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 El Viaje: Deutschland 2016
El Viaje
Deutschland 2016

( Regie: Nahuel López, mit Rodrigo González, Camila Moreno, Chico Trujillo, Edu)
92:00


Victor Jara oder Violeta Parra sind nur zwei von vielen Namen, die das Nueva Canción prägten und zur Begleitmusik der kulturellen und politischen Erneuerung im Chile der Sechzigerjahre machten. Der Pinochet-Putsch beendete dies brachial. Eine ganze Musikergeneration wurde aus dem Land vertrieben, das Nueva Canción unterdrückt, verfemt, vernichtet. Doch inwieweit hat die Aura dieser Musik die Zeit überdauert? Mit dieser Fragestellung im Gepäck reist Rodrigo González, Exilchilene, Musiker, und in vielerlei Hinsicht vom Nueva Canción beeinflusst, in das Land seiner Herkunft. González ist Bassist der Punkband Die Ärzte, doch das sei hier nur am Rande erwähnt. In Chile geboren, kam er 1974 als Kind nach Hamburg, weil seine Eltern Oppositionelle waren. Sein Vater ist Musiker und Sänger. In Hamburg organisierte er ab jener Zeit Konzerte mit Exilchilenen, die Rodrigo González als Tontechniker betreuen musste. So war er immer ganz nah dran an Musik und Politik und an Chile überhaupt.
Begleitet von einem Filmteam trifft González nun im Santiago de Chile von 2016 auf Camila Moreno. Die Dreißigjährige ist als Sängerin und Komponistin bereits sehr erfolgreich und fühlt sich stark vom Liedgut Violeta Parras beeinflusst. Ähnlich geht es Aldo Asenjo alias Macha, der das ganze Land bereist, um alte Musiker aufzustöbern, die ihm unbekannte Songs vorsingen können, womit er sich ganz in der Tradition von Parras bewegt, die es in den Sechzigern genauso machte. Macha spielt diese „gefundenen“ Lieder mit seiner Band Chico Trujillo neu ein und ist damit zur Speerspitze der Nueva Cumbia Chilena geworden, die in Südamerika ganze Stadien füllt. Schnell kommt das Gespräch bei diesen Zusammenkünften auf Musiker der Exilgeneration wie Eduardo Carrasco, Gastón Avila, Alonso Nuñez und Eduardo Yañez. Stippvisiten bei ihnen bilden die nächste Etappe des Films. Mit Yañez besucht González das Nationalstadion, in dem von September bis November 1973 Zehntausende Menschen inhaftiert waren. Viele von ihnen wurden in den dortigen Kellerräumen gefoltert und ermordet.
„Noch heute ist die chilenische Gesellschaft tief gespalten“, beschreibt Rodrigo González seine Reiseerfahrungen. Viele Chilenen haben ein positives Verhältnis zur Zeit der Diktatur, weil sie eine Phase der politischen Stabilität und des wirtschaftlichen Aufschwungs war. Für andere bedeutet sie aber Unterdrückung und gewaltsamen Tod. El Viaje trägt diese Sichtweise nicht laut vor sich her. Doch bildet ein – noch immer aktuelles – Gespür für die Ungerechtigkeit der Welt, wie sie im Nueva Canción besungen wurde, den Ansatzpunkt, mit dem sich González und sein Regisseur Nahuel López auf ihrer Reise durch die Gegenwartsgesellschaft Chiles beschäftigen. Zu den Höhepunkten des Films gehört sicherlich, wenn die beiden das indigene Volk der Mapuche besuchen. Deren Heimatland wurde von der Pinochet-Regierung an ausländische Investoren verkauft. Seither halten sie es besetzt und werden deshalb sogar im heutigen Chile noch als Terroristen verfolgt, was nur aufzeigt, wie die Vergangenheit noch immer die Gegenwart des Landes prägt und auch weiterhin belasten wird.
Michael Freerix