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Backkatalog   Ausgabe Nr. 6/2016   Internetartikel
»Für mich muss das verbindende Element etwas Ethnisches sein, etwas, das aus dem Mittleren Osten, Anatolien oder den Balkanländern kommt.«
DJ Ipek * Foto: Michael Kuchinke-Hofer

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Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

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Auswahldiskografie:

Beyond Istanbul 2 – Urban Sounds Of Turkey Compiled By DJ İpek İpekçioğlu
(Trikont, 2009)

Import Export A La Turka – Turkish Sounds From Germany Compiled By DJ İpek İpekçioğlu
(Trikont, 2007)

Beyond Istanbul – Underground Grooves of Turkey Compiled By DJ İpek İpekçioğlu
(Trikont, 2006)



Wanderin zwischen den Welten

DJ Ipek

Musik und Politik am Mischpult

In jeder Hinsicht eine Grenzgängerin, vereint sie in ihrer Person Gegensätze, die anderen als unvereinbar gelten. İpek İpekçioğlu, bekannt als DJ Ipek, begeistert mit ihren Remixperformances die Besucher des Rudolstadt-Festivals ebenso wie die internationale Clubszene. Die türkeistämmige Sozialpädagogin wurde in München geboren, lebt heute in Berlin und Istanbul und ist stets auf Reisen rund um den Globus. Immer im Gepäck hat sie ihre Musik, ihre großartige Dialogbereitschaft und ein offenes Ohr in der Begegnung mit den Menschen, die sie trifft. Ihre Diplomarbeit widmete sie dem Thema „Lesbisch und Türkisch! Ein Widerspruch!?“ Bis heute engagiert sie sich für gleiche Rechte von Lesben und Schwulen.

Text: Stefan Sell

Es ist Ende August 2016. Wo am Landwehrkanal in Berlin zwischen Maybach- und Paul-Lincke-Ufer die Bezirke Kreuzberg und Neukölln aufeinandertreffen, ist am Maybachufer mit dem Auto kein Durchkommen, weil Dienstag ist – „Türkenmarkt“. Ein lauer Wind weht den Duft von Pfefferminze, Zimt und Muskat herüber. Die Einheimischen sprechen liebevoll von Kreuzkölln. Jede kleinste Parkmöglichkeit ist genutzt, und dennoch fahren Autos, Fahrräder, Mopeds. Auf engstem Raum herrscht die Fülle des Lebens, ein heiteres Treiben. Die glutvoll Konturen schaffende Spätsommersonne taucht diese kleine Welt, wie sie bunter und friedlicher nicht sein könnte, in wohlige Wärme. Menschen aller Nationen flanieren durch unrenovierte Straßen, vorbei an hässlichen Bausünden, deren Fassaden Graffitis edeln, schlängeln sich entlang Jugenstilbauten, die eine filmreife Kulisse abgäben, zwischen vielen kleinen Bistrotischen hindurch, an denen bei Kaffee, Tee und Aperol in babylonischem Sprachengewirr miteinander geplaudert, gelacht und diskutiert wird.
Hier lebt DJ Ipek seit vielen Jahren und hat hier auch ihr Studio. Sie wohnte bereits hier, als der Skandal um die Rütli-Schule die Runde machte, als in dieser Gegend kaum jemand leben wollte, Wohnraum billig war, der Stadtteil aber als sozial verrufen galt. Jetzt befindet sich der Bezirk durch Aufwind in umgekehrtem Wandel. Galerien kommen, Immobilienkäufer, Mietpreisbeschleuniger, Mehrwertschaffer, es passiert dasselbe wie in London und anderen Metropolen, wo Menschen mit geringem Einkommen jahrzehntelang in vermeintlich unattraktiven Stadtvierteln gelebt haben und nun durch Gentrifizierung vertrieben werden.
Das ist Berlistanbul, die kontrastreiche Welt von DJ Ipek. Der Weg zu ihr führt durch den Hauseingang in den Hinterhof. Das Treppenhaus im Seitenflügel weist deutliche Spuren seiner Mieter auf. Mit einem herzlichen „Welcome!“ öffnet sie die Tür zu ihrem Studio, das gleich gegenüber ihrer Wohnung liegt. Arbeit und Leben gehören für sie zusammen.
Geboren wurde sie in München, wurde, wie sie selbst sagt, zum Kofferkind und wechselte stets zwischen der Türkei und Deutschland hin und her. Dieses zunächst nicht selbstbestimmte Wandeln zwischen den Kulturen wurde für sie zur frei gewählten Passion. Einordnen lässt sich İpekçioğlu nicht. Sie entzieht sich der Dialektik eines Entweder-oders, ist immer sowohl als auch, ist politische Aktivistin, weltweit eine der gefeiertsten DJs, Vermittlerin zwischen den Kulturen, Musikproduzentin, Kuratorin, nutzt ihr dunkles, klar artikulierendes Timbre gleichermaßen für Rezitationen wie Proklamationen. Schon Shakespeares Hamlet riet, das Fremde willkommen zu heißen, denn „es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als die Schulweisheit sich träumt …“ DJ Ipek erinnert daran, dass, „die Welt Bewegung ist. Identität und Sprache sind nicht mehr statisch, es wäre fatal, wenn man beim Statischen bleibt. Es gibt zwar durch die Kriege immer wieder den Versuch, das Statische zurückzuholen, aber alle scheitern an diesem Versuch, der Göttin sei Dank.“

... mehr im Heft.


DJ Ipek * Foto: Michael Kuchinke-Hofer