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Ausgabe 4/2017


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 DANNY BRYANT: BIG – Live In Europe
DANNY BRYANT
BIG – Live In Europe
dannybryant.com
(Jazzhouse Records JHR141/In-akustik)
Do-CD, CD 1: 7 Tracks, 44:17, CD 2: 6 Tracks, 40:28


Bescheiden aufzutreten, ist seine Sache nicht. So ist, anders als im Booklet beschrieben, keine Big Band mit achtzehn Musikern am Werk, sondern ein Fundament aus Bass, Schlagzeug, Gitarre und Keyboard wurde um zwei Saxofone, Trompete und Posaune ergänzt. Und auch der Untertitel „Live In Europe“ sagt nicht, dass dieses Album an lediglich zwei Spielorten in Deutschland und einem in den Niederlanden aufgenommen wurde. Macht aber alles nichts, denn musikalisch überzeugend, fulminant und mit der vollen Energie der neunköpfigen Besetzung geht es mit „Temperature Rising“ los. Einmal auf Betriebstemperatur gebracht, wird es mit „Just Won’t Burn“ zwar etwas langsamer in der Metrik, aber nicht weniger expressiv. Danny Bryant ist ein Kraftmensch, sein Gitarrenspiel nicht filigran, sondern strotzend vor Energie und mit hörbarer Lust am großen Ton. Sehr schön dazu die immer wieder unterstützenden Bläser oder das abmildernde Piano. An Strom wird hier nicht gespart, jedes Instrument ist präsent, und dennoch wirkt alles im Zusammenspiel geschlossen, eine massive Mauer aus Klang und Ausdruck. Wer also Bluesrock mit „großer Geste“ mag, der wird dieses Album lieben – und alle beneiden, die eines der Konzerte besucht haben.
Achim Hennes
 ELIZA CARTHY & THE WAYWARD BAND: Big Machine
ELIZA CARTHY & THE WAYWARD BAND
Big Machine
elizawayward.com
(Topic Records TSCD592)
11 Tracks, 49:39 , mit engl. Infos


Kaum verschwindet die Folk-Big-Band Bellowhead in der Versenkung, da kommt das nächste zwölfköpfige Orchester um die Ecke. Und beides hängt zusammen, denn ohne Bellowheads Ende hätte Eliza Carthy ihren Plan nicht umgesetzt, weil – so Carthy – die Szene zwei solche Big Bands nicht vertragen könnte. Carthy und ihre drei Mitstreiterinnen und acht Mitstreiter sind schon alleine wegen der Bläsersektion mindestens ebenso mächtig wie ihre Vorgänger – und doch anders. Wie schafft man es, die unglaubliche Kreativität von Künstlern wie Eliza Carthy, Lucy Farrell, Sam Sweeney oder Saul Rose zu bündeln? Indem man einen Spezialisten wie den Schotten Jim Sutherland produzieren lässt. Der bändigt die sechsunddreißigköpfige Banda Europa, da ist die Wayward Band quasi Kleingeld – aber ein ausgesprochen spannendes, durchaus auch chartstaugliches. Das swingt, das folkt, das rockt auch mal heavy, das soult, das rappt, das ist rund, und ab und an klingt es so, dass der selige Herr Weill seine pure Freude daran gehabt hätte. Dazu passt, dass Chefin Carthy bei den Texten Wert auf sozialen Tiefgang legt. Das alles gibt uns nur wenig Zeit zum Luft holen, aber wer Spaß an einem großen und tiefen Sound hat, wird dieses Album lieben.
Mike Kamp

 ESTBEL: Saar
ESTBEL
Saar
estbel.de
(Nordic Notes NN0092)
11 Tracks, 41:12


Oh Gott, ist das schön! Keine drei Sekunden läuft die CD, und schon wird der Hörer hinweggetragen zu alten Tanzfestivals wie Saint-Chartier, in denen Dédale als Straßenmusiker auftraten, nach Cropredy und zu Fairport Convention oder nach Rudolstadt, als das „T“ noch neben dem „FF“ stand. Belgien, schon immer eine Talentschmiede für urbanen Folk, und Skandinavien, mit langer Tradition in Folkförderung, scheinen ihre besten Talente in einer Band vereinigt zu haben. Estbel – für Estland und Belgien –, so heißt die junge Truppe, und sie erfüllt schlichtweg alle Wünsche des folkverwöhnten Publikums. Dabei erfinden Estbel keineswegs das Rad neu, die Kompositionen könnten von Blowzabella stammen, von Sorten Muld oder sogar von Lais. Und wenn die Referenzen auch hoch gegriffen scheinen, die Musiker schaffen es spielend, die Erwartungen zu erfüllen. Die Songs sind schlichtweg brillant komponiert, die Arrangements drücken die richtigen Knöpfe, und die Spielfreude bläst jeden Zweifel hinweg. Es fehlt Saar völlig an sperrigem Material, jedes Stück ist eingängig, quasi ein Hit. Dabei wird das Album auch nach wiederholtem Hören nicht langweilig, im Gegenteil, man verliebt sich in die vielen kleinen Spielereien, die dieses Werk abrunden.
Christian Elstrodt
 FLO:  Il Mese Del Rosario
FLO
Il Mese Del Rosario
de-de.facebook.com/public/floriana-cangiano
(Agualoca Records ALCD011/Indigo)
Promo-CD, 9 Tracks, 41:38


Nach ihrem federleichten Debüt D’Amore E Di Altre Cose Irreversibili paart Floriana „Flo“ Cangiano in ihrem neuen Opus Leichtigkeit mit Schwermut, Ironie und Sarkasmus. Opener „Vulio“ (neapolitanisch für „Wunsch, Begierde“) lehnt sich witzig am mexikanischen Huapango „Cucurrucucú Paloma“ an und steht für die oft kaum zu verwirklichenden Träume und Sehnsüchte der Neapolitanerinnen. Im fast punkigen „Malemaritate“ erzählt Flo die Geschichte der Straßenmädchen im Spätmittelalter, die versuchten, ihr Leben im Kloster in ruhigere Bahnen zu lenken, um darauf zur leichten Beute der Mönche zu werden. Der Kontrast zum locker hüpfenden „Ad Ogni Femmina Un Marito“ („Jeder Frau einen Gemahl“) könnte kaum größer sein. Doch die ersten Takte trügen, die perfekte Ehe der Mutter ist nur ein Schein. Das Crescendo der Band deutet aufkommende Stürme mit der Tochter an, die ganz andere Vorstellungen von Liebe hat. Und die drei Begleitmusiker haben es in sich: Ernesto Nobili an verschiedensten Saiteninstrumenten, der Percussionist und Mandolaspieler Michele Maione und der Cellist Marco di Palo zeichnen verantwortlich für ein ungemein abwechslungsreiches Werk. Jedes Lied eine Perle. Italianità vom Besten.
Martin Steiner

 FOLK’AVANT: Gryningsland
FOLK’AVANT
Gryningsland
folkavant.com
((Nordic Notes NN089)
10 Tracks, 45:58 , alle Texte im Original, teilw. engl. Ãœbers.


Wieder ein Beispiel für die erfolgreiche Folkmusikausbildung in Skandinavien. Die drei jungen Musikerinnen Anna Wikenius (Gesang, die meisten Kompositionen), Maija Kauhanen (Kantele, Gesang) und Anna Rubinsztein (Geige, Gesang) sind Absolventinnen der Königlichen Musikakademie in Stockholm und komponieren, spielen und singen moderne Folkmusik entsprechend ihrem Bandnamen. Wikenius und Rubinsztein kommen aus Schweden, Kauhanen aus Finnland. Das Trio gründete sich 2013, und als Mitglieder bekannter Gruppen wie Okra Playground, Mari Kalkun & Runorum und Kongero hatten sie genug Erfahrungen, um dieses überzeugende Debütalbum zu produzieren. Es sind alles Eigenkompositionen, die ihre Länderherkunft nicht verleugnen. Kauhanen ist eine expressive Sängerin und Meisterin auf ihrer 23-saitigen Saarijärvi-Kantele, der sie experimentelle Töne entlockt. Der Gesang des gesamten Trios mit diesen besonderen Stimmen begeistert. Die eher besinnlichen Themen reichen von einer Liebesnacht und einem Traum von einer angehaltenen Welt über das Untergehen des Mondes in der Morgendämmerung und die Erinnerung an einen Tröster bis hin zu den etwas temperamentvolleren „Budapest“, „Infall“ und „Instagram“. Ein außergewöhnliches Album.
Bernd Künzer
 EBBA FORSBERG: Take My Waltz – Ebba Forsberg Sings Leonard Cohen
EBBA FORSBERG
Take My Waltz – Ebba Forsberg Sings Leonard Cohen
ebbaforsberg.com
(Gamlestans Grammofonbo/Broken Silence)
11 Tracks, 53:52


In Schweden Leonard Cohen zu singen ist nicht einfach, die Nachdichtungen von Janerik Lundqvist sind einfach überlebensgroß. Ebba Forsberg geht einen anderen Weg als dieser und singt Cohen auf Englisch, unterstützt von etlichen Kollegen mit einer Vielzahl von Instrumenten. Die halten sich aber diskret im Hintergrund. Alles lebt von Forsbergs fantastischer Stimme und ihren Arrangements, die sich so dicht an die Originale halten, dass keine Verfremdung entsteht, zugleich aber so viel Eigenes aufweisen, dass es eben ein „anderer“ Cohen wird. „Dance Me To The End Of Love“ ist schmissiger, ein bisschen wie Big Band, „Suzanne“ schneller, als ob die Betrachterin wünscht, Suzanne möge sich mal beeilen, „That’s No Time To Say Goodbye“ leicht amüsiert, „Who By Fire“ eher drohend, schicksalhaft, unvergesslich. Ebba Forsberg hat zwischendurch Probleme mit dem englischen „s“, hier stört das aber nicht, sondern klingt ein bisschen exotisch, anders eben, und durchaus schwedisch. Ihre Versionen eröffnen einen neuen Zugang zu Cohens Texten und sind zugleich eine überraschende Wiederbegegnung mit dem Nobelpreisträger der Herzen.
Gabriele Haefs

 ANDREAS IHLEBÆK: The Guest
ANDREAS IHLEBÆK
The Guest
andreasihlebaek.bandcamp.com
(So Real International SoReal002)
8 Tracks, 49:32


Ihlebæk schafft es, dem überstrapazierten Genre Folkpop eine gänzlich neue Dimension hinzuzufügen. Soundtrackartige Landscapes und sinfonische Gedankenwelten verbinden sich mit raffiniertem Songmaterial zu einer einzigartigen Klangfarbe. Denkt man bei der Symbiose von Klassik, Folk und Electronica an Olafur Arnalds oder Nils Frahm, so landet man schnell bei instrumentalen Ambientklängen. Ihlebæks Ansatz ist jedoch songorientiert, quasi ein Liedermacher für Frahm-Fans. Das Ergebnis, intelligente Popmusik ohne Vergleich, liefert der Norweger in einer Qualität, die durchaus auch Kate Bush oder Peter Gabriel gut zu Gesicht stehen würde. Der Hörer fühlt sich gleichzeitig auf einem Konzert von Billy Joel und Bugge Wesseltoft. The Guest ist auf einem Festival wie dem Haldern Pop vermutlich besser aufgehoben als in einem Opernhaus, dennoch ist die Kategorie „Klassik“ angemessen. Ihlebæk schuf mit seinem Debütalbum schlichtweg ein Meisterwerk. Übrigens war der Künstler auch vor seinem ersten Album in Skandinavien erfolgreich. Er komponierte für Filme, war Gastmusiker vieler norwegischer Jazzstars und wurde mehrfach für den norwegischen Spellemannprisen nominiert.
Christian Elstrodt
 ISABELLE: Ich bìn do
ISABELLE
Ich bìn do
isabellegrussenmeyer.com
(Eigenverlag)
11 Tracks, 38:50 , mit franz. Infos u. elsäss. Texten


Die elsässische Liedermacherin aus Haguenau, Isabell Grussenmeyer, singt in der Mundart ihrer Heimatregion, dem Nordelsass, einem Idiom, das, obwohl alemannisch, auch deutliche Ähnlichkeiten zum pfälzischen und nordbadischen Rheinfränkisch hat. Gleich zwei Lieder, deren Texte sie zusammen mit Jean-Pierre Albrecht geschrieben hat, handeln von der Sprache, und zwar einmal davon, dass niemand Prophet im eigenen Land ist und mit seiner Kunst und Sprache dort nicht ankommt, zum anderen vom „Wortsàlàt“ beim Versuch, sich in Spanien zu verständigen. „Bühnedatteri“, also Lampenfieber, gesteht sie in einem anderen Lied ein, während sie in einem weiteren vom Trüdel erzählt, das „waje de Litt“, also wegen der Leute, nie das macht, was es eigentlich will, bis es sich davon emanzipiert. Alle diese feinen, hintersinnigen Lieder singt sie mit einer sympathischen Stimme und achtköpfiger Begleitung auf vielen Instrumenten wie Kontrabass, Klavier, Percussion, Gitarre, Querflöte und Trompete. Ein wunderbares Album, das hoffentlich kein Denkmal für die elsässische Sprache wird, sondern dazu animiert, sie (und andere Mundarten) zu hegen und zu pflegen.
Michael A. Schmiedel

 HANNAH JAMES: Jigdoll  THE RHEINGANS SISTERS: Already Home  LADY MAISERY: Cycle
HANNAH JAMES
Jigdoll
jigdoll.co.uk
(Rootbeat Records RBRCD30)
14 Tracks, 50:44 , mit engl. Infos


THE RHEINGANS SISTERS
Already Home
rheinganssisters.co.uk
(Rootbeet Records RBRCD28)
12 Tracks, 55:34 , mit engl. Infos


LADY MAISERY
Cycle
ladymaisery.com
(Rootbeat Records RBRCD33)
13 Tracks, 44:45 , mit engl. Infos


Drei CDs, ein Label, ein Produzent (Dylan Fowler) und vier junge englische Damen. Die erste ist Hannah James (Gesang, Akkordeon und Stepptanz). Sie hat bereits in diversen Combos gearbeitet, zum Beispiel mit der Folklegende Maddy Prior. Hier macht sie ihr Ding, und das ist die Synthese von Musik und Stepptanz. Alles selbst geschrieben, basierend auf ihrem Verständnis von Tradition. Wunderbar zu erfahren, wie die rhythmischen Tanzparts – auch barfuß – mit Gesang und Musik verschmelzen.
Die Rheingans Sisters aus Sheffield machen europäische Musik im besten Sinne des Wortes. Der Schwerpunkt liegt auf der Geige, die beide spielen – und der Vater baut. England, Skandinavien, Spanien und Frankreich sind die Quellen der mehr oder weniger live eingespielten Lieder und Melodien.
Lady Maisery, das sind Hannah James, Rowan Rheingans und Hazel Askew (Harfe, Konzertina). Hier glänzen alle drei Damen in erster Linie vokal. Selbst die zwei Instrumentaltracks werden gesungen! Natürlich sind die Ladies auch instrumentell variabel. Akkordeon, Harfe und Banjo dominieren die teils traditionellen, teils zeitgenössischen und teils höchst erstaunlichen selbst komponierten Lieder. Tolle und sehr weibliche Folkmusik.
Mike Kamp
 ANDY MANNDORFF : Pandora
ANDY MANNDORFF
Pandora
manndorff.com
(Cracked Anegg Records)
11 Tracks, 43:03


Die eigene Stimme zu finden, bleibt oft eine lebenslange, ergebnislose Suche. Viele Künstler sind in einer musikalischen Tradition beheimatet, die nur einen begrenzten Spielraum zu erlauben scheint. Das gilt für alle Genres. Hin und wieder taucht dann ein Freigeist am Horizont auf, und man fragt sich, wie das kommt, dass einer so anders klingt. Und vielleicht ist es ja besonders schön, dass das ein Geheimnis bleiben wird. Der österreichische Gitarrist Andy Manndorff ist so einer. Kommt mit seiner nylonbesaiteten Akustikgitarre daher und öffnet die Büchse der Pandora. Doch heraus strömen keine Plagen, sondern wundersame Kompositionen und Improvisationen, die einerseits den erfahrenen Jazzmusiker verraten und andererseits doch so weit weg sind von allen bekannten musikalischen Gestaden. Erstaunliche Einfachheit, erstaunliche harmonische Komplexität, begnadetes Timing und eine Gelassenheit, die ansteckt. Und allerorten Schönheit. Bei Manndorff wird alles zu Musik, die Berührung der Saite, das Kratzen, Schaben und Wischen. Von Effekten hält er nichts, aber viel von Innerlichkeit, die noch lange nach dem letzten Ton nachklingt.
Rolf Beydemüller

 QUERCUS: Nightfall
QUERCUS
Nightfall
ballamy.com/quercus
(ECM 2522)
11 Tracks, 65:37 , mit engl. Texten u. kurzen Infos


Wo Quercus draufsteht, könnte durchaus June Tabor drin sein. Aber Vorsicht, es gibt auch eine Mittelalterband gleichen Namens. Wenn Quercus jedoch auf dem Jazzlabel ECM veröffentlichen, dann handelt es sich um June Tabor und ihren langjährigen Pianisten Huw Warren plus den Saxofonisten Iain Ballamy. Aber ist das Jazz? Oder ist das Folk? Es ist wunderbare Musik! Sechs traditionelle Songs, je einmal Dylan und Bernstein, zwei Instrumentals – das Trio ist variabel, aber die Basis ist Folk. Dafür sorgt schon alleine die einzigartige dunkle Stimme von June Tabor, das Zentrum eines jeden Songs. Warren und Ballamy arbeiten ihre musikalischen Beiträge, denen man die Jazzwurzeln natürlich anhört, einfühlsam in und um den Gesang. Die Ergebnisse sind erstaunlich. Der Opener zum Beispiel, „Auld Lang Syne“, der bereits millionenfach zerspielt worden ist, klingt hier völlig neu empfunden. Okay, Lebensfreude ist auf dem kompletten Album auch im Ansatz nicht zu erkennen, Melancholie ist eben so etwas wie Tabors Markenzeichen. Ein mehr als würdiger Nachfolger des hochgelobten und mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichneten ersten Triowerks Quercus von 2013 – Weiterentwicklung wäre der passendere Begriff.
Mike Kamp
 WIMME & RINNE: Human
WIMME & RINNE
Human
wimme-rinne.com
(Westpark CD 87338)
9 Tracks, 37:03


Tapani Rinne ist einer der bedeutendsten Vertreter elektronischer Musik in Finnland und als Saxofonspieler Erzeuger einer einzigartigen Klangfarbe. In seinen Experimenten spielt die nordische Folklore regelmäßig eine bedeutende Rolle. Rinne arbeitete deshalb bereits mehrfach mit dem samischen Vorzeigejoiker Wimme Saari zusammen. Ob unter gemeinsamem Namen oder als Gastmusiker bei jeweils dem anderen Künstler, Rinnes Instrumentalkunst ist das kongeniale Äquivalent zu Wimmes Gesang. So klingt Human wie ein Wiedersehen zweier alter Freunde. Ob nordische Schwermut herbeibeschworen oder mit leichten Technoklängen zum Tanzen aufgefordert wird, überall ist das spielerische Miteinander zu hören, das Frage- und Antwortspiel zweier großer Künstler. Dabei verzichten beide auf die Zurschaustellung ihrer enormen Fertigkeiten. Minimalistisch reduzieren sich die Arrangements und erreichen so eine Intimität, bei der sich der Zuschauer fast wie ein Voyeur fühlt. Man glaubt beinahe, einer von Improvisation getragenen Livesession beizuwohnen. Zum Genuss sind offene Ohren allerdings unabdingbare Voraussetzung – wie bei jeder Veröffentlichung dieser Künstler.
Christian Elstrodt

 ZARUK (RAINER SEIFERTH & IRIS AZQUINEZER): Hagadá
ZARUK (RAINER SEIFERTH & IRIS AZQUINEZER)
Hagadá
rainerseiferth.de
irisazquinezer.com
(Rosevil Records/Timezone)
13 Tracks, 58:53 , mit span. u. engl. Infos


Das 2015 in Madrid zusammengekommene Duo nimmt sich in seiner ersten, so liebevollen wie sorgfältigen Aufnahme des sephardischen Liedgutes an. Dieses liegt der spanischen, einer jüdischen Familie entstammenden Cellistin seit ihrer Kindheit am Herzen, und so sprach sie für diese musikalische Erinnerungsarbeit den seit 2005 in Spanien lebenden, hörbar seelenverwandten deutschen Gitarristen an. Die Klassiksozialisation und allerhand zwischen „U“ und „E“, Traditionellem und Zeitgenössischem siedelnden Erfahrungen – von Alter Musik bis Folk, Jazz oder Pop – kommen dieser klanglich angenehm minimalistischen, dabei nicht minder reichhaltigen Annäherung an jene uralten Lieder der spanischen Juden zugute. Zwei nicht zum Kontext gehörende Kompositionen und ein Vokalstück enthält das ansonsten rein instrumental gestaltete Album. Hier und da wird der intime, an sich gut tragende Zweierverbund geöffnet für Musikerfreunde: den mit Alter Musik vertrauten Percussionisten David Mayoral, den ebenfalls in Madrid lebenden Saitenexperten Bill Cooley aus den USA – wie Seiferth Mitmusiker der Nyckelharpistin Ana Alcaide –, hier an der Santur, und den Wahl-Barceloner Hangvirtuosen Ravid Goldschmidt aus Israel.
Katrin Wilke