Folker-Logo   Abo   Mediadaten/Anzeigen


Suche
   Intern   Über uns


Kontakt/Impressum/Datenschutz

       
Backkatalog   Ausgabe Nr. 2/2017   Internetartikel
»Das kreolische Kulturerbe Sierra Leones ließ auch Reggae, Jazz und Salsa auf fruchtbaren Boden fallen.«
Spontane Straßenmusik in Kabala, der Hauptstadt von Sierra Leones Nordprovinz * Foto: Wolfgang König

[Zurück zur Übersicht]



Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

Oder gleich zum (Schnupper-)Abo.











Albumtipps:


Gwyn Jay Allen,
Freetown – The Return (Ohne Labelangabe, VÖ: 2017)

Gwyn Jay Allen,
I Love Louis – A Creole Tribute To Louis Armstrong (Dunamis Records, 2006)

Abdul Tee-Jay,
Palm Wine A Go-Go (Far Side Music, 2003)

Gwyn Jay Allen,
Land Of Milk And Money (Night Owl Records, 2002)

S. E. Rogie,
Dead Men Don’t Smoke Marijuana (Real World Records, 1994)

Hinweis: Aktuelle Veröffentlichungen aus Sierra Leone werden praktisch nicht mehr als Alben vertrieben, sondern fürs Radio, als Downloads oder gleich als Musikvideos fürs Fernsehen produziert.



Musik in den Zeiten von Ebola

Sierra Leone vor, während und nach der Epidemie

Kultur lässt sich immer nur aus den historischen und sozialen Bedingungen heraus verstehen, unter denen sie entstanden ist. Das trifft in besonderem Maße auf das kleine Sierra Leone zu, gelegen in Westafrika zwischen Guinea, Liberia und dem Atlantik. Gerade in der Region um die Hauptstadt Freetown haben sich über zweieinhalb Jahrhunderte hinweg unterschiedlichste Traditionen gegenseitig inspiriert.

Text: Wolfgang König

Portugiesische Seefahrer nannten diesen Küstenabschnitt Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts Serra Lyoa, „Löwenberge“. Im sechzehnten Jahrhundert wurde Sierra Leone zu einem Zentrum des Sklavenhandels. Besonders begehrt waren bei den Sklavenjägern von der Küste die erfahrenen Reisbauern des Hinterlandes. Für sie zahlten die europäischen Händler Spitzenpreise, denn ohne diese Arbeitskräfte hätte es die florierenden Reisplantagen von Georgia und South Carolina samt ihren imposanten Herrenhäusern nie gegeben.
Aber nicht nur in die Neue Welt wurden Afrikaner verschleppt, Hunderte lebten auch in England. Interessanterweise dient ein ehemaliges Auktionshaus für diese menschliche Ware im Londoner Stadtteil Covent Garden heute unter dem Namen Africa Centre als afrikanisches Kulturzentrum. In einem aufsehenerregenden Prozess wurde 1772 dem Sklaven James Somerset bestätigt, dass es keine gesetzliche Grundlage für die Sklaverei in England gab, auch wenn sich das Urteil nicht auf die Kolonien bezog. Das Gericht ordnete daraufhin an, dass alle Sklaven auf englischem Boden freizulassen seien. Trotzdem wurden sie nicht wie vollwertige Bürger behandelt und fühlten sich in Europa unwohl. Einige Hundert emigrierten schließlich nach Sierra Leone, Großbritanniens erste Kolonie in Westafrika.
Während des Unabhängigkeitskrieges der USA hatten die Briten viele Sklaven auf ihre Seite gezogen mit dem Versprechen der Freiheit im Fall des Sieges. Der aber trat nicht ein, die USA setzten ihre Unabhängigkeit durch, und so wurden die englandtreuen Afroamerikaner nach Halifax in Nova Scotia gebracht, wo sich bis heute die älteste schwarze Gemeinschaft Kanadas befindet. Aber dort war es vielen zu kalt, und auch sie reisten weiter nach Sierra Leone, dessen Hauptstadt wegen der freigelassenen Sklaven den Namen Freetown erhielt. Im Jahr 1807 schließlich verbot das britische Parlament nach jahrzehntelanger Lobbyarbeit der Antisklavereibewegung den transatlantischen Sklavenhandel. Und weil die Staaten, die dieses Geschäft noch betrieben – Spanien, Portugal, Frankreich und die Niederlande – damals zum napoleonischen Reich gehörten, mit dem London im Krieg lag, wurde aus etwa einem Drittel der britischen Marine die West Africa Squadron gebildet, die im Atlantik Jagd auf Sklavenschiffe machte. Innerhalb eines halben Jahrhunderts wurden so auf hoher See etwa 150.000 Sklaven befreit, die aus verschiedenen Regionen Afrikas stammten und ebenfalls in Freetown angesiedelt wurden. Auch sie leisteten ihren Beitrag zum einzigartigen kulturellen Mix der Stadt. Aus dem Englischen und Elementen vieler anderer Sprachen entstand im Lauf der Zeit ein kreolisches Idiom, genannt Krio, das heute im ganzen Land als Verkehrssprache dient.

... mehr im Heft.