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Backkatalog   Ausgabe Nr. 1/2017   Internetartikel
»Die Jamaikaner singen gegen Babylon, aber sie leben in Babylon.«
Alpha Blondy * Foto: Antonio Marmolejo

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Albumtipps:

Galaïfa, Kouak
Marcal Classics, 2016)

Puppa Lëk Sèn, Sweet & Tuff
(Jahsen Creation, 2016)

Alpha Blondy & Solar System, Positive Energy
(Wagram, 2015)

Rocky Dawuni, Branches Of The Same Tree
(Cumbancha, 2015)

Tiken Jah Fakoly, Racines
(Barclay/Harmonia Mundi, 2015)

Lucky Dube, Prisoner
(Gallo, 1989)

Alpha Blondy, Jah Glory
1982)



In der Heimat angekommen

Reggae in Afrika

„Babylon ist uns egal“

1977 besang Bob Marley in „Exodus“ die Rückkehr der Rastafari ins heilige Land Äthiopien. Die schwarze Diaspora in Jamaika hat den Reggae erfunden, aber die Afrikaner haben sich das Genre schon lange angeeignet. Bis heute ist Reggae einer der beliebtesten Musikstile in Afrika.

Text: Martina Zimmermann

Saly Portudal, Senegal. Im Innenhof unter einem riesigen Baobab wird eine Reggaenacht gefeiert. Auf der Bühne wechseln sich Bands aus Senegal und Gambia ab, Schauplatz in dem siebzig Kilometer von Dakar entfernten Badeort ist die Restaurantkneipe Chez Yvon. Am Wochenende kommen auch viele Hauptstädter hierher und tanzen „bei Yvon“ auf moderne urbane Musik – Orchester spielen, DJs legen auf, und jeden Freitag findet die Reggaeparty statt, mit zahlreichen Bands, die zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens spielen. Unter den Gästen sind viele Rastas, sie tragen Schildwollmützen oder Stirnband, zum Pferdeschwanz gebundene Dreadlocks oder um den Kopf getürmte Lockenzöpfe. Moumini Diallo trägt seine Zöpfe offen und ein farbiges senegalesisches Gewand. Der aus der Casamance stammende Reggaefan fuhr als Jugendlicher von seinem Heimatdorf in Südsenegal mit dem Fahrrad über die Grenze ins benachbarte englischsprachige Gambia, wo Reggae damals beliebter war. Inzwischen haben fast alle senegalesischen Künstler Reggae im Repertoire, von Baba Maal über Cheikh Lô bis Didier Awadi. Der „planetäre Star“, wie Youssou N’Dour in seinem Heimatland genannt wird, brachte 2010 gar ein rein aus Reggae bestehendes Album mit dem Titel Dakar – Kingston auf den Markt.
Die Wurzeln des Reggae lägen in Afrika und besonders im Senegal, meint der Percussionist und Sänger Diallo. „Hier gibt es die Baye Fall“, erklärt er. So werden die Anhänger von Cheikh Ibrahima Fall (1855-1930) genannt, einem Schüler Cheikh Amadu Bambas (1853-1927), des Begründers der Muridenbruderschaft, die in Senegal viel Einfluss haben. Die Baye Fall tragen bunte Gewänder und Dreadlocks und sind besonders präsent in den religiösen Zeremonien, singen bis in den frühen Morgen das Lob Gottes. Sie haben den Reggae zu ihrer Musik gemacht. „Die Jamaikaner singen gegen Babylon“, erklärt Moumini Diallo, „aber sie leben in Babylon.“
„Babylon ist uns egal“, sagt Seydina Issa Cissé, der Veranstalter der Reggaenacht. „Afrika braucht Lösungen.“ Der Star des Abends, Zoum Zen, präsentiert eine wilde ausgeflippte Show, er wirft sich auf den Boden oder hüpft in die Höhe. Seine Texte warnen vor Aids und pädophilen Lehrern, er prangert Ungerechtigkeiten an. „Die Diebe da oben sitzen in klimatisierten Räumen, und du rennst und rennst und kannst nichts ändern“, lautet der Text in einem seiner Hits. Seine Musik hat einen senegalesischen Touch, dafür sorgen ein ehemaliger Gitarrist N’Dours und der Djembetrommler der Roots and Radical Band. Die in Senegal typischen Mbalaxrhythmen mischen sich mit Reggae. „Kehrt man die Harmonien des Reggae um, ergibt das Mbalax“, behauptet Seydina Issa Cissé.
Der sich als „Kulturbetreiber“ bezeichnende Cissé war Ende der Neunzigerjahre sehr erfolgreich als Manager in der Rapszene Dakars. Er produzierte Sister Fa, die heute in Berlin lebt, und Dread Maxim, dessen Album Jah Fire sich 2003 80.000-mal verkaufte und Nummer eins in Senegal war.

... mehr im Heft.


Tiken Jah Fakoly * Foto: Youri Lenquette


Puppa Lëk Sèn * Foto: Céline Guerreiro