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Backkatalog   Ausgabe Nr. 6/2016   Internetartikel
 

Editorial

Lie­be Mu­sik­freun­din­nen und -freunde,

ich bin immer mal wieder verwundert, wie das, was wir alle zwei Monate der Öffentlichkeit präsentieren, in der Leserschaft ankommt. Oder eben auch nicht. Anders formuliert: wie wenig transportierte Inhalte mit den gedruckten Seiten zu tun haben können, sondern mehr mit einem Image, einem Ruf, wo immer der auch herkommen mag. Seinerzeit als Folk-Michel mussten wir zum Beispiel mit dem Vorwurf leben, ein unverbesserliches Kelten- und Deutschfolk-Blättchen zu sein, wo wir uns doch bereits seit Jahren der Welt geöffnet hatten. Dem Leserbrief von Hinrich Langeloh im letzten Heft nach zu urteilen, haben wir die deutsche Szene erst mit meinem Editorial in Heft 4/2016 entdeckt. Das ist nachweislich falsch, zeigt aber, wie zumindest ein Teil der Leserschaft uns wahrnimmt. Sei’s drum, wir können schwerlich ändern, was in anderen Köpfen stattfindet.

Aber auch wenn das seinerzeit angesprochene Thema generell weiterhin sehr aktuell ist (siehe zum Beispiel die Titelgeschichte der Zeit vom 29.9.2016, „Wozu ist Heimat gut?“), sind und bleiben wir eine Zeitschrift, die Musik international beobachtet. Das darf uns jedoch, wie bereits erwähnt, nicht davon abhalten, unsere eigenen Traditionen weiterhin im Auge zu behalten und gegebenenfalls genauer zu untersuchen. Das kann auf verschiedene Arten geschehen. Aktivitäten von unserer Seite wird es sicherlich geben, so kooperieren wir etwa mit dem Antistadl (siehe Seite 45), der traditionelle fränkische Musik ins Hier und Heute bringen will. Oder die Initiative von Beiratsmitglied Birgit Ellinghaus in Sachen UNESCO und immaterielles Kulturerbe, auch hier geht es unter anderem um deutsche Traditionen. Unverzichtbar für eine entsprechende Berichterstattung jedoch sind Sie, liebe Leserinnen und Leser, denn ohne interessierte und engagierte Autoren kann im Folker kein Thema stattfinden. Wir schaffen die Plattform, und Sie sollten das nutzen, gerade im Hinblick auf die heimischen Musiktraditionen. Die tatsächliche Arbeit mit dem Material müssen wir eh den Künstlern überlassen.

Apropos. Ein anderes weitverbreitetes Missverständnis, besonders in Künstlerkreisen, ist, dass die Rubrik Kurzrezensionen im Folker vorwiegend für aus unserer Sicht minderwertige Produktionen reserviert wäre. Auch das stimmt nachweislich nicht, es ist ausschließlich eine Platzfrage, und die sorgt regelmäßig für Gewissensbisse bei den Rezensenten. Wie entscheide zum Beispiel ich, wie ich es mit den Kurzrezensionen halte? Ich habe für eine Ausgabe eine Menge von x CDs vorliegen. Der Mann mit dem Überblick, Rezensionsredakteur Rolf Beydemüller, sagt mir dann: „Mike, bitte besprich fünf CDs lang, elf CDs kurz, und den Rest bitte nur
Mike Kamp * Foto: Ingo Nordhofen auflisten.“ Dann entscheide ich, welche CDs ich lang besprechen werde, und zwar bevor ich reingehört habe. Meine Kriterien sind also möglichst objektiv und in erster Linie daran orientiert, wie präsent ein Künstler in Deutschland ist. Danach frage ich mich, welche Relevanz er in der Szene überhaupt besitzt. Selbst mit diesen Kriterien fällt die Auswahl meist sehr schwer, und häufig geht mir bei den dann folgenden Kurzbesprechungen der Gedanke durch den Kopf: „So eine super Scheibe, da könnte ich seitenweise drüber schreiben!“ Natürlich sind wir uns alle darüber im Klaren, dass es schlicht unmöglich ist, die monatelang gehegten und entwickelten kreativen Ideen einer Gruppe von Musikern so einfach auf 350 Zeichen einzudampfen, und auch ich scheitere häufig an meinen eigenen diesbezüglichen Ansprüchen. Aber mal ehrlich, was ist die Alternative, wenn der Platz limitiert ist? Kurzbesprechungen abschaffen? Wo bliebe denn dann zumindest der Ansatz eines Überblicks? Aufs Netz ausweichen? Nein, der Folker ist in erster Linie ein Printmedium, Onlinebesprechungen sind und bleiben eine Art Überlaufbecken, um die Tonträgerflut halbwegs in den Griff zu bekommen. Die Redaktion und die Rezensenten würden sich freuen, wenn die Künstler auch die kurzen Rezensionen als das sehen, was sie sein sollen: eine Dokumentation in Kurzform der erfreulichen Bandbreite und Tiefe dieser unserer Szene.

In diesem Sinne wünsche ich wie immer viel Spaß, auch bei ernsthafter Lektüre.



Ihr Herausgeber
Mike Kamp








Post aus dem Beirat

Konstantin Wecker * Foto: Thomas Karsten Unvergessen bleibt mir und meinen Musikern die Begegnung mit Gaby Moreno bei den letzten Songs an einem Sommerabend. Die Sängerin aus Guatemala hat uns mit ihrer atemberaubenden Sangeskunst bei „Gracias A La Vida“ verzaubert.  Wir hatten nur wenig Zeit, um zu proben, aber das ist ja das Schöne am Miteinandermusizieren: Das Beste entsteht meistens spontan auf der Bühne. Für mich ist diese Begegnung wieder ein Beweis dafür, dass es keine sogenannte „reine“ Kultur gibt. Und wie entsetzlich langweilig sie wäre! Musik, Tanz, Dichtung, Malerei – die Kunst muss offen sein für die verschiedensten Einflüsse und immer grenzenlos.
Ich habe mir den Sommer über eine Auszeit gegönnt. Vom Netz, von den Nachrichten – eine Auszeit, um wieder zu lesen und unter dem hohen und stets lichtdurchfluteten toskanischen Himmel in mich zu gehen. Ich hatte Eugen Drewermanns neues Buch Geld, Gesellschaft und Gewalt über „Kapital & Christentum“ im Gepäck (ein Muss!), Selma Merbaums zu Tränen rührende Gedichte (die jüdische Dichterin wurde achtzehnjährig von den Nazis umgebracht – siehe auch den Beitrag zu Marc Pendzich in Folker 4/2016), ein spannendes Buch von Bruce H. Lipton und Steve Bhaerman, Spontane Evolution, Geschenk meines pianistischen Alter Egos Jo zum Tourende, sowie natürlich beide Bücher meines derzeitigen Lieblingsphilosophen Franco „Bifo“ Berardi, Aufstand und Helden. Mitte September ging es wieder los mit Solokonzerten, und wir machten auch weiter mit unserer „Revolution“ – wenn ich den Tourplan so betrachte, war es eine Oktoberrevolution!
Zum Schluss noch zu einem anderen, mir sehr wichtigen Thema: Im August konnte ich 4.000 Euro an die „GriechInnenhilfe“ überweisen, über die wir schon seit geraumer Zeit in meinem Webmagazin hinter-den-schlagzeilen.de berichten. Das Geld wurde durch den Kauf des Büchleins Dann denkt mit dem Herzen – Ein Aufschrei in der Debatte um Flüchtlinge am Bücherstand meiner Konzerte gespendet. Ich bitte alle: Schaut euch die Spendenaktion mal an.

  Konstantin Wecker