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 BAYOU SIDE: Unbound
BAYOU SIDE
Unbound
bayou-side.com
(Three Saints Records 170401)
12 Tracks, 47:46, mit engl. Infos


Akustischen Blues aus Österreich spielen Hubert Dorigatti (Gesang, Gitarre, Mundharmonika), Klaus Telfser (Bass, Gesang) sowie Christian Unterhofer (Schlagzeug, Percussion, Gesang). Es ist erst die zweite Produktion der Südtiroler Musiker und schon eine sehr gelungene und zeitgemäße. Präsentiert wird sie im schönen Digipack mit frischem Design. Als Gastsängerinnen sind Marion Feichter, Laura Willeit und Irmi Amhof dabei. Unterstützung bei einem Titel gibt Giulio Brouzet an der Mundharmonika. Die meisten Texte stammen von Volker Kinast, die Musik von Hubert Dorigatti, ein Titel von Blind Lemon Jefferson. Das Trio überzeugt mit gefühlvoller Resonatorgitarre und warmen Stimmen. An dem Mix aus Mississippi Blues, Jazz, Shuffle und Swing muss man einfach Freude haben. Auch live dürften die drei Herren eine Entdeckung sein und deshalb eine Reise wert. Im Juli sind sie auch in Deutschland bei Festivals unterwegs. Also hinfahren, zuhören und genießen.
Annie Sziegoleit
 KRISTOFFER BOLANDER: What Never Was Will Always Be
KRISTOFFER BOLANDER
What Never Was Will Always Be
de-de.facebook.com/kristofferbolander
(Tapete TR400/Indigo)
Promo-CD, 12 Tracks, 42:51,


„Was kommt als Nächstes?“, ist vermutlich die meistgestellte Frage beim ersten Durchlauf von What Never Was … Wie ein Zauberer zieht der Schwede bei jedem Track neue Überraschungen aus dem Hut, gleichbleibend lediglich seine einzigartig hohe und zugleich samtweiche Stimme. Kristoffer Bolander galoppiert einmal quer durch den Indie-Folk-Kosmos. Mancher Song erinnert an die melancholische Welt von Cigarettes After Sex, der nächste Song folgt dem Spannungsaufbau eines Coldplay-Songs. Wieder ein anderes Stück lässt Arcade Fire durchscheinen, und nicht zuletzt finden sich Countryrockelemente, die auch Tom Petty gut gestanden hätten. Schwere Rockballaden werden nur durch den gesanglichen Einsatz des Künstlers zu Popperlen. Elektropopelemente verdichten die musikalische Atmosphäre, bis der Hörer glaubt, die Songs greifen zu können. Der Zauberer Bolander dirigiert Musik und Publikum, wie es ihm beliebt. Das Album wirkt bei aller Vielfältigkeit der einzelnen Kompositionen in sich geschlossen und einer geheimen Choreografie folgend, wie ein Film ohne Bilder. Ob wuchtige Soundwände oder leise Balladen, jeder Song befindet sich genau am passenden Platz, und wie es bei Zauberern so üblich ist, sind das eben selten die erwartbaren Plätze.
Christian Elstrodt

 DANNY BRYANT: Revelation
DANNY BRYANT
Revelation
dannybryant.com
(Jazzhouse Records JHR148/In-Akustik)
9 Tracks, 48:17,


Ein Freund bescheidenen Auftretens war Danny Bryant noch nie, und zu seiner im Bluesrock gründenden, sehr energischen Spiel- und Singweise würde das auch nicht passen. Allerdings lässt das in Schwarz- und Weißtönen gehaltene Booklet des Albums schon erahnen, was durch den Inhalt bestätigt wird. „Dieses Album widme ich in immerwährender Liebe meinem Vater Ken“, heißt es dort. So gibt es denn nachdenkliche Töne, und textlich verarbeitet der Sänger eine Vielzahl an Erinnerungen und Emotionen. Rein musikalisch stellt dieses Album einen großen Schritt in der Entwicklung Bryants dar, der stete Wechsel zwischen Bluesrockgitarre und Piano (Richard Hammerton) gelingt vortrefflich. Immer wieder greifen Trompete, Posaune oder Saxofon die Melodielinien auf oder setzen einen markanten Gegenpart zu Bryants Gitarrenspiel und Gesang. Bereits auf seinem letztjährigen, hochgelobten Livealbum Big begann die Zusammenarbeit mit einer Bläsersektion, die nun hier ihre Fortsetzung findet. Es scheint so, als hätte Danny Bryant damit seinen Sound gefunden. Vor allem bei den Mid-Tempo-Bluesnummern gelingen ihm so wundervoll runde, volle und emotionsgeladene Songs mit sehr starkem Ausdruck.
Achim Hennes
 JOSIENNE CLARKE & BEN WALKER: Seedlings All
JOSIENNE CLARKE & BEN WALKER
Seedlings All
josienneandben.com
(Rough Trade RTRADCD898/Beggars Group/Indigo)
11 Tracks, 39:21, mit engl. Texten


Da landet das englische Duo mit seinem letzten Album bei einem größeren Label, das Budget erlaubt einen aufwendigeren Sound, die Kritiken sind auch nicht übel (siehe Folker 1/2017) – wohl aber die Verkäufe. Warum ist das so, und was kann man machen? Während der erste Teil der Frage schwer zu beantworten ist, waren für die Songschreiberin Josienne Clarke die Konsequenzen klar. Sie macht die ganze Schizophrenie des Musikerdaseins zum Thema des aktuellen Werks. Heute Zugaben ohne Ende, morgen Null Besucher beim Konzert – ist das wirklich den ganzen Einsatz wert? Fazit: „Make your peace with failure, a lesson that you learn …“, ein Zitat aus dem Popsong „Chicago“. Der Rest ist so nebelverhangen, swingend und atmosphärisch wie üblich, mit filigranen Streicherarrangements von Ben Walker, alles allerdings insgesamt stimmiger als zuvor. „All Is Myth“ hat sogar dezente Spuren von „Sounds Of Silence“. Und über allem Clarkes bemerkenswerter Gesang. Für diese Musik muss es doch ein Publikum geben.
Mike Kamp

 RAY COOPER: Between The Golden Age & The Promised Land
RAY COOPER
Between The Golden Age & The Promised Land
raycooper.org
(Westpark Music 87368/Indigo)
10 Tracks, 47:05, mit Texten u. dt./engl. Infos


Das dritte Soloalbum des ehemaligen Oysterband-Cellisten, und es ist sonnenklar, der Mann hat seinen eigenen Stil. Während bei den beiden Vorgängern noch befreundete Musiker aushalfen, macht Cooper hier musikalisch alles alleine, bis auf das Mixing und Mastering, da hilft Ex-Oyster-Kollege Al Scott aus. Aber ansonsten sitzt Cooper in seinem Studio in Schweden mit dem schönen Titel The Love Shack und werkelt mit Piano, Gitarren, Cello, Mandoline, Mundharmonika, Bass und Percussion vor sich hin. Plus Gesang natürlich, denn das hier sind acht eigene Songs und zwei Traditionals. Diese Konstellation ergibt schon fast zwangsläufig einen eigenständigen, in gewisser Weise kargen Sound. Bei den Themen und ihrer Bearbeitung bleibt Cooper auch abseits populärer Pfade. Ob es um die Lage der Flüchtlinge oder seine Töchter geht, um einen unbeschwerten Sommer gleich nach dem letzten Schultag, um Venedig oder die unbekannten Soldaten, die natürlich auch Namen hatten, fast immer findet Cooper ungewöhnliche und spannende Blickwinkel. Und nicht nur das, auch die musikalischen Bearbeitungen und Themen sind eingängig und, ja, eigen. Ein ganz klares Kompliment.
Mike Kamp
 THE DEAD BROTHERS : Angst
THE DEAD BROTHERS
Angst
deadbrothers.com
(Voodoo Rhythm Records VRCD106/Cargo)
Promo-CD, 13 Tracks, 38:49,


Die Dead Brothers sind so eine Art Zirkuskapelle ohne Zirkus. Man könnte sich gut vorstellen, wie sie ihre Musik spielen, während in der Manege waghalsige Dressuren gezeigt werden. Doch bisher ist ein derartiger Zirkus, in dem die Dead Brothers spielen dürften, noch nicht erfunden, und so erklingt ihre eigenbrötlerische Musik, in der Chanson, Blues, Punk, Folk, Stubenmusik und Jazz zu einem einzigartigen Amalgam vermischen – obendrein gesungen auf Englisch, Französisch oder Schweizerdeutsch – an all jenen Orten, wo man sie lässt. Gespenstisch klingt ihre Musik, wozu sicher auch die Instrumentierung ihrer Songs (oder Lieder?) mit Klimperklavier, akustischer Gitarre, Tuba, Trompete, Akkordeon, Geige oder auch Dudelsack beiträgt. Die Dead Brothers sind Troubadoure, die eine archaische, gesamteuropäische Folklore als ihren Nährboden betrachten, um eine moderne Hillbillymusik zu erschaffen. Nun, die Dead Brothers sind aus der Schweiz, und manchmal schimmern in ihrer Musik tatsächlich Alpenmelodien hindurch, nur wird daraus bei ihnen eben Blues. Ein in Schweizerdeutsch gesungener Blues.
Michael Freerix

 XABIER DÍAZ & ADUFEIRAS DE SALITRE: Noró (Algunhas Músicas Do Norte)
XABIER DÍAZ & ADUFEIRAS DE SALITRE
Noró (Algunhas Músicas Do Norte)
xabierdiaz.com
(Músicas de Salitre/Galileo MC)
13 Tracks, 56:06, galic. Texte + Infos


Kürzlich auf recht großer Deutschlandtour ist der exzellente Sänger, Percussionist und Folkloreforscher mit seinem Ensemble aus Percussionistinnen und Sängerinnen sowie den Brüdern Gutier und Javier Álvarez (Drehleier, Geige, Akkordeon, Piano) nun erneut auf einem Album zu belauschen. Diese zweite Studiozusammenarbeit ist wieder rundum geglückt und vor allem beglückend wie sein ebenso hervorragender Vorgänger The Tambourine Man von 2015, an den dieses Album stilistisch anknüpft. Eine Hommage an den Norden wird schon im Titel verkündet – vermutlich an den Spaniens, der soziokulturell so viel enger mit Portugal und anderen lusofonen Welten assoziiert ist als mit dem Rest des Landes. Bei aller sachkundigen Traditionsverbundenheit atmet Díazʼ Musik auch stets etwas Zeitgenössisches, ja, Zeitloses, wie zum Beispiel gleich der titelinspirierende Opener „O Baile De Noró“ oder die fast jazzig anmutende Folkballade „Ronda Dos Amores“. Als ein Seelenverwandter von Kollegen wie Eliseo Parra entpuppt sich der Galicier im „Pasodobre Dos Olvidados“. Ein Hochgenuss für alle Freunde moderner, luftdurchlässiger Folkmusik.
Katrin Wilke
 PHILIPP FANKHAUSER : I’ll Be Around – The Malaco Session
PHILIPP FANKHAUSER
I’ll Be Around – The Malaco Session
philippfankhauser.com
(Funk House Blues Productions 92117000002/Membran)
15 Tracks, 67:55, mit engl. Texten u. Infos


In einem herausragend gestalteten Digipack präsentiert der Schweizer Blues- und Soulmusiker, Gitarrist und Songschreiber eine Perle des Blues. Der 54-Jährige ist nicht nur auf den Bühnen Europas, sondern auch als Musikjournalist und im Fernsehen als Jurymitglied und Coach in der Gesangscastingshow The Voice of Switzerland aktiv. Die Titel seines neuen, bereits fünfzehnten Albums, auf dem die ganze Breite seiner musikalischen Qualitäten voll zur Geltung kommt, wurden im Juli 2017 in Jackson, Mississippi, aufgenommen. Produzenten sind Dennis Walker und Wolf Stephenson. Zusammen mit Fankhauser haben sie exzellente Songs ausgewählt, darunter „Horse Of A Different Color“ und „Catch Up With The Blues“, die ebenso wie „I’ll Be Around“ und „My Dog And Me“ starke Akzente setzen. Auch alle Bandmitglieder stellen perfekt ihr Können unter Beweis: Marco Jencarelli (Gitarre), Hendrix Ackle (Klavier und Orgel), Angus Thomas (Bass), George Lwarence (Schlagzeug), Tom „Bones“ Malone (Posaune, und er ist für die Arrangements der Bläserfraktion verantwortlich), Vinnie Ciesielsky und Steve Herrmann (Trompete), Doug Moffat, Jim Horn und Dennis Solee (Saxofon) und als Sängerinnen The Shoals Sisters. Eine rundum gelungene Produktion.
Annie Sziegoleit

 FERD: Music Without Borders
FERD
Music Without Borders
grappa.no
(Heilo HCD7324/Galileo Music)
12 Tracks, 57:00, mit engl. Texten u. Infos


Hier erklingt Weltmusik im wahrsten Sinne des Wortes. 52 Musiker aus 18 Ländern haben in drei Jahren ein einzigartiges Album mit einer weltumspannenden musikalischen Sprache erschaffen. Ausgangspunkt sind die bis heute meist mündlich überlieferten Melodien und Gesangsstile des südnorwegischen Setesdal. Ferd ist daher auch nicht Name einer Gruppe, sondern bezeichnet auf Norwegisch den „Prozess“ dieser künstlerischen Reise. Das an der Universität in Kristiansand initiierte Forschungsprojekt sollte herausfinden, wie andere Kulturen auf die musikalische Tradition Norwegens antworten. Dazu wurden die vier einflussreichsten Kenner der Folkszene Setesdals, die Sängerin Kirsten Bråten Berg, die Virtuosen auf der achtseitigen Hardangerfiedel Hallvard Bjørgum und Gunnar Stubseid sowie der Maultrommelspieler Sigurd Brokke engagiert. Diese sendeten Video- und Audioaufnahmen von zwölf traditionellen Stücken an Künstler in Asien, im Nahen Osten, im Kaukasus, in Persien und Europa. Das Ergebnis des Austausches über Internet, in persönlichen Treffen und Workshops ist atemberaubend, oft weit entfernt von dem Originalmaterial, mit eigenen Rhythmen und Klängen – einfach Musik ohne Grenzen.
Erik Prochnow
 ARNAUD FRADIN & HIS ROOTS COMBO: Steady Rollinʼ Man
ARNAUD FRADIN & HIS ROOTS COMBO
Steady Rollinʼ Man
rootscombo.com
(Blues Productions BPCD17-001/Broken Silence)
12 Tracks, 55:50,


Den Franzosen wird nachgesagt, kein Englisch zu können. Und wenn einer doch über einen guten Wortschatz verfügt, spottet die Betonung jedem Sprachlabor. Soweit das Klischee. Bei Arnaud Fradin (voc, g) handelt es sich allerdings um einen Franzosen, der alle Spötter zum Schweigen bringen kann. Seine Stimme klingt so authentisch wie die Musik, die er mit seiner dreiköpfigen Rootscombo vorträgt. Dabei handelt es sich in erster Linie um den Blues der alten Meister. Stücke von Robert Johnson, Muddy Waters und Skip James hat er beispielsweise ausgewählt. Dazu kommen neuere Kompositionen wie „Donʼt Let Nobody Drag Your Spirit Down“ von Eric Bibb und „Good Morning Love“ von Luther Allison. Und mit Dylans „Donʼt Think Twice Itʼs All Right“ wagt sich das Quartett aus Folkreich auch ins Frankreich vor – oder umgekehrt. Mit Thomas Troussier glänzt ein erstklassiger Harpspieler, und die Rhythmussektion aus Igor Pichon (b) und Richard Housset (perc) versteht ihr Geschäft blendend. So ist etwa in Buddy Guys „Donʼt Leave Me“ die Schwärze mit Händen zu greifen, da Fradin und Kollegen das Stück in Zeitlupe und extrem zurückgenommen angehen. Kein Zweifel – ein Bluesalbum voll tief empfundener Musikalität.
Volker Dick

 LATIN QUARTER: Pantomine Of Wealth
LATIN QUARTER
Pantomine Of Wealth
latinquartermusic.com
(Westpark Music/Indigo)
13 Tracks, 39:02, mit Texten


Wenn es je eine Band und einen Sänger gegeben hat, die tanzbare, hitverdächtige Musik mit explizit politischen Aussagen in den Lyrics spielt, dann sind das die 1983 gegründeten Latin Quarter. Der charismatische Sänger und Gitarrist Steve Skaith, dessen Stimme gelegentlich an Al Stewart erinnert, bringt mit seiner Formation handgemachten akustischen Rock und Folkpop auf die Bühne. „Radio Africa“ (vom 1983 veröffentlichten Album Modern Times) war der große Hit der Band, die in den Neunzigerjahren weg vom Fenster war, sich 2011 wieder zusammenfand und seitdem vier Alben einspielte. Die aktuelle Besetzung besteht neben Skaith aus Steve Jeffries (Keyboard, Gesang), Richie Stevens (Drums), Yo Yo Buys (Bass) und Mary Carewe (Gesang). Die Songs des aktuellen Albums wurden mehrheitlich von Skaith geschrieben, zwei Lieder steuerte das frühere Bandmitglied Mike Jones bei. Mit den ausgetüftelten, immer wieder überraschenden Arrangements sowie Melodien, die ausnahmslos Ohrwurmqualität aufweisen, zeigen Latin Quarter, dass eingängige Musik und politischer Klartext sich nicht ausschließen müssen. Auch nicht, wenn es um den Drogenkrieg in Mexico geht oder um die Angst vor Bombenanschlägen in London.
Ulrich Joosten
 MODUS QUARTET: Facing East
MODUS QUARTET
Facing East
facebook.com/ModusQuartet
(CLP-Music CLP 021/Broken Silence)
9 Tracks, 46:16, mit engl. Texten u. Infos


Wer gegen Jazz allergisch ist, sollte um dieses Album einen großen Bogen machen. Alle anderen freilich werden reich belohnt. Gleich in den ersten Takten wird klar, wofür das Herz der syrisch-armenischen Sängerin Houry Dora Apartian schlägt. Es ist ein vokaler Jazz, der die unterschiedlichsten Gefühle zu transportieren vermag und bei dem Melodie und Improvisation zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen. Apartian scattet erst einmal die Skalen rauf und runter – ein bisschen wie Aziza Mustafa Zadeh, nur weniger hektisch –, um dann fast unbemerkt in ein armenisches Volkslied einzumünden. Damit gibt sie die Richtung vor in eine hochvirtuose imaginäre Folklore, die mit dem Etikett „Oriental Jazz“ nur unzureichend beschrieben ist. Das liegt sicher auch daran, dass ihre Mitmusiker alle beachtliche eigene musikalische Expertise mitbringen, als da wären: der Italiener Antonello Messina am Akkordeon, der Schweizer Lorenz Beyeler am Bass und der Israeli Omri Hason an diversen orientalischen Percussioninstrumenten sowie bei zwei Stücken am Hang. Da scheinen mal die Tangoerfahrung Messinas, mal Fetzen von Jazzklassikern durch, und immer wieder entsteht ein Flow wie bei Pat Metheny in seinen besten Zeiten.
Ines Körver

 PIERINO E I LUPI: Pierino E I Lupi
PIERINO E I LUPI
Pierino E I Lupi
pierinolupi.ch
(Narrenschiff NAR2017121)
20 Tracks, 71:00,


Bei Sergei Prokofjew rettet Peter den Wolf vor den Jägern. Was aber, wenn die Wölfe im Rudel den Kleinen anschleichen? Keine Angst, die Lupi („Wölfe“) sind liebenswerte Tiere, die ihn aus dem Klangwald retten möchten. Doch wie soll das gehen, wenn Isegrim Simone Mauri zum Auftakt im „Angstholz“ eine hübsche Volksweise auf der Klarinette anstimmt und seine Freunde ihn dauernd mit jazzigen Einsprengseln stören? Auf dem Weg erbeuten Mauri mit dem Leitwolf und Komponisten Peter Zemp (Akkordeon, Piano) und dem Percussionisten Santo Sgrò ein Füllhorn an Musikstilen: Musette, Klezmer, Volksmusik, und, je länger das Album dauert, immer mehr Jazz. Für die Aufnahmen hat sich das Tessiner Trio mit Clara Zucchetti (Vibrafon), Zeno Gabaglio (Cello) und Giancarlo Nicolai (elektrische Gitarre) zusammengetan. Pierino ist hingerissen vom Zauberwald der Klänge. Beim östlich angehauchten „Paprika“, das sich zur „Orgia A“ auswächst, weiß er nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Und wenn zum Schluss in Nino Rotas „Amarcord“ von weitem eine Stimme „Voglio Una Donna“ heult, ist es um ihn geschehen. Jetzt weiß er, dass ungewöhnlich orchestrierte Stücke mit unbekanntem Ausgang viel mehr Spaß machen als Absehbares.
Martin Steiner
 PLANXTY: One Night in Bremen
PLANXTY
One Night in Bremen
mig-music.de
(Made In Germany Music Gmbh, licensed by Radio Bremen, MIG02062CD)
12 Tracks, 60:40,


Ironischerweise liegt dieses Album auf meinem Schreibtisch, als die Nachricht von Liam OʼFlynns Tod eintrifft. Der legendäre Uilleann Piper, der weltweit die Spieler dieses Instruments inspirierte und alle anderen, die irische Musik hören, mit seiner brillanten Tongebung und Emotionalität begeisterte, starb mit 72 Jahren (siehe Rurik „Halbmast“ auf Seite 17 dieser Ausgabe). Die Band Planxty, von der neben den prägenden Uilleann Pipes Donal Lunny an der Bouzouki, Andy Irvine an der Mandola und Sänger Christy Moore heute gleichermaßen Ikonenstatus haben, wird in der Geschichte des neueren Folkrevivals ein Meilenstein bleiben, von dem noch lange die Rede sein wird. Radio Bremen veröffentlicht jetzt die Aufnahme eines Livekonzerts in der Unimensa Bremen, wo Planxty 1979 zusammen mit Flötist Matt Molloy gastierten und ein grandioses Konzert ablieferten. Das Ganze kommt in sehr guter, warmer Live-Audio-Qualität, mit allen kleinen Stimmungenauigkeiten und eingestreuten Kommentaren der Musiker daher. Elektrische Atmosphäre und Begeisterung bei Publikum wie den Musikern ist spürbar. Wunderschön, ein Muss für Planxty-Fans und auch eine sehr geeignete Einstiegsdroge für die Band, falls man sie tatsächlich noch nicht kannte.
Johannes Schiefner

 ETTA SCOLLO: Il Passo Interiore
ETTA SCOLLO
Il Passo Interiore
ettascollo.de
(Jazzhaus Records JHR151/in-Akustik)
11 Tracks, 46:30, mit Texten u. dt. Übersetzungen


Il Passo Interiore, „der innere Schritt“, ist für die Sizilianerin „die Reise des inneren Monologs, das individuelle, ganz subjektive Fühlen der Realität einer und eines jeden“. Der innere Schritt bestimmt, wie die Menschen äußeren Einflüssen begegnen. Dabei greift Etta Scollo auf geschichtliche Ereignisse und literarische Zeugnisse zurück. Die Themen: die Gefühle von Hinterbliebenen der Opfer eines Grubenunglücks, die innere Migration des ungarischen Komponisten Ligeti während der sowjetischen Besatzung, die Gedanken des Holocaustüberlebenden Shlomo Venezia oder die Ansprache von Giusi Nicolini, der ehemaligen Bürgermeisterin von Lampedusa. Starker Tobak? Zweifelsohne. Das Album ist ein Appell an die Menschlichkeit. Das Wort und die Stimme stehen im Vordergrund der kammermusikalischen Produktion. Neben Scollo, die auch Gitarre spielt, prägt vor allem das Cello von Susanne Paul das Klangbild. Weiter mit dabei sind Cathrin Pfeifer (Akkordeon), Hinrich Dageför (Saiteninstrumente, Percussion), Ferdinand von Seebach (Klavier) und weitere Gäste. Cécile Kempenaers (Sopran), Matthias Jahrmärkte (Bariton) und Tom Heiß (Bass) bereichern das eher zurückhaltende Klangbild mit Chorsequenzen.
Martin Steiner
 WINDSTREKEN: Folies
WINDSTREKEN
Folies
windstreken.wordpress.com
(MW Records CUP8065/Galileo Music)
13 Tracks, 59:56, mit engl. u. niederl. Texten u. Infos


Bereits seit vierzehn Jahren spielt das niederländische Ensemble Jazz und Weltmusik auf höchstem Niveau. Auch auf ihrem fünften Werk präsentieren die sieben Musiker, die sich zu Deutsch „Windrichtungen“ nennen, vorwiegend eigene Stücke. Ob an Trompete, Saxofon, Flügelhorn, Klavier, Harmonium, Cello, Ud, Flöte oder Percussion, Folies ist eine Demonstration erstklassigen Könnens und tiefgehender musikalischer Improvisationen. Besonders hervorzuheben sind die einfühlsamen Beiträge der klassisch ausgebildeten Sopranistin Nicole Jordan. Für seine Kompositionen greift das Ensemble auf eine große Bandbreite an Einflüssen zurück. So basiert zum Beispiel das Stück „Prelude“ auf dem „Wohltemperierten Klavier“ von Johann Sebastian Bach während „Barq“, die Vertonung eines Gedichtes von Ibn Al-Muʼtaaz aus dem neunten Jahrhundert ist und „Lamma Bada Yatathanna“ arabische und andalusische Musik vereint. Auf dem Album finden sich aber auch afrikanische Rhythmen kombiniert mit Jazzstandards, Socagrooves, Reminiszenzen an den Komponisten Henrich Reinis aus dem achtzehnten Jahrhundert oder sogar der Versuch eines Popsongs. Ein exzellentes Album für das man sich Zeit nehmen sollte, um es zu entdecken.
Erik Prochnow