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Es gibt im Musikbereich immer wieder Ver­öffent­lichungen, die den Rahmen herkömmlicher Pro­duk­tionen inhaltlich wie vom Umfang her spren­gen und deshalb einer ausführlicheren Betrach­tung bedürfen, als dies in Form einer ülichen Re­zen­sion geleistet werden kann.   [mehr dazu hier]


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DVDs/Filme

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 THE BULGARIAN VOICES ANGELITE: Passion, Mysticism & Delight
THE BULGARIAN VOICES ANGELITE
Passion, Mysticism & Delight
jaro.de
(Jaro 4341-2)
Do-CD, 26 Tracks, 111:31, mit engl. u. dt. Infos


Dröselt man die komplette Angelite-Historie auf, so muss man im Jahr 1952 beginnen, als der bulgarische Staatsrundfunk zwecks Erhaltung einheimischen Liedguts die Gründung eines Frauenchors beschloss. Anfang der Sechziger bereiste der Schweizer Kirchenorganist und Musikethnologe Marcel Cellier Bulgarien, wo er unter anderem auch jenen Frauenchor für sein Label Disques Cellier aufnahm. 1975 erschien dann die erste LP unter dem von Cellier kreierten Signum Le Mystère Des Voix Bulgares, deren Stücke teils aus dem Archiv von Radio Sofia, teils aus Celliers eigenem Fundus stammten. Die Platte wurde eine Art Geheimtipp in Rock- und Jazzkreisen, sodass das US-Label Nonesuch sie 1987 erneut veröffentlichte. Wenn man so will, war das der internationale Durchbruch. Gleichzeitig begann die Zusammenarbeit mit dem deutschen Jaro-Label, und so feierten die Angelites letztes Jahr ihr „Dreißigjähriges“. Zu diesem Anlass spendierte ihre Plattenfirma dem Chor diese schöne Kompilation, eine CD mit Chor pur und eine CD mit Gästen wie Bobby McFerrin, den Nürnberger Symphonikern, Eddie Jobson, Huun-Huur-Tu oder dem Moscow Art Trio. Ein 52-seitiger Bildband mit Texten und Besetzungslisten rundet diese prächtige Edition ab.
Walter Bast
 CELINA DA PIEDADE: Sol
CELINA DA PIEDADE
Sol
pt-br.facebook.com/pg/celinadapiedadeoficial
(Sons Vadios SV003)
10 Tracks, 34:34, mit Texten


Eine Ameise, eine Grille, ein Hase sei sie. Sie singt aber auch: „Ich glühe, beginne zu kämpfen, ich bin ein durchtriebenes Tier.“ „Assim Sou Eu“ („So bin ich“) heißt das Lied, mit dem die Sängerin und Akkordeonistin aus dem Alentejo ihr Album eröffnet. Nicht unpassend für eine Frau, die auf ihrem dritten Werk einen Fächer voller Gefühle ausbreitet. Die Portugiesin thematisiert die Liebe, aber auch Zweifel, Schmerz und Trauer in den unterschiedlichsten Facetten. Am tiefsten kommen die Gefühlswelten bei den karg instrumentierten Liedern zum Ausdruck. In „Neruda“, einer Liebeserklärung an den großen chilenischen Poeten, begleitet sie sich mit dem Akkordeon. Nur ganz am Schluss setzt dezent der Bass ein. In der Bossa Nova „A Linha E O Linho“ von Gilberto Gil besingt sie zur Gitarrenbegleitung eine irdische Liebe. Im wunderschönen Tänzchen „Segredo“ fühlt sich das Glück ganz leicht an. „Piedra Y Camino“ wiederum, eine Adaptation eines Stückes von Atahualpa Yupanqui, passt gut zum kargen Leben des portugiesischen Hinterlands. Im Traditional „Aurora Tem Um Menino“, einem Schlaflied für das Neugeborene, zeigt sich die Zuneigung von ihrer reinsten Seite. Ein stimmiges, sehr persönliches Album.
Martin Steiner

 DIABO A SETE: Figura De Gente
DIABO A SETE
Figura De Gente
facebook.com/diaboasetemusic
(Sons Vadios SV004)
8 Tracks, 27:11, mit Texten


Das Schlechte zuerst: Das Album ist viel zu kurz. Vor allem, weil es so unglaublich gut ist. Die 2003 in Coimbra gegründete Formation tritt mit ihrem keltisch geprägten Folk das Erbe von Gruppen wie Brigada Victor Jara oder den galicischen Na Lúa an. Wo andere mit repetitiven Mustern ihre Stücke verlängern, erschaffen Diabo a Sete mit Harfe, Flöten, Dudelsack, Cavaquinho, Mandoline, Gitarre, Bass, Percussion, Akkordeon und Gesang kurze Liedperlen mit Suchtpotenzial. Hauptverantwortliche dafür ist Sara Vidal (ex Luar Na Lubre) mit ihrer umwerfenden Stimme. Besonders schön sind die getragenen Stücke. Deren wohlige Wärme kontrastiert mit zuweilen dunklen, metaphorisch mystischen Texten über eine Welt, die aus den Fugen gerät. Diabo a quatro ist Portugiesisch für „heilloses Durcheinander“. Bei diabo a sete, was so viel wie „Teufel hoch sieben“ bedeutet, müsste das totale Chaos losbrechen. Doch weit gefehlt. Wenn das Septett zu einem fröhlichen Tanz aufspielt und Sara Vidals Stimme einsetzt, ist das nur noch höllisch gut. Oder anders gesagt: himmlisch schön. Und die Welt ist wieder in Ordnung.
Martin Steiner
 DIVERSE: Nordic Notes 100
DIVERSE
Nordic Notes 100
nordic-notes.de
(Nordic Notes)
Do-CD, 34 Tracks, 69:56


Zum eigenen Hundertsten bringt das Jubiläumslabel beziehungsweise dessen Chef Christian Pliefke diesen spannenden Sampler heraus. Hundert Musiker aus dem nordischen Raum inklusive des Baltikums haben bislang bei Nordic Notes veröffentlicht. Einige sind weltweit bekannt geworden, beispielsweise die finnischen Humppa-Rocker und Rentner Eläkeläiset, und die Bandbreite der Stile ist mittlerweile groß. Während die ersten Unterzeichner noch eher aus der Independent-Rock- und Punkszene kamen, mischten sich immer mehr Folkbeiträge darunter. Dabei gibt es Traditionelles wie Samigesänge oder neues Experimentelles wie das Duo Malva & Priks. Die Kollektion lässt sich gut durchhören und ist trotz ganz unterschiedlicher Beiträge weder brüsk noch langweilig zusammengestellt. Unter anderen hören wir Uusikuu, Päivi Hirvonen, Anne-Mari Kivimäki, das Ilkka Heinonen Trio oder Svavar Knútur. Gut geeignet, um auf den einen oder anderen neuen nordischen Geschmack zu kommen.
Imke Staats

 DORANTES: El Tiempo Por Testigo … A Sevilla
DORANTES
El Tiempo Por Testigo … A Sevilla
dorantes.es
(Flamenco Scultura/Galileo MC)
10 Tracks, 58:35, mit span. Infos


Der einem Flamencoclan in Lebrija entstammende, von früh an also der Tradition nahe Andalusier führt seit zwanzig Jahren auf ganz eigene, sensible wie energetische und vor allem meisterhafte Weise vor, wie elegant das Piano zwischen Flamenco, Jazz und Klassik zu vermitteln mag. Von der zumindest damals noch flamencoüblicheren Gitarre schwenkte der 1969 geborene Gitano bald zu seinem heutigen Instrument und über ein klassisches Musikstudium in die eher abseitigen Gefilde der Flamenco-Orthodoxie. Mit seinen vertrauten Triokollegen, Schlagzeuger Javi Ruibal und Kontrabassist Francis Posé, entstand live im Heimstudio diese Aufnahme als Geburtstagsgeschenk zum eigenen zwanzigjährigen Berufsjubiläum. Es versammelt mehrheitlich schon bekannte, nun mehr oder weniger neu intonierte emblematische Stücke dieses Weges, vorneweg das schon zu einer Art Gitanohymne erwachsene „Orobroy“, ohne das der international gefeierte Musiker nie von der Konzertbühne gelassen wird. Vorgetragen mit Schulkindern eines Chores aus einem sozial schwierigen, musikalisch jedoch reichen Randbezirk Sevillas, klingt es zwar nicht viel anders als in früheren Interpretationen, berührt aber immer wieder aufs Neue und bedarf wohl auch keiner Neulektüre mehr.
Katrin Wilke
 JULIE FOWLIS: Alterum
JULIE FOWLIS
Alterum
juliefowlis.com
(Machair Records MACH008)
11 Tracks, 45:24


Julie Fowlis nimmt sich Zeit, fünf Studioalben in zwölf Jahren beweisen das. Genauso klingt auch das neue Werk reif, abgeklärt, stimmig. Und hat ein Thema, das in der gälischen Kultur immer zu finden ist: übernatürliche Dinge. Übernatürlich ist auch Fowlisʼ Stimme, klar, zart und dennoch bodenständig in der Tradition ihrer Heimatinsel Lewis, eingebettet in den Klang einer ganzen Reihe von Helfern wie Duncan Chisholm (Fiddle), Donald Shaw (Piano) oder Ewen Vernal (Kontrabass), produziert von ihr selbst und ihrem Gatten Eamon Doorley. Das ist die gewohnte Fowlis-Qualität, die ihr unzählige Fans beschert hat, und doch ist das neue Werk besonders. Erstmals singt Fowlis zwei Stücke (von Annie Briggs und Archie Fischer) in Englisch, und ein drittes Lied stammt im Original aus Galicien. Es steht jedoch nicht zu befürchten, dass die Sängerin ihren gälischen Wurzeln nachhaltig untreu wird. Wer das Lament „Dh’Èirich Mi Moch, B’Fheárrnach Do Dh’Èirich“ auf eine solch Gänsehaut erzeugende Art interpretieren kann, der oder die wird sich auf Dauer nicht mit profanem Englisch begnügen können.
Mike Kamp

 GRAPELL: Crier
GRAPELL
Crier
grapell.com
(Strangers Candy/Soulfood)
Promo-CD, 9 Tracks, 39:16


Die zwei schwedischen Musiker veröffentlichen mit Crier nun endlich ihr Debütalbum, nachdem ihre EP Love Chambers im vergangenen Jahr für Furore gesorgt hatte. Folkorientierte Popmusik ist dank unermüdlicher Arbeit von Festivals wie dem Haldern Pop seit Jahren angesagt. Umso schwerer ist es für neue Bands, ein eigenes Profil zu schärfen und sich von den ungezählten Mumford-&-Sons-Derivaten abzugrenzen. Genau dieses Kunststück gelingt Grapell. Kein Vergleich mit einem der großen Indiefolk-Headliner und auch kein Bezug auf die schwedische Alternativszene helfen bei der Beschreibung der sanften Töne dieses Duos. Da muss man eher in der sanften Soulmusik der Achtziger suchen oder sich überlegen, wie ein Don McLean wohl klingen würde, wenn er auf Vangelis gestoßen wäre. Schwer zu greifen und doch eingängig, bieten Grapell alles, was es braucht, um genau diese Scheibe von genau diesen Künstlern zu kaufen. Alleinstellungsmerkmale sind heutzutage seltener denn je. Die Unvergleichbarkeit trotz Mainstreampop und ohne extravagante Soundexperimente zu sichern, grenzt an ein Wunder. Grapell haben gute Chancen auf einen Durchbruch. Zu wünschen wäre es dem sympathischen Duo.
Chris Elstrodt
 GLEN HANSARD: Between Two Shores
GLEN HANSARD
Between Two Shores
glenhansardmusic.com
(Anti-/Indigo)
Promo-CD, 10 Tracks, 42:42


Ob live oder auf Tonkonserve, Glen Hansard hat den Bogen raus. Der Mann ist bis in jede Faser Singer/Songwriter. Der Opener „Roll On Slow“ kommt erstklassig produziert wie ein Füllhorn daher, ohne überladen zu sein. Beatles-Bassläufe sind zu hören, wie auch später das einem „Imagine“-Lennon-Intro folgende Schlagzeug im Stile Ringo Starrs, Neil-Young-Soli, fulminante Van-Morrison-Bläsersätze (insbesondere bei dem wundervollen „Lucky Man“), gefolgt von einem kurzen Aufglühen der Melodie des Stones-Refrains „Wild Horses“ in „Why Women“. Die bewussten oder unbewussten Reminiszenzen wirken nie aufgesetzt, klingen immer nach Glen Hansard, der die Musik seiner Vorläufer durchdrungen hat, um sich selbst zu finden. Über allem die markante unverwechselbare Stimme des großen Barden, auch ganz schlicht zu seinem so typisch crescendoartig kulminierenden Gitarrenspiel („Movin on“). Ausgereift sind auch die Texte seiner neuen Songs. Between Two Shores zeigt, dass Hansard sich niemals festlegen, sondern immer bereit bleiben wird, sich selbst und seine Fans zu überraschen. Schließlich mündet das Album herzberührend grandios in „Time Will Be The Healer“ – den Anspieltipp dieses großen Wurfs.
Stefan Sell

 NICK KEIR: 1953-2013
NICK KEIR
1953-2013
nickkeir.com
(Greentrax Recordings CDTRAX397)
Do-CD, 37 Tracks, 135:11


Er wird vermisst, als Mensch ebenso wie als Musiker, Nick Keir, der als Mitglied der McCalmans die Welt bereiste und uns eine ganze Reihe wunderschöner Lieder hinterließ. Es ist Ehrerbietung und das bestmögliche Denkmal, das man einem Musiker wie Keir setzen kann, seine Lieder auf einem umfassenden Sampler für die Nachwelt zu erhalten. Und in dieser Zusammenstellung werden aus der Entfernung von einigen Jahren zwei Dinge schmerzhaft deutlich. Zum einen ist das seine Liebe zu seiner Geburts- und Heimatstadt Edinburgh, der er unzählige Lieder gewidmet hat, das bekannteste vielleicht das Anfangsstück des Doppelalbums, „Festival Lights“, das völlig zu Recht als inoffizielle Hymne des Edinburgh Festivals gilt. Und zum anderen ist es die Bescheidenheit und Höflichkeit, die in vielen Liedern zu hören ist und die Nick Keir überall so beliebt gemacht haben. Deutlich wird natürlich ebenfalls, dass Nick Keir einfach ein wunderbarer Musiker, Sänger und Songschreiber war, dessen Lieder noch lange Jahre Relevanz haben werden, und das ist zugleich auch tröstend.
Mike Kamp
 TORHILD OSTAD/CARSTEN DAHL: Jeg Roper Til Deg
TORHILD OSTAD/CARSTEN DAHL
Jeg Roper Til Deg
facebook.com/torhild.ostad
carstendahl.dk
(Norcd 1781)
13 Tracks, 52:26, mit norw. Texten


Torhild Ostad tritt oft in Deutschland auf, dann aber zumeist in norwegischen Enklaven. Deshalb ist sie hierzulande längst nicht so bekannt, wie sie es verdient hätte. Sie schrieb norwegische Musikgeschichte, als sie 1996 mit Blomar I Moll das allererste A-cappella-Album des Landes veröffentlichte, arbeitete unter anderem mit Andy Irvine, Lillebjørn Nilsen und Mick West und legt nun endlich wieder ein eigenes Werk vor. Das Album entstand in Zusammenarbeit mit dem dänischen Jazzpianisten Carsten Dahl, der sich indes vornehm zurückhält. Mit behutsamer Pianobegleitung liefert er den perfekten Hintergrund für die beeindruckende Stimmentfaltung der Sängerin, zudem stammen zwei Lieder von ihm. Andere sind traditionell, vor allem die Choräle, denen Torhild Ostads besondere Liebe gehört. Sie tritt auch selbst als Texterin in Erscheinung, besonders schön ist das sieben Minuten lange „Alt Forandrer Seg“, in dem es um verlorene Liebe geht. Der treulose Liebhaber, der alle Versprechen brach, wird aber nicht verdammt, sondern eher mit einem Schulterzucken abgetan. Es hat halt nicht sollen sein. Bestimmt das beste und überraschungsreichste Album, das in diesem Jahr aus Norwegen gekommen ist.
Gabriele Haefs

 ALAN REID & ROB VAN SANTE: The Dear Green Place
ALAN REID & ROB VAN SANTE
The Dear Green Place
reidvansante.com
(Red Sands Records RSCD006)
12 Tracks, 50:40, mit kurzen engl. Infos


Ex-Battlefield-Band-Gründer Alan Reid legt ein weiteres Duoalbum mit Rob van Sante vor und geht kreativ mit seiner eigenen Vergangenheit um. Die Hälfte der Songs hat Reid komponiert, und das Titelstück nahm er bereits vor Jahren mit den Kollegen von der Battlefield Band auf. Jetzt klingt es frisch und schlank, ein zeitloser Kommentar über das, was Glasgow war und ist. Auch die anderen Stücke sind typisch Reid. Keine Herz-Schmerz-Balladen, sondern Lieder mit historischem oder zeitgenössischem Hintergrund. Reid und van Sante werden nun ganz gezielt von drei Kollegen unterstützt, ganz besonders bei dem Glanzstück des Albums, dem traditionellen „I Will Go, I Will Go“. So bearbeitet man altes Material, bringt es auf einen aktuelleren Stand und setzt als Sahnehäubchen ein fast schon aggressives Saxofonthema ein, das ein wenig an das legendäre „Baker-Street“-Saxofon von Gerry Rafferty erinnert. So souverän musizieren Veteranen.
Mike Kamp
 RICHARD THOMPSON BAND: Live at Rockpalast
RICHARD THOMPSON BAND
Live at Rockpalast
richardthompson-music.com
(MIG Music 90772)
3 CDs, 2 DVDs, 34 Tracks, 173:51, mit Infos


Nur zweimal durfte Richard Thompson im Rahmen der Rockpalast-Reihe auftreten. In der Hamburger Markthalle 1983 und nur wenige Monate später im Rahmen der MIDEM in Cannes. Beide Auftritte erscheinen nun in einer sorgfältig zusammengestellten CD- und DVD-Box bei dem auf Rockpalast-Mitschnitte spezialisierten Label Made in Germany. Obwohl Thompson von seinen alten Fairport-Kollegen begleitet wird, sind die Folkeinflüsse geringer, als es sich manche Fans wünschen würden. 1983, kurz nach der Trennung von seiner Frau Linda, folgte Richard Thompson wie viele Kollegen lieber den Rockpfaden. Das Album Hand Of Kindness war gerade erschienen und ist dementsprechend prominent bei beiden Auftritten vertreten. Spannend ist für den Historiker, die Unterschiede der beiden Konzerte wahrzunehmen. Die Setlist ist beinah identisch, ebenso die Fairport-dominierte Begleitband – und dennoch unterscheidet sich die Stimmung bei den Auftritten vollständig. Während man beim Hamburger Konzert das Gefühl einer großen, familiären Party vermittelt bekommt, klingt der MIDEM-Auftritt, als würden die Musiker das Publikum eher zufällig wahrnehmen. Ein wichtiges Zeitdokument eines der größten britischen Musiker ist die Veröffentlichung dieser beiden Auftritte allemal.
Chris Elstrodt

 TIDE LINES: Dreams We Never Lost
TIDE LINES
Dreams We Never Lost
tidelinesband.com
(Tide Lines Music TLM01C)
14 Tracks, 49:23, mit engl. u. gäl. Texten


Im letzten Folker war es zu lesen: Runrig hören endgültig auf, keine neuen Alben, nach der Abschiedstour 2018 keine Konzerte mehr. Tausende Fans, die Riggies, sind dann sozusagen heimatlos. Muss aber nicht sein, denn sie könnten durchaus Linies werden, also Fans von Tide Lines, einer Band, die eindeutig in der Tradition von Runrig steht, ohne sie einfach zu kopieren. Nach einigen EPs ist jetzt das erste richtige Album auf dem Markt, und ja, die Zutaten sind ganz ohne Zweifel da. Sauberer Folkrock, Robert Robertson hat Pathos in der Stimme wie Donnie Munro in seinen besten Tagen, es gibt gälische Songs (okay, dazu brauchen sie Dòl Eoin MacKinnon als Gastsänger), die Lieder und Melodien kreieren das typische Highlands-and-Islands-Feeling, und viele der Songs haben Ohrwurmcharakter und einprägsame Hooklines. Jetzt braucht es nur noch zwei Dinge: ein fähiges deutsches Management und einen mittelgroßen Hit. Dafür gibt es auch bereits einen Kandidaten. „Walking On The Waves“ lädt zum Mitsingen und -hüpfen geradezu ein. Und wenn das denn alles klappen sollte, nicht vergessen: Hier im Folker habt ihr es zuerst gelesen.
Mike Kamp
 WINTER WILSON: Far Off On The Horizon
WINTER WILSON
Far Off On The Horizon
winterwilson.com
(Eigenverlag WWCD009)
12 Tracks, 45:25, mit engl. Texten


Die Geschichte ist zu gut, um sie nicht zu erzählen. Ein englisches Ehepaar macht so nebenher Folkmusik, beide verlieren dann beim Bankencrash 2012 ihre Jobs, entscheiden sich für ein Leben als Musikprofis und reisen seitdem mit ihrem Wohnmobil glücklich und erfolgreich von Konzert zu Konzert, auch durch Deutschland. Kein Wunder, denn die beiden sind das ideale Paket. Die Instrumente sind Gitarre, Banjo, Mandoline, Harmonika, Akkordeon und Whistle, die eindrucksvollen Stimmen harmonieren perfekt, und er schreibt eingängige und manchmal bluesige Songs mit Tiefgang, aber ohne Zeigefinger, über Obdachlosigkeit, Flüchtlinge und einen Vater, der wie ein alter Seehund ist – der gelungene Abend im Club ist gesichert. Und genau so klingt das Album, wie ein Konzert, qualitativ hochwertig zwar, aber ohne unnötige Spielereien. Kein Wunder, dass Kip Winter und Dave Wilson von den alten Hasen Fairport Convention als Vorgruppe für ihre Wintertournee gebucht wurden. Das achte Studioalbum ist erneut eine überzeugende Visitenkarte für alle Veranstalter.
Mike Kamp