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Backkatalog   Ausgabe Nr. 2/2017   Internetartikel
 

Editorial

Lie­be Mu­sik­freun­din­nen und -freunde,

zugegeben, es ist schon Jahrzehnte her, es war zu Zeiten des guten alten Folk-Michel. Damals gab es in Hamburg ein Label eines Herrn Tubbesing mit dem Namen Eulenspiegel. Die waren in Sachen Folkmusik unterwegs, und wir arbeiteten eine Weile gut mit ihnen zusammen. Eines Tages bekam die Firma einen neuen Namen und zog nach England um. Jetzt hieß sie ARC. Weil das für die Prinzipien der Scientologen stand (Affinity, Reality, Communication), gab es für uns keine Berührungspunkte mehr. Im Gegenteil, wir empfanden es als unsere Pflicht, vor dieser sogenannten Kirche zu warnen. Daraufhin drohte man uns mit Rechtsanwälten, aber irgendwie kamen wir davon, ohne unsere Warnungen zurücknehmen zu müssen. Konsequenz: Keinerlei Zusammenarbeit mit Scientologen!
Die Jahre vergingen, und ARC gibt es immer noch, scheinbar erfolgreicher denn je. Unsere Warnung und Verweigerung der Zusammenarbeit von damals gelten natürlich weiterhin. Es sind jedoch in den letzten Jahren im Zusammenhang mit ARC Dinge passiert, die mich nachhaltig irritieren. Wovon rede ich?
Ein paar Beispiele. Clannad veröffentlichten 2013 ein Album bei ARC. Wusste die Band, was sie tat? Die damalige Folker-Anzeigenleitung wollte es offensichtlich nicht wirklich wissen und akzeptierte eine Anzeige, von der sich die Redaktion umgehend distanzierte. Die WOMEX erstellt auf Basis der World Music Charts Europe jedes Jahr eine Hitparade der Labels. Auf Platz 3 des Jahres 2016, hinter Glitterbeat und Real World – ARC! Jon Boden, der Gründer von Bellowhead, stellte ebenfalls letztes Jahr für ARC einen zugegebenermaßen extrem guten und repräsentativen England-Sampler zusammen. Boden ist ein hochintelligenter und wohlinformierter Musiker. Die ARC-Hintergründe sind ihm egal? Und den auf der Kompilation vertretenen Künstlern auch, allesamt? Ein Herausgeberkollege aus einem europäischen Land erzählt, na klar wisse man, dass ARC Scientology-Wurzeln hat, und deshalb wolle man auch nicht mehr mit denen zu tun haben als unbedingt nötig, aber deren Anzeigen würde man natürlich akzeptieren und auch deren Alben besprechen.
Es gibt nur zwei logische Erklärungsmodelle. Modell eins lautet: Der Folker leidet als offensichtlich einziger Player in der europäischen Folk-/Weltmusik-Szene unter Verfolgungswahn. Möglich, aber unwahrscheinlich. Modell zwei: Sämtliche Beteiligten, mit denen ich gesprochen habe, sagen: Mag ja sein, dass ARC in Scientology wurzelt,
Mike Kamp * Foto: Ingo Nordhofen aber hey, wo ist das Problem? Scientology ist Religion und Religion ist eben Privatsache.
Ach ja? Tatsächlich? Nur, weil sich die Jungs und Mädels „Church of Scientology“ nennen und in den USA von der Steuer befreit sind? Der Verein hat mit Kirche und besonders mit Religion so viel zu tun wie ein Steak mit veganer Küche … Es sei denn, wir definieren die „Church of Trumpology“ ob der (von mir erfundenen) „Church“ im Namen auch als Kirche. Dabei geht es diesem bigotten Sexisten lediglich um Macht und Geld, genauso wie den Scientologen.
Wer seiner Vorstellungskraft in Sachen Scientology auf die Sprünge helfen will, dem empfehle ich als Einstieg den englischen Film My Scientology Movie von John Dower aus dem Jahr 2015 – beeindruckend und erschreckend zugleich.
Nein, wir bleiben auch in Zukunft dabei: Keinerlei Zusammenarbeit mit Scientologen! Und die Künstler, die auf ARC veröffentlichen, ohne Scientologen zu sein, müssen wissen, was sie tun, und finden bei uns nicht statt. Die Folgen unserer konsequenten Haltung werden sich allgemein in Grenzen halten, denn offensichtlich sind der Mehrheit der Szene, die sich sonst gerne so links und kritisch gibt, diese Hintergründe völlig gleichgültig.
Trotzdem viel Spaß mit einem – bis auf dieses Editorial – garantiert Scientology-freien Heft.



Ihr Herausgeber
Mike Kamp








Post aus dem Beirat

Ulrich Doberenz * Foto: Ingo Nordhofen Wie geht es weiter mit Creole? Das war die zentrale Frage auf der Tagung Creole2day, die vor gut einem Jahr auf Initiative des Vereins Globale Musik aus Deutschland stattfand. Es wurde Bilanz gezogen zum Bundeswettbewerb und es wurden Ideen für ein neues Konzept entwickelt. Die Mitstreiter waren sich einig: Das Projekt Creole ist heute mindestens so wichtig wie vor zehn Jahren, als es ins Leben gerufen wurde. Schnell war man sich aber auch einig darin, dass es eines neuen Konzeptes bedürfe, um der zugrunde liegenden Philosophie deutlicher zu entsprechen.
Seitdem ist viel passiert. Vom 9. bis 11. November 2017 wird im Pavillon in Hannover das erste Creole-Festival stattfinden. Siebzehn Bands aus allen Teilen Deutschlands werden sich spielend um die Preise bewerben. Preise für das beste transkulturelle Projekt, die beste Musikalität, die beste Performance und Komposition sowie die beste Sololeistung innerhalb einer Band. Die Preise werden von Institutionen gestiftet wie beispielsweise dem Verbund bestehend aus dem Rudolstadt-Festival, dem Masala-Weltbeat-Festival Hannover und dem Bardentreffen Nürnberg. Für zwei Gewinnerbands wird es bei allen drei Festivals einen Auftritt geben. Derzeit laufen die Recherchen für weitere attraktive Gewinne.
Das Creole-Festival soll alle zwei Jahre ein Ort der Begegnung für die Branche sein, für Musiker, für herausragende transkulturelle Projekte, für Veranstalter, Journalisten und an innovativer Musik Interessierte. Neben den Konzerten wird es Panels geben, auf denen über erfolgreiche Musikprojekte gesprochen und die Entwicklung der Medienlandschaft diskutiert werden kann. Die Bands, die beim Creole-Festival spielen, werden von den regionalen Creole-Netzwerken ausgewählt. Wie bisher werden fachlich versierte Jurys sowohl Bewerbungen sichten als auch Empfehlungen aussprechen. In einigen Bundesländern beziehungsweise Regionen werden die bisherigen Vorentscheide weitergeführt.
Das Projekt wird für die nächsten vier Jahre in Hannover seinen Wirkungsort haben. Die Stadt möchte mit Creole im Rahmen der UNESCO-City-of-Music-Aktivitäten zusammenarbeiten und das Projekt fördern. Ebenfalls eine Förderung erhält Creole von der Staatsministerin für Kultur und Medien. Die Schirmherrschaft der Deutschen UNESCO-Kommission wurde zugesichert.
Alle Zeichen stehen also auf Grün, damit Creole in die zweite Dekade gehen kann.

  Ulrich Doberenz