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Backkatalog   Ausgabe Nr. 6/2015   Internetartikel
»Die Kraft des gesprochenen Wortes unter Indianern ist groß.«
Robert Mirabal * Foto: Kate Russell

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Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

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Auswahldiskografie:

Buffy Sainte-Marie,
Power In The Blood (True North Records, 2015)

Diverse,
Native North America – Vol. One (Light in the Attic, 2014)

Diverse,
Native America Calling – Music From Indian Country (Trikont, 2010)

Blackfire,
Silence Is A Weapon (Tacoho Records, 2007)

Willie Dunn,
Son Of The Sun (Trikont, 2004)

Robert Mirabal,
Indians Indians (Silver Wave Records, 2003)

Jim Pepper/Diverse,
The Music of Jim Pepper – Witchi-Tai-To (Do-CD; Tutu-Records, 2002)

Joy Harjo & Poetic Justice,
Letter From The End Of The 20th Century (Mekko Productions, 1997)

Julian B.,
Once Upon A Genocide (SOAR, 1994)



Hip-Hop mit Winnetou gegen den Völkermord

Nordamerikas indianische Musik ist kein Relikt

Seit die ersten Men­schen auf dem Rücken der Schildkröteninsel ihre Wohnstätten er­richteten und sich mit ihrer Umwelt auf spirituelle Weise verbanden, war das Land von Musik erfüllt. Allen Geschöpfen war ein Lied gewidmet und allen Zyklen des Lebens, selbst den Himmelsrichtungen. Medizinmänner und -frauen heilten mit der Kraft des Gesangs, auch Jagd und Krieg hatten ihre Tänze und Klänge; der Schlag der Trommel verband sich mit dem Atem der Sänger und nahm die Schwingungen auf, die von diesem Land und seinen Wesen – dazu gehörten auch Wälder und Felsen – ausgingen. Aus Liedern waren die Botschaften geflochten, die die Generationen miteinander verbanden und das Gleichgewicht des Zusammenlebens sicherten. Mit den Melodien, Rhythmen und Instrumenten, die mit den Kolonisatoren ins Land gekommen waren, wurde daraus eine neue Musik. Stammeseigene Reservatsender wie KILI Radio im Lakota-Reservat Pine Ridge oder Niijii Radio im Anishinabe-Reservat White Earth sorgen ebenso für die Verbreitung wie auch indigene Programme im National Public Radio – zum Beispiel „Native America Calling“, gesendet in zwanzig US-Staaten sowie auf fünf Internetstationen – oder spezielle Music Awards, mit denen jährlich die Besten in den USA und in Kanada gekürt werden. Ob Folk, Country, Rock, Blues, Jazz, Reggae, Disco, Punk oder Hip-Hop – Hohn, Wut, Verachtung stehen neben Stolz, Liebe, Empathie mit der Erde; die Kraft des gesprochenen Wortes unter Indianern ist groß.

Text: Claus Biegert

Bestes Beispiel ist der Poet John Trudell, ein Santee Sioux, der bei der Besetzung der Gefängnisinsel Alcatraz von 1969 bis 1971 als Wortführer des indianischen Widerstands erstmals in Erscheinung trat. Zusammen mit dem Kiowa-Gitarristen Jesse Ed Davis – seit George Harrisons „Concert for Bangladesh“ 1971 eine Ikone der Rockszene – hat er das Genre des Talking Rock bereichert. Davis starb 1988, Trudell machte mit neuen Musikern weiter. Aus der Rockszene ließ einer noch von sich hören, der mal in The Band Bob Dylan begleitete: Robbie Robertson, ein Mohawk. Auf seinen Alben Music For The Native Americans (1994) und Contact From The Underworld Of Red Boy (1998) lässt er sowohl den indianischen politischen Gefangenen Leonard Peltier zu Wort kommen als auch Jake Thomas, den Interpreten des „großen Gesetzes des Friedens“, der Verfassung der Irokesen, jener sechs verbündeten Nationen, die sich selbst Haudenosaunee nennen: „Menschen aus dem Langhaus“. Die Mohawks gehören zu den Haudenosaunee; den Begriff „Indians“ verwendet dort niemand.
Darf man eigentlich noch „Indianer“ sagen? Amerikas politische Korrektheit macht auch vor den Ureinwohnern nicht halt: „First Nations“, „Native Americans“, „Indigenous Peoples of the Americas“ – die Begriffe der politischen Bühne sind Kreationen der Weißen; jene, um die es geht, betrachten sich als souveräne Nationen und verwenden ihre Stammesnamen: Lakota, Dakota und Nakota (Sioux), Tsitsista (Cheyenne), Dine (Navajo), Anishinabe (Ojibwe), Haudenosaunee (Irokesen). Im Alltag sagen viele gern „Skins“ oder „Indians“, sie machen von ihrem Privileg Gebrauch, politisch nicht korrekt zu sein.
In seinem Talking-Dancefloor-Stück „Indians Indians“ zerlegt Robert Mirabal aus dem Taos Pueblo in New Mexico den stereotypen Indianer: Es gibt die zornigen, die stoischen, die tanzenden, die politischen, die naturnahen … Ihm, Mirabal, seien jene am liebsten, die ganz hinten zu finden sind: die „Just-don’t-give-a-damn-Indians“. Und er erzählt von weißen Frauen, die im Reservat auftauchen, weil sie unbedingt mit einem richtigen Indianer ins Bett wollen, wie jene Lady aus Iowa. Und was sagt der Auserkorene zu ihr? Er spricht die Einladungsformel zur Verführung: „Hey, you wanna see my horses?“ Wer will nicht die Pferde sehen, die im Verborgenen gezüchtet wurden? Und los geht die Fahrt, hinaus ins unwegsame Terrain, wo Beifuß und Süßgras die Luft schwängern und nur die Adler Zeugen sind, wenn zwei sich in einer Mulde lieben. Robert Mirabals Geschichten sind wie die kleinen kostbaren Türkise, mit denen die Silberschmiede im Pueblo ihre Schmuckstücke fertigen. Und der Synthesizer, der sich in die Anekdoten einschleicht, gibt den Sound wieder, auf den junge Indianer heute reagieren.
Mirabal, eigentlich ein Flötenbauer und -spieler, hat sich erst 2005 dem Geschichtenerzählen zugewandt. Die Flöte wird meist für traditionelle Weisen eingesetzt und für Tonträger gern mit Geräuschen der Wildnis gemischt. Neben Mirabel ist der Navajo-Musiker R. Carlos Nakai Vorbild für viele junge Musiker. Dessen Repertoire an Blasinstrumenten enthält auch eine Flöte, die aus dem Flügelknochen eines Adlers gefertigt wurde; in seiner Komposition „Earth Spirit“ entfaltet sie ihre ganze Magie. Die Adlerflügelflöte ertönt jedes Jahr bei den Sonnentänzen in der Prärie und lässt in der Hitze des Hochsommers die Zeiten verschmelzen. Sobald sie ertönt, kreisen die Adler über dem Tanzplatz.

... mehr im Heft.


Buffy Sainte-Marie * Foto: Matt Barnes


Blackfire mit Vater Jones Benally