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Rezensionen der
Ausgabe 2/2018


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TONTRÄGER


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PLATTENPROJEKTE

Es gibt im Musikbereich immer wieder Ver­öffent­lichungen, die den Rahmen herkömmlicher Pro­duk­tionen inhaltlich wie vom Umfang her spren­gen und deshalb einer ausführlicheren Betrach­tung bedürfen, als dies in Form einer ülichen Re­zen­sion geleistet werden kann.   [mehr dazu hier]


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Die Besondere — DEUTSCHLAND I

 CROSSWIND: Unwinding Road
CROSSWIND
Unwinding Road
crosswind-music.de
(Crosswind Music)
10 Tracks, 59:38, mit Fotos, engl. Infos u. Texten



Nach seinem besonderen Debüt 2015 legt das rheinisch-westfälische Quartett, bestehend aus Stefan Decker (Gesang, Flute, Whistles, Fiddle, Gitarre), Sebastian Landwehr (Gesang, Gitarre, Konzertina, Whistles), Mario Kuzyna (Gesang, Gitarre, diatonisches Akkordeon) und Beatrice Wissing (Gesang, Fiddle) seine zweite, nicht weniger begeisternde Scheibe vor. Zusammen mit den Gästen Franziska Urton an der Fiddle, Markus Pede am Bodhrán, Simon Scherer am Banjo, Charlotte Jescke am Cello und Alexander Froitzheim an den Uilleann Pipes beweist Crosswind wieder eine ungeheure Filigranität und Versiertheit im Spiel ihrer Instrumente sowie in ihren Arrangements. Dieselben Instrumente klingen mal getragen-melodiös, mal
 Crosswind
stakkatohaft-rhythmisch und bieten zusammen mit den Gesangsstimmen einen starken Klangteppich. Zudem erzählen sie ergreifende Geschichten, denen man im inhaltsschweren Beiheft auch anhand der Texte folgen kann: über einen britischen Soldaten, der 1778 in einer Seeschlacht gegen ein Schiff der Yankees beide Beine verliert, über die Selbstfindung auf dunklen, gewundenen Straßen oder über einen Vater, der seine Tochter im Fluss ertrinken lässt, weil sich ein Arbeiter auf seiner Farm in sie verliebt hat. Das ist keine leichte Kost. Und wie das bei Musik dieser Qualität so ist, je genauer man hinhört, etwa mit Kopfhörer und geschlossenen Augen, desto schöner wird sie. Dann hört man die feinen Zwischenspiele, die kleinen Variationen von Strophe zu Strophe, die Übergänge zwischen den Tunes, die Mehrstimmigkeit. Stefan Decker tut sich zudem als Komponist der Instrumentals und Sebastian Landwehr als Autor des Eingangsliedes hervor, das im Gegensatz zu den anderen ernsten Texten von einem musikalischen Freitagabend handelt. Hier wird die irisch-schottische Musiktradition nicht nur gepflegt, sondern fortgeschrieben. Crosswind müssen sich nicht verstecken, weder hinter Cara, Iontach oder Whisht!, noch hinter Beoga, Solas oder Gráda. High end Celtic folk made in Northrhine-Westphalia!
Michael A. Schmiedel

Die Besondere — DEUTSCHLAND II

 YELLOW BIRD: Edda Lou
YELLOW BIRD
Edda Lou
yellowbirdmusic.com
(Enja/Soulfood)
10 Tracks, 39:17, mit engl. Texten



Der Eindruck, man hätte in dichten Appalachenwäldern eine Truhe mit Noten und Instrumenten aus der Zeit der Pioniere geöffnet, dazu zwei singende Wiedergängerinnen getroffen und alles zum Leben erweckt, ist im Grunde ganz richtig. Allerdings befindet sich die Truhe in der Jetztzeit, und der Inhalt agiert mit dem Heute. Schon spielt sich eine E-Gitarre gewollt disharmonisch zwischen den lieblichen Gesang des ersten Songs „Apple Tree“ und lässt ahnen, dass auf die anfänglich besungene Idylle Schatten fallen. In „In The Woods“ ist es von vornherein schattig. Hier irrt jemand nach Antworten suchend durch die Dunkelheit. Das klingt geisterhaft, trotz des standhaften Banjos. Ähnlich gespenstisch ist „Black Train“.
 Yellow Bird * Foto: Dovile Sermokas
Und dann kommt Joni Mitchell als abgeklärtes melancholisches „Blue Cowgirl“. Das ist Kino für die Ohren. In scheinbaren Traditionals berichten die Sängerinnen vom Dasein und Vergehen, mit ausdrucksstarken Stimmen, die Gänsehaut erzeugen. Übergangslos oder zeitgleich klingen sie ganz modern. In Wahrheit nämlich ist es nix mit der Authentizität. Alles erfunden, nachempfunden, selbst komponiert, das aber höchst inspiriert, eine freikünstlerische Anmutung. Damit trifft sie den Nerv umso besser und überträgt sie adäquat ins Hier und Jetzt. Die Band Yellow Bird hat ihr Nest in Berlin, und ihr zweites „Ei“ heißt Edda Lou. Manon Kahle hat acht der zehn Songs auf dem Album verfasst. Ihre Kindheit in New England, im Nordosten der USA, war geprägt durch folkloristische Traditionen. Sie spielt Ukulele, Banjo und Fiddle. Sie ist mit den Originalsongs aufgewachsen und kennt sich bestens aus. Ihre Stimme ist hell und klar. Ihr düsterer Gegenpart, Lucia Cadotsch, stammt aus der Schweiz und hat sich bereits Lorbeeren im Jazz verdient. Sie ist der akademische Teil des Duos, spielt dazu Percussion und Melodica. Zu all dem schafft die Band mit Gitarre, Bassklarinette, Klavier, Banjo und Schlagzeug diese einzigartige Atmosphäre. Und wer pfeift so ausgelassen und bläst die Penny Whistle im Hidden Track?
Imke Staats

Die Besondere — EUROPA

 JÚLIO PEREIRA: Praça Do Comércio
JÚLIO PEREIRA
Praça Do Comércio
juliopereira.pt
(Tradisom TRAD106)
11 Tracks, 35:36, mit portug. u. engl. Texten



Das Cavaquinho wurde vor nicht allzu langer Zeit nur noch vereinzelt in ländlichen Gegenden gespielt. Die ersten dieser kleinen Viersaiter wurden im achtzehnten Jahrhundert in Nordportugal gebaut, von wo sie mit den Seefahrern die Reise in die Kapverden, nach Madeira und Brasilien antraten. Dort, in Übersee, blieb das der Ukulele ähnliche Instrument populär. Mit dem Folkrevival der Siebziger wurde das Cavaquinho in Portugal wachgeküsst. Ein Meilenstein war Júlio Pereiras 1981 entstandenes Album Cavaquinho mit traditionellen Stücken und einem wilden Ausflug in den Jazz. Ganz anders Praça Do Comércio, sein 22. Studioalbum. Für Improvisation bleibt darin kaum Platz. Jeder Ton ist
 Júlio Pereira
gesetzt. Auf dem Konzeptalbum, einer Suite mit einem Füllhorn von Ideen, verzichtet der Meister auf Wiederholungen. Höchstens am Ende eines Stückes setzt er eine Klammer. Geblieben ist Pereiras unverkennbares Rasgueado auf dem Instrument. Wie auf einem Marktplatz, einer praça do comércio, bedient er sich hier einem musikalischen Motiv aus Galicien, dort einem aus dem Alentejo, aus Andalusien, dem arabischen Raum, Afrika und Brasilien. Nie verweilt er lange bei einer Idee. Das erfordert genaues Hinhören, dafür wird man jedes Mal mit neuen Details belohnt. Alle Stücke, mit Ausnahme der Instrumentalversion von José Afonsos „Indios Da Meia-Praia“, sind Eigenkompositionen. Júlio Pereira spielt eine Vielzahl weiterer Saiteninstrumente, allen voran Braguinha, die Schwester des Cavaquinho aus Madeira, Viola Braguesa, aber auch Bouzouki. Eine Vielzahl von Gästen belebt den Marktplatz, doch Júlio Pereira würzt die Stücke immer mit musikdienlichen Zutaten. Herausragend ist auch das 111-seitige Booklet. Darin finden sich Grafiken zu allen Stücken, die Geschichte des Cavaquinho und der Braguinha sowie Partituren und Grifftabellen aller Titel und viele Instrumentenfotos. Übrigens: auch Kaiserin Sisi spielte schon auf der Braguinha, wie eines der Fotos zeigt.
Martin Steiner