diesem oder jenem Thema zu schreiben.«
Konstantin Wecker * Foto: Maximilian Lottmann

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Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

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Auswahldiskografie:


Poesie und Widerstand
(Do-CD; Sturm & Klang, VÖ: 26.5.2017)

Ohne Warum
(Sturm & Klang, 2015)

Wut und Zärtlichkeit
(Sturm & Klang, 2011)

Uferlos
(BMG/Global Musicon, 1993)

Genug ist nicht genug
(Polydor, 1977)

Die sadopoetischen Gesänge des Konstantin Amadeus Wecker
(Ariola, 1973)



Der Unbequeme

Konstantin Wecker zum Siebzigsten

Zwischen Pathos und Satire

Er ist einer der prominentesten deutschen Liedermacher, obwohl – oder gerade weil – er die Klischees dieses Genres genüsslich gegen den Strich bürstet. Musikalisch hat er immer wieder Neues ausprobiert, und seine Texte haben selbst bei manchen Linken Kritik ausgelöst. Auch mit fast siebzig ist er Welten entfernt von einem beschaulichen Rentnerdasein. Für den Folker sprach Wolfgang König mit Konstantin Wecker.

Zum ersten Mal live gesehen habe ich dich im Februar 1990 beim Festival des politischen Liedes in Ostberlin. Als Dolmetscher für eine Sängerin aus den USA kam ich in die Halle, als ihr kurz vor dem Soundcheck wart, und bevor der erste Ton erklang, war ich schon perplex angesichts der Band, die da mit dir auf der Bühne stand. Charlie Mariano am Saxofon, Wolfgang Dauner an den Keyboards und andere Musiker, die zur Creme der bundesdeutschen Jazzszene gehörten. Das war damals für einen Liedermacher doch reichlich ungewohnt.

Das wäre es auch heute noch. Diese Experimentierfreude hat ihre Ursache natürlich darin, dass ich im Vergleich zu den meisten Kollegen aus einer ganz anderen Musikrichtung kam. Franz Josef Degenhardt zum Beispiel war stark vom französischen Chanson beeinflusst, Hannes Wader, wie er mir selbst sagte, fast ausschließlich vom britischen und US-amerikanischen Folk, und ich kam aus der klassischen Musik. Mein Vater war Opernsänger, und bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr haben mich Folk oder Pop überhaupt nicht interessiert. Erst bei Janis Joplin, die mich wirklich umgehauen hat, dachte ich: Da gibt es ja noch was ganz anderes als die Klassik. Das war Musik, die in die Beine ging, die sexy war und den ganzen Körper erfasste. Danach habe ich die Songs von Franz Josef und Hannes kennengelernt und mich auch mit anderer Musik jenseits der Klassik beschäftigt. Dieser Werdegang machte mich neugierig für Experimente mit ganz unterschiedlichen Stilen. Schon sehr früh habe ich mich auch für Carl Orffs Carmina Burana begeistert. Lieder wie „Hexeneinmaleins“ oder „Frieden im Land“ waren ganz stark von Orff beeinflusst. Heute ist mir schleierhaft, wie ich es damals geschafft habe, meine Zuhörer mit einer ihnen völlig fremden Musik bei der Stange zu halten. Punk war gerade total angesagt, und ich tourte mit einem Kammerorchester und Liedern, die an Carl Orff angelegt waren.

Und der Jazz?

Ich war einfach neugierig. Das hing auch damit zusammen, dass ich Filmmusiken machte, und dabei muss man sehr vielseitig sein können. Im Jazz hatte ich ein Defizit, ich bin kein Jazzer, höchstens ein Blueser. Und so dachte ich mir: Wenn ich das lernen möchte, dann von den Besten! Es stellte sich heraus, dass sowohl der Posaunist Peter Herbholzheimer, ein großartiger Orchesterchef und Arrangeur, als auch der geniale Pianist Wolfgang Dauner Fans meiner Lieder waren. Herbolzheimer produzierte mein Album Uferlos, und er wählte auch die Musiker aus. Darunter war Charlie Mariano, der aus Boston stammte und seit den Siebzigerjahren in Köln lebte. Mit Charlie bin ich später auch oft im Duo aufgetreten. Am Schlagzeug saß sowohl im Studio als auch bei vielen Konzerten der damals noch blutjunge Wolfgang Haffner, heute der vielleicht beste deutsche Drummer. Wolfgang hat permanent geübt, an den freien Tagen zwischen den Konzerten und selbst im Tourbus. Da hatte er so ein Pad um den Oberschenkel geschnallt, auf dem er unentwegt trommelte. So etwas hatte ich bis dahin noch nicht erlebt.

Was hat dich dazu gebracht, politische Songs zu schreiben?

Ich gehöre ja zur Generation der Achtundsechziger, wir waren alle politisiert. Aber in den letzten zwanzig Jahren bin ich politisch um einiges bewusster geworden. Früher war Politik sehr viel mit Spaß verbunden, was ja auch okay war. Bei Demos war immer was los, man lernte Mädchen kennen, da passte alles zusammen. Meine Lieder aber waren sehr von Literatur und Poesie beeinflusst. Und dann passierte mir der „Willy“. Ich sage das so, weil ich mir ganz selten vornehme, einen Song zu diesem oder jenem Thema zu schreiben. „Sage nein!“ ist so eine Ausnahme. Meistens kommen die Lieder zu mir. Den „Willy“ schrieb ich in zehn Minuten. Bei der Probe habe ich zur Band gesagt: „Ich habe da so ein Lied, aber ich glaube, das ist viel zu privat, das interessiert keinen.“ Das Stück hat sie aber sehr berührt, und eigentlich wurde ich durch den „Willy“ zu einem politischen Sänger. Die Geschichte hat sich fast genauso abgespielt, es gab eine riesige Schlägerei mit Nazis, wo auch Messer gezückt wurden. Zum Glück allerdings lebt der Willy. Er ist mein bester Freund, geht mit mir seit zwanzig Jahren auf Tour und kümmert sich um das Merchandising.

... mehr im Heft.