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 HANNES WADER: Trotz alledem : mein Leben.
HANNES WADER
Trotz alledem : mein Leben.
penguin-verlag.de
(München : Penguin-Verl., 2019. – 591 S. : mit zahlr. s/w-Fotos)
ISBN 978-3-328-60049-7 , 28,00 EUR


In plastischen Worten schildert Wader seine Kindheit und Jugend in ländlicher Umgebung, die Sechzigerjahre in Berlin, den deutschen Herbst, die Friedensbewegung sowie den schmerzlichen Abschied von seinen Illusionen. Was während der gesamten Lektüre dieser in höchstem Maße lesenswerten Biografie auffällt, ist die schonungslose Offenheit in der Schilderung eigener Versäumnisse, Schwächen, Irrtümer und Unzulänglichkeiten. Das gleicht stellenweise einer Selbstzerfleischung. Immer wieder verspürt Wader die Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe Gleichgesinnter, bei gleichzeitiger Unfähigkeit, sich ein- oder gar unterzuordnen. Über die Jahre quälen ihn Zweifel, nicht zu genügen, am falschen Ort zu sein, sich mit den verkehrten Menschen zu umgeben, nicht die richtigen Ziele zu verfolgen. Nur in seltenen Momenten erlebt er ein mit sich selbst Einverstandensein. Er ist ein Getriebener, dessen Dauerzustand die Krise zu sein scheint. Diesen Eindruck vermittelt jedenfalls dieses grundehrliche Buch. Und nun die andere Seite, die das Phänomen erst komplett macht: Hannes Wader hat über einen Zeitraum von mehr als einem halben Jahrhundert (!) zigtausenden von Menschen ganz unterschiedlicher Altersgruppen unvergessliche Konzertereignisse geschenkt, er hat fast ebenso viele Menschen zum Singen (seiner und anderer Lieder) animiert, er schrieb Lieder, die zu Volksliedern wurden, er hat Lebenswege – auch den des Rezensenten – über Jahrzehnte in positiver Weise begleitet. Und dafür gibt es eigentlich nur zwei Worte: Danke, Hannes!
Kai Engelke
 BILLY BRAGG: Die drei Dimensionen der Freiheit / aus d. Engl. von Tino Hanekamp.
BILLY BRAGG
Die drei Dimensionen der Freiheit / aus d. Engl. von Tino Hanekamp.
heyne-encore.de
(München : Heyne, 2020. – 141 S. – (Heyne encore) Einheitssacht.: The three )
ISBN 978-3-453-27279-8 , 12,00 EUR


Buch Nummer drei des englischen Singer/Songwriters, und erneut widmet Bragg sich einem nichtmusikalischen Thema. Das heißt jedoch nicht, dass seine Gedanken für diese Zeitschrift uninteressant wären (wie er in seinem „Gastspiel“ auf Seite 51 beweist). Ohne Freiheit ist keine aufgeklärte Musik möglich, und Freiheit ist Braggs zentrales Thema bzw. deren drei Dimensionen Liberalität, Gleichheit und Verantwortlichkeit. Seine These lautet: Liberalität ist für den Einzelnen ebenso wichtig wie Gleichheit für die Gesellschaft, aber erst die Verantwortlichkeit verbindet beides zu etwas, das man Freiheit nennen kann. Diesen drei Dimensionen widmet Bragg neben einer Einleitung jeweils ein separates Kapitel, wo er die Begriffe historisch erklärt und in die Gegenwart führt. Das ist in sich logisch, auch wenn manche Punkte kontrovers sind, z. B. die Redefreiheit an sich. Muss man Populisten wie der AfD tatsächlich dieses Recht zugestehen oder fallen sie bereits unter die von Bragg zitierte Orwell-Einschränkung, das gelte nur unter der Voraussetzung, „es fügt dem Rest der Gemeinschaft nicht unverkennbar Schaden zu“? Zur korrekten Einordnung muss man bedenken, dass Bragg nicht der Revolutionär ist, zu dem ihn manche hochjubeln, sondern eher ein linker Sozialdemokrat. Als solcher stellt er nicht die Systemfrage, sondern glaubt, dass man Politiker oder Konzerne zur Verantwortung ziehen oder zu Transparenz verpflichten kann, wie er gegen Ende des Büchleins (Format 11x16 cm) im Hinblick auf die allgegenwärtigen sozialen Medien meint, und das wäre dann durchaus eine vierte und unverzichtbare Dimension. In der Übersetzung von Tino Hanekamp liest sich der Text an manchen Stellen nicht so flüssig und präzise wie im Original. Dennoch ist es ein bedenkenswertes Pamphlet, wie es im Englischen heißt, oder ein „politischer Weckruf“, so der deutsche Untertitel. Man sollte definitiv darüber diskutieren, z. B. auch mit Billy Bragg auf seiner Lesereise durch fünf deutsche Städte Anfang März.
Mike Kamp

 HAROLD F. EGGERS JR., L. E. McCULLOUGH: My Years with Townes van Zandt : Music, Genius, and Rage / Harold F. Eggers Jr. with L. E. McCullough.
HAROLD F. EGGERS JR., L. E. McCULLOUGH
My Years with Townes van Zandt : Music, Genius, and Rage / Harold F. Eggers Jr. with L. E. McCullough.
backbeatbooks.com
(Montclair, NJ : Backbeat Books, 2018. – 252 S. : mit zahlr. Farb- u. s/w-Fotos)
ISBN 978-1-61713-708-2 , 26,00 EUR


Als Townes van Zandt am 1. Januar 1997 starb, auf den Tag genau 44 Jahre nach dem Tod von Hank Williams Sr., hinterließ er einen beeindruckenden Katalog von Songs wie „Pancho And Lefty“, „If I Needed You“, „Waiting Around To Die“ und „To Live Is To Fly“. Dieses Buch ist jedoch nichts für die van-Zandt-Fans, die Einblick in bestimmte Songs bekommen wollen. Eggers, – von 1977 bis zum Tod des Texaners Roadmanager, Koproduzent und Geschäftspartner von Townes Van Zandt – schreibt vielmehr über eine tiefe Freundschaft, die zugleich eine symbiotische Beziehung war. Hier der Musiker, der sowohl Genie als auch von Alkohol, Drogen und Depressionen gequälter Geist war, dort sein von posttraumatischen Belastungsstörungen gepeinigter Vietnamveteranenmanager. Van Zandt hatte – nach Elektroschockbehandlungen – nur wenige Erinnerungen an seine eigene Kindheit. Dennoch handeln seine Lieder von Charakteren mit viel Authentizität. Er war ein großartiger Gitarrist und ein Meister der Lyrik. Ohne eine Antwort auf das „Warum“ geben zu können, beschreibt Eggers, dass genau diese Talente und sein ungesunder Lebensstil ihn geradezu verbrennen ließen. Eggers liefert einen ungeschminkten – und daher sehr bewegenden – Einblick in das Leben des von so vielen Dämonen getriebenen Musikers. So gelingt es ihm, die tiefe Menschlichkeit Townes van Zandts offenzulegen, der es nie über den Kultstatus hinausschaffte. Eingerahmt wird Eggers’ Buch von einem Vor- und einem Nachwort des Komponisten L. E. McCullough. Der Anhang bietet u. a. eine komplette Diskografie aller van-Zandt-Veröffentlichungen.
Michael Kleff
 BERND KÖHLER: Nachrichten vom Untergrund : Lieder u. Texte 1967-1989.
BERND KÖHLER
Nachrichten vom Untergrund : Lieder u. Texte 1967-1989.
llux.de
(o. O. : Llux-Verl., 2019. – 192 S. : mit zahlr. s/w-Fotos u. Notenbeisp. )
ISBN 978-3-938031-81-0 , 15,00 EUR


Nicht selten stellt sich der Weg eines Durchschnittslinken aus der 68er-Generation wie folgt dar: Schule, Lehre oder Studium, Radikalisierung, Demos, Teach-ins, intensive Lektüre marxistischer und/oder anarchistischer Theoretiker, Leben in WGs, verschiedene Jobs, Einstieg ins Berufsleben, Relativierung früherer Positionen, Anpassungsverhalten, zügig voranschreitende Verbürgerlichung bis hin zum konservativen Denken. Da ist Bernd Köhler, in den Siebzigern unter dem Namen Schlauch bundesweit bekannt gewordener Liedermacher, allerdings aus einem völlig anderen Holz geschnitzt. Er ist sich selbst in seinem Denken und Handeln über Jahrzehnte treu geblieben. Wo andere Liedermacher sich in melancholischer Selbstbespiegelung gefielen, hatte Köhler stets den Gesamtzusammenhang im Blick, ging auch dorthin, wo es unbequem war, stellte sich und seine Lieder kompromisslos in den Dienst seiner politischen Überzeugungen. Nun hat er ein Lieder- und Textbuch vorgelegt, das die Jahre 1967 bis 1989 dokumentiert. Einige Kapitelüberschriften mögen verdeutlichen, worum es damals ging: „Erkenntnis und Widerspruch“, „Gegen Faschismus und Reaktion“, „Solidaridad Internacional“, „Leben, Lachen, Kämpfen“, „Nachrichten vom Untergrund“, „Exemplarische Antworten“. Köhlers Texte sind lebendiger Ausdruck einer Epoche, die bis heute nachhaltig präsent ist. Und – manche Texte sind nach wie vor erschreckend aktuell. Mitte des Jahres erscheint der zweite Band, Halt Los, Texte und Lieder 1990-2019.
Kai Engelke

 JOHNNY FARRAJ / SAMI A. SHUMAYS: Inside Arabic Music: Arabic Maqam performance and theory in the 20th Century / Johnny Farraj and Sami Abu Shumays.
JOHNNY FARRAJ / SAMI A. SHUMAYS
Inside Arabic Music: Arabic Maqam performance and theory in the 20th Century / Johnny Farraj and Sami Abu Shumays.
oup.com
(o. O. : Oxford Univ. Pr., 2019. – XXXII, 444 S. : mit Notenbeisp. u. Abb. )
ISBN 978-0-19-065836-6 , 39,95 USDR


Es ist ein Kreuz mit der arabischen Musik, oder besser: es war. Wer diese gerne hört oder machen möchte, hatte es bislang schwer, an geeignetes Schrifttum zu gelangen. Bücher zum Thema sind entweder hochtheoretisch und haben mit dem tatsächlichen Musikschaffen wenig zu tun, sie sind uralt oder so spezialisiert, dass sie nur wenige Teile für das große Puzzle der arabischen Musik liefern. Meist wendet man sich dann Workshops zu, doch die Dozenten verwirren mit unterschiedlichen Interpretationen des Sachverhalts. Diese Erfahrung haben auch Farraj und Abu Shumays hinter sich, arrivierte Musiker an Percussion beziehungsweise Violine. Beide sind schon vor einiger Zeit aktiv geworden. Farraj hat Anfang der Nullerjahre Maqam World etabliert, das beste Internetforum über arabische Musik, das mit jeder Menge verständlicher Infos und Tonbeispielen aufwartet; Abu Shumays wiederum hat 2006 Maqam Lessons ins Leben gerufen, ebenfalls im Internet zu finden und eine Fülle von Material zum arabischen Skalensystem bietend. Als Farraj Förderung durch den Arab Fund for Arts and Culture erhielt, überarbeitete er nicht nur seine Website, sondern fing auch an, für ein Buch zu recherchieren. Dieses liegt nun vor und bündelt Wissenswertes zur arabischen Musik, mit Schwerpunkt auf dem Raum zwischen Syrien und Ägypten und der Zeit von 1930 und 1960 (das sogenannte Goldene Zeitalter, das die Szene bis heute prägt). Die Suche nach brauchbaren Einführungen in den arabischen Klangkosmos hat nun ein Ende, weil endlich ein Führer vorliegt, der die Spielpraxis verständlich erklärt und massenweise sauber recherchierte Infos zu Instrumenten, Tonskalen, Rhythmen, Musikstilen und -formen zusammenträgt.
Ines Körver
 PAL M. KNUDSEN: Moddi : verbotene Lieder ; 10 Geschichten von 5 Kontinenten / aus d. Norweg. von Günther Frauenlob …
PAL M. KNUDSEN
Moddi : verbotene Lieder ; 10 Geschichten von 5 Kontinenten / aus d. Norweg. von Günther Frauenlob …
edition-nautilus.de
(Hamburg : Ed. Nautilus, 2019. – 238 S. : mit s/w-Fotos)
ISBN 978-3-96054-188-2 , 20,00 EUR


Moddi ist ein norwegischer Musiker, der auch in Deutschland seine Fangemeinde hat. Doch auch, wer nie von Moddi gehört hat, wird dieses Buch über verbotene Lieder interessant finden. Ganz naiv dachte er früher, jedes Lied stehe für sich, und da könne er doch singen, was und wo er wolle. So wollte er in Israel und in einigen arabischen Ländern singen. Je nach Standpunkt wurde er nun als Antisemit oder als Zionist gescholten, und seine Kollegin Birgitte Grimstad schickte ihm ein Lied über einen israelischen Offizier, der sich 1982 weigerte, eine Aktion durchzuführen, bei der auch Kinder ums Leben hätten kommen können. Er wurde degradiert und aus der Armee entlassen. Moddi reiste nun nach Israel, um mit dem Offizier a. D. zu sprechen, und damit beginnt seine Suche nach verlorenen Liedern. Er reiste in den Libanon, nach Mexiko, nach Vietnam, aber auch nach Nordnorwegen, um ein passendes samisches Lied zu finden. Am Ende hatte er über zweihundert Lieder, leider sagt er nicht, wie er ausgewählt hat oder wie seine Übersetzungen entstanden sind – denn von allen Sprachen, in denen die verbotenen Lieder geschrieben worden sind, spricht er nur Englisch. Das Buch ist leicht und gut zu lesen, es regt absolut dazu an, sich über die Lieder, ihre Urheber und Urheberinnen sowie ihre Entstehung zu informieren. Wahrscheinlich wird es immer so sein, dass man ihn ein bisschen oberflächlich findet, wenn man sich mit der Materie auskennt (so ging es mir bei dem samischen Lied), aber gefesselt ist, wenn man vorher keine Ahnung hatte.
Gabriele Haefs

 JAN CORNELIUS: Musikgeschichten  : e. Lieder-Lesebuch ; 100 Texte d.  ostfries. Liedermachers mit Noten u. Akkorden / hrsg. von Gerold Meinen.
JAN CORNELIUS
Musikgeschichten : e. Lieder-Lesebuch ; 100 Texte d. ostfries. Liedermachers mit Noten u. Akkorden / hrsg. von Gerold Meinen.
artychoke.de
(Neustadtgöden : Artychoke, 2019. – 220 S. : über. Notenbeisp. mit Texten; mi)
ISBN 978-3-93793925-3 , 20,00 EUR


Jan Cornelius gehört ohne Zweifel neben Oswald Andrae, Greta Schoon und Helmut Debus zu den Künstlern, die die plattdeutsche Sprache aus den Niederungen der albernen Döntjes-Vertelleree herausgeführt haben. Das Besondere seiner Lieder bestand schon immer in einer leisen, unaufdringlichen Ernsthaftigkeit, die durchaus auch luftig und beschwingt daherkommen kann. Seit Ende des vergangenen Jahres liegt ein opulent aufgemachter Hardcoverband im DIN-A4-Format vor, der quasi das Lebenswerk, nämlich die wichtigsten Lieder des ostfriesischen Liederpoeten Jan Cornelius beinhaltet. Herausgeber Gerold Meinen hat sämtliche einhundert Lieder des Bandes in Noten gesetzt und mit Gitarrenakkorden versehen. Unter jedem Notenbild ist der komplette plattdeutsche Text des jeweiligen Liedes abgedruckt. Nicht ganz so geläufige Gitarrenakkorde werden zusätzlich in Griffdiagrammen dargestellt. Zu allen Liedern hat Jan Cornelius eine kleine Geschichte, Erläuterung oder auch mal eine Anekdote aufgeschrieben. Die mit klarem Strich gefertigten Zeichnungen der Illustratorin Annette Wiechert bereichern den Gesamteindruck zusätzlich. Falls ein plattdeutscher Ausdruck einmal nicht verständlich sein sollte, leisten die wörtlichen Übersetzungen aller Lieder ins Hochdeutsche, die sich im Anhang befinden, gute Dienste. Gerd „Ballou“ Brandt schreibt in seinem Vorwort: „Die Musikgeschichten von Jan Cornelius sind ein wahrer Liederschatz.“ Recht hat er.
Kai Engelke
 JAMES ROBERTSON: Michael Marra : Arrest this Moment.
JAMES ROBERTSON
Michael Marra : Arrest this Moment.
bigsky.scot
(o. O. : Big Sky Pr., 2017. – 293 S., mit zahlr. Fotos u. Abb.)
ISBN 978-0-956957-86-3 , 16,99 GBP


Vernarbtes Gesicht, abgrundtiefe und verrauchte Stimme und Songs im Dialekt seiner Geburts- und Heimatstadt Dundee, das war Michael Marra, der 2012 im Alter von nur sechzig Jahren an Krebs starb. Er war international keine Größe, und das war explizit auch nicht sein Ziel. Kommerz war ihm zuwider, und als seine Londoner Plattenfirma ihn Anfang der Achtziger, nach seinem ziemlich erfolgreichen Solodebüt The Midas Touch, in ein bestimmtes, verkaufsförderndes Schema pressen wollte, da reiste er einfach eigensinnig wieder gen Norden und machte fortan sein eigenes Ding. In Schottland war er ein Star ohne jegliche Allüren, der von Kollegen hochgeschätzt wurde. Einige seiner Songs fanden ihren Weg in das Repertoire anderer Künstler, wie die Trinkerballade „Take Me Out Drinking Tonight“ mit der legendären Anfangszeile „When these shoes were new it was ‚How do you do‘ …“ oder die alternative schottische Nationalhymne „Hermless“. In seiner dreißigjährigen Karriere erschienen lediglich sieben Alben, was u. a. der Tatsache geschuldet ist, dass Marra mehr als nur ein Singer/Songwriter war – Maler, Schauspieler, Produzent oder Schriftsteller und als schottischer Sozialist immer auf der Seite der Underdogs, aber nie Mitglied einer Partei. James Robertson hat sich an einer Biografie versucht, wohlwissend, dass Marra eine viel zu komplexe Persönlichkeit war, um ihm in einem Buch gerecht zu werden. Es ist eine Annäherung, und zwar eine sehr gute. Robertson kannte Marra persönlich. Die eingestreuten fiktiven „kitchen conversations“ zwischen den beiden hätten so oder ähnlich durchaus stattgefunden haben können. Das Buch ist eine weitgehend chronologisch sortierte Sammlung aus Interviews mit Freunden und Familie sowie eigenen Beobachtungen und Kommentaren, aufgelockert durch viele Bilder und Marras Grafiken/Gemälde. Der Meister im Erfinden von Spitznamen und verrückten Kurzbiografien tritt durch dieses Buch ein wenig aus seinem schottischen Dunstkreis heraus, und das ist mehr als nur gut so.
Mike Kamp

 WOLFRAM KNAUER: Play yourself, man! : d. Geschichte d. Jazz in Deutschland.
WOLFRAM KNAUER
Play yourself, man! : d. Geschichte d. Jazz in Deutschland.
reclam.de
(Ditzingen : Reclam, 2019. – 528 S. : mit zahlr. s/w-Fotos)
ISBN: 978-3-15-011227-4 , 36,00 EUR


Der Jazzbassist Dieter Ilg und auch der Jazzpianist Edgar Knecht improvisierten in den letzten Jahren unverkrampft über deutsche Volkslieder. Die Genregrenzen zwischen Folk und Jazz öffnen sich. Dies war ein langer Weg. Wolfram Knauer beschreibt in seinem neuen Buch auch Versuche deutscher Jazzmusiker, das heimische Liedgut in den modernen Jazz zu integrieren. Der Jazzforscher beschreibt, wie der Posaunist Albert Mangelsdorff 1964 das mittelalterliche Lied „Es sungen drei Engel“ in die Jazzsprache überführte – zeitlich in der Ära von Deutschfolkpionieren wie Peter Rohland. Ähnlich wie die frühen Deutschfolkbands hatten die westdeutschen Jazzmusiker Skrupel, an die durch die Nazis missbrauchten „Volks“-Traditionen anzuknüpfen. Anders war die Situation in der DDR. Pianist Ulrich Gumpert interpretierte 1972 bei seinem Projekt „Aus teutschen Landen“ Lieder wie „Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht“ oder „Der Maie, der Maie“ – und fühlte sich in Tradition von Eisler und Brecht. Das Werk greift u. a. auch die vom Produzenten Joachim-Ernst Berendt initiierte Reihe Jazz Meets the World und die Öffnung zur Weltmusik aus Japan, Indien oder Afrika auf. Immer wieder gibt es in dem Buch Bezüge zum Folk. Spätestens wenn Namen wie die Gypsy-Musiker Häns’che Weiss oder Titi Winterstein auftauchen, reichen sich Folk- und Jazzfans die Hände.
Udo Hinz
 THE RUSSIAN DOCTORS: Das große Pratajev-Lieverbuch II :  nach Motiven von S. W. Pratajew (1902-1961)
THE RUSSIAN DOCTORS
Das große Pratajev-Lieverbuch II : nach Motiven von S. W. Pratajew (1902-1961)
reiffer-verlag.de
(Meine : Reiffer, 2019. – 165 S. : Texte, Grifftabellen, s/w-Fotos)
ISBN 978-3-945715-02-4 , 8,90 EUR


Wer meint, er kenne sich in der russischen oder sowjetischen Gaunerlyrik gut aus, braucht sich nicht zu schämen, weil ihm der berühmte Dichter S.W. Pratajev nicht so geläufig ist. Das Punkduo The Russian Doctors aus Leipzig ist eifrig bemüht, seine erfundene Lyrik und obskure Erkenntnisse über sein Leben unters Volk zu bringen, damit die Geschichte immer schön skurril und rätselhaft bleibt. Und so spinnen der Sänger mit der rauen Stimme, Holger Oley alias Doktor Makarios, und der Hochgeschwindigkeitsgitarrist Frank Bröker alias Doktor Pichelstein die Geschichten immer weiter, erfinden neue Texte ihres fantastischen Dichters, setzen Legenden in die Welt, verbreiten Anekdoten und Storys und blasen diesen eigenen Kosmos immer weiter auf. Bei Pratajev und ergo den Doctors geht es vor allem um Viecher, Weiber und Saufen, manchmal kryptisch, meist grob, roh und unfertig. Zum Nachlesen und auch Nachspielen der letzten Alben der Doctors und auch eines geplanten, noch nicht erschienen Albums eignet sich dieses kleine Büchlein im ca. DIN-A6-Format. Da hat man Texte, Akkorde, Griffe, und dazu die erflunkerten Erklärungen, Deutungen, biografischen Bezüge und vermeintlichen Hintergrundgeschichten.
Rainer Katlewski

 EVA M. HOIS [Hrsg.]: Volksmusik und (Neo)Nationalismus, Tagungsband zum Grazer Symposium zu Volksmusikforschung und-praxis, 8. – 10. November 2017.
EVA M. HOIS [Hrsg.]
Volksmusik und (Neo)Nationalismus, Tagungsband zum Grazer Symposium zu Volksmusikforschung und-praxis, 8. – 10. November 2017.
steirisches-volksliedwerk.at
(Graz : Verl. Steir. Volksliedwerk, 2019. – 177 S. : mit s/w-Fotos. – (Graze)
ISBN 978-3-902516-37-4 , 27,00 EUR


Dem unangenehmen Thema „Volksmusik und (Neo)Nationalismus“ widmete sich 2017 eine Tagung in Graz, nun liegt der Tagungsband vor. Spannende und wichtige Themen werden behandelt, aber gleich zu Anfang findet sich ein, gelinde gesagt, bizarrer Fehler. Da lesen wir, der Text von „Heil dir im Siegerkranz“ sei „1790 von Heinrich Heine (1797-1856)“ verfasst worden. Klar, ein Genie wie Heine kann ja mal sieben Jahre vor seiner Geburt einen grauslichen Text verbrochen haben, aber mit diesem Lied wollte sich also der Flensburger Pastor Heinrich Harries (1762-1802) beim dänischen König anbiedern. Doch wenn ein so dicker Fehler einfach niemandem auffällt, können wir dann diesem Buch noch irgendwas glauben? Alles überprüfen geht nicht, Stichproben lassen annehmen, dass es doch nicht so schlimm ist. Die Beiträge versuchen also, die Verwendung von Volksmusik in nationalistischen Szenen zu beleuchten, das gerade auf die Gegenwart bezogen (Beispiele: Türkei, Südtirol, Pegida). Sie zeigen auf, unter welchen Umständen scheinbar „apolitische Volkslieder“ instrumentalisiert werden können, versuchen sich Definitionen von „Nationalismus“ und „Patriotismus“ anzunähern, landen immer wieder bei Herder und erzählen jedenfalls sehr viel Neues und Wissenswertes zu einem Thema, das bedauerlicherweise gerade wieder höchst aktuell ist.
Gabriele Haefs