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»Ich weiß mittlerweile vieles, was ich vor dreißig Jahren noch nicht erfahren hatte.«
André Heller * Foto: Albina Bauer

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Aktuelles Album:


Spätes Leuchten
(Membran/Sony, 2019)



Cover Spätes Leuchten



André Heller

Einen View-Master für Sigmund Freud, eine Stimme wie Tiny Tim“

Nach vierunddreißig Jahren ist André Heller mit seinem neuen Album Spätes Leuchten zur Musik zurückgekehrt. Der Mann aus Wien, den viele als Multimediakünstler kennen – Heller bezeichnet sich lieber als „Verwirklicher“ –, hatte in den Siebzigerjahren bereits eine höchst erfolgreiche Karriere als Sänger und Musiker hingelegt, an die er nun mit Spätes Leuchten in verblüffend hoher Qualität anknüpft.

Text: Rolf Thomas

Für diese Geschichte vergessen wir einmal all die Feuerwerke, Gärten, Wunderkammern, Zirkusse, Skulpturen, Labyrinthe, Shows, Theaterstücke, Filme und Bücher, die André Heller in den letzten vier Jahrzehnten kreiert und, ja, eben verwirklicht hat. Es soll nur um die Musik gehen, die Heller in seinem Leben gemacht hat – und es ist wiederum die Musik, die ihn nach Berlin geführt und wo er mir ein Interview gegeben hat. An der Staatsoper Unter den Linden hat er Der Rosenkavalier von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal inszeniert, Premiere war im Februar.

„Ich bin so ein ‚Hofmannsthaler‘ und sehr verbunden mit ihm“, führt Heller aus. „Die Oper hat ein paar unausgelotete Stellen, insbesondere was die Rolle der Marschallin betrifft. Es hat mich immer erstaunt, dass diese fünfunddreißigjährige, kluge und schöne Frau letztendlich als Loserin dargestellt wird. Ich hatte also Gründe, ein Zurechtrückungsabenteuer zu wagen, und habe dies, man kann ruhig sagen, auf den Knien meines Herzens getan.“

Spätes Leuchten erscheint mit einem opulenten Booklet, das sämtliche Texte und die ausführliche Entstehungsgeschichte des Albums enthält, und macht da weiter, wo Heller vor fünfunddreißig Jahren aufgehört hat. „Der Auslöser war, dass ich mittlerweile vieles weiß, was ich vor dreißig Jahren noch nicht erfahren hatte“, meint Heller, „und dass ich in der Lage bin, es auch auszudrücken. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, dass das, was bis 1985 auf Vinyl gepresst wurde, bereits alles beinhaltet, was mir an liedertauglichen Gedanken zur Verfügung steht. Hinzu kommt, dass es, speziell in Österreich, eine überraschend intensive Auseinandersetzung mit meinen alten musikalischen Arbeiten gibt, die vor allem von jüngeren Künstlern kommt. Dass jemand wie Ernst Molden sich damit beschäftigt, freut mich, aber es wundert mich nicht, aber dass es etwa Voodoo Jürgens ebenfalls tut, ist doch erstaunlich. Diese Hochbegabten haben offenbar alle etwas in meinem Bouquet von Verwirklichungen, die von mittlerweile zweiundsiebzig Jahren Lernprozessen erzählen, entdeckt, das sie für interessant und inspirierend halten.“ Spätes Leuchten stößt auch auf Begeisterung beim Publikum, zwei Wochen nach Erscheinen bekam das Album in Österreich Gold, was Heller in den Siebzigerjahren so schnell nie gelungen ist. „Mit großer Dankbarkeit nehme ich den unerwarteten einhelligen Jubel zur Kenntnis, der dieses Album bisher begleitet“, sagt er, „das ist mir in der Heftigkeit eigentlich noch nie passiert. Es geht damit auch eine Neubewertung von dem einher, was ich überhaupt früher als Chansonier produzierte. Ich habe mich oft gewundert, wieso es alle normal fanden, dass es im deutschsprachigen Raum jemanden gibt, der etwa mit Astor Piazzolla zusammen Lieder schreibt? Oder bei dem die legendären Mothers of Invention von Frank Zappa auf der Platte Basta von 1978 mitmusizierten. Es ist buchstäblich maximal Einem aus Zwanzig aufgefallen, wie ungewöhnlich fast all meine Verbündeten waren.“ Damit sind wir beim einmaligen musikalischen Werk des Mannes, der in den Siebzigerjahren als Provokation auf zwei Beinen galt. „Die Aggression kam immer aus der eigenen Generation“, erinnert Heller sich. „Einmal abgesehen von einigen grantigen, älteren Herren, die einem grundsätzlich anderen Musikbegriff frönten. Mein Schlüsselerlebnis war, als ich öffentlich verkündete, dass Bob Dylan der Rimbaud unserer Generation ist – das war ein echter Bruch mit der deutschsprachigen Dichter-Avantgarde, die mich von da an wohl für einen geistigen Bankrotteur hielten.“

Provoziert fühlte sich natürlich so mancher auch von Hellers großspurigem Auftreten. Hier machte jemand Musik, der die Leute spüren ließ, dass er sich besser fand als vieles, was damals erfolgreich war. „Pure Anmaßung, pure Hybris, pure Überheblichkeit“, findet Heller heute, mag sich aber nicht entschuldigen. „Das ist schon in Ordnung, jeder Zeitraum hat etwas Eigenes. Ich habe den Größenwahn genutzt und ich habe das Sich-durch-Lernen-Verwandeln genutzt – hoffentlich ausreichend.“ Seine dritte Platte 1972 hieß Das war André Heller — Soundtrack der gleichnamigen Fernsehshow – und galt gleich als Skandal, da Heller Show und Platte mit Anfang zwanzig als Nachruf inszeniert hatte. „Ich habe damals ernsthaft gedacht, es geht auf Erden hauptsächlich um André Heller“, erzählt der Wiener leicht amüsiert. „Ich habe diesen Mann für so eindrucksvoll gehalten und so höherstehend als Andere, dass ich nicht daran zweifelte, ihm sei jede Art von Verhaltensweise erlaubt. Das glaube ich schon Jahrzehnte nicht mehr. Ich habe eher das Gefühl, ich stehe in Diensten von mehreren Talenten und habe das große Vergnügen und gelegentliche Missvergnügen, beobachten zu dürfen, was der Herr Heller aus seinen Chancen entwickelt.“

Die Platte enthielt Klassiker wie „Komm, Heller, komm“ oder „Und dann bin i ka Liliputaner mehr“, kurz darauf veröffentlichte er mit A Musi! A Musi! seine Version des Wienerliedes, ein Genre, das damals nicht gerade zeitgenössisch wirkte. „Als ich das tat, war es in grandioser Weise nicht ‚en vogue‘“, weiß Heller noch. „Sogar die Intelligentesten unter meinen Bekannten fragten: Warum beschäftigst Du Dich damit? Das ist doch so abgewandt vom Jetzt. Als ob es im Jetzt nicht auch alle Farben gäbe!“

Es ist ein Genre, das der Künstler nach wie vor liebt und von dem er sich durchaus vorstellen kann, sich in Zukunft noch einmal damit zu beschäftigen. „Für bestimmte Arten von Wienerliedern muss man alt sein, das kann man nicht schon mit fünfzig singen“, stellt er fest. „Die großen Meister wie Hans Moser waren alle alt. Sie wussten, was auch wesentliche Jazzsänger wissen, dass man nicht stets auf der ‚time‘ sein muss, sondern nur am Ende einer Phrase, im richtigsten Augenblick am Zielpunkt landen sollte. Da ist noch was zu tun und vielleicht werde ich zusammen mit ein paar jungen Schrammel-Genies in den nächsten zwei, drei Jahren so eine Platte erarbeiten.“ Die großen Heller-Platten entstanden in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre, allen voran Basta von 1978, wo Heller mit der Band von Frank Zappa sowie Gästen wie Chaka Khan, Joe Henderson und Laurindo Almeida Musik macht. Falsche Bescheidenheit war seine Sache nie und so hat er immer gleich bei den ganz Großen angefragt, wenn er das Gefühl hatte, dass sie seiner Musik dienlich sind und dass er etwas von ihnen lernen kann. „In meiner Bibliothek war ja auch nicht nur deutsche Literatur versammelt“, meint Heller lapidar. „Und aus diesem Selbstverständnis heraus habe ich dann gedacht, ja, warum soll da nicht Flora Purim singen oder Toots Thielemans Mundharmonika spielen?“

Es hilft zu wissen, wer Oskar Werner, Tiny Tim, Ernie Watts, Richard Schönherz oder Italo Svevo sind, wenn man sich mit dem musikalischen Werk von André Heller befasst – aber wer es nicht weiß, kann es ja heutzutage problemlos im Internet nachschlagen. Deshalb werden in dieser Geschichte erwähnte Namen, die reichlich fallen, aus Platzgründen auch nicht erläutert. Um es mit Heller aus einem seiner berühmtesten Lieder („Die wahren Abenteuer sind im Kopf“) zu sagen: „Sie alle sind in meinem Kopf, und sind sie nicht in meinem Kopf, dann sind sie nirgendwo.“ Die Sprache war dabei das Leuchtmittel, mit dem Heller umgegangen ist – und schon in seinem ersten Lied, dem „Wienerlied“ von seiner ersten Platte, die er ansonsten für misslungen hält, fallen Zeilen wie „Einen View-Master für Sigmund Freud“ auf. Eine Zeile wie „Ich fordere dreißig Varietés, vier Mistinguetten, zwölf Gigolos“ (aus „Ich fordere“ von 1972) oder „Unseren schönen Wahn zu preisen, will ich einen Park anlegen“ (aus „Das Lied vom idealen Park“ von 1985, hier singt Flora Purim) scheinen Hellers Zukunft schon vorwegzunehmen; Lieder wie „Sei Poet“ oder das bereits in jungen Jahren gesungene „Wenn i amal stiab“ sind von einer poetischen Kraft, die bis heute einmalig geblieben ist, wurden allerdings vom revolutionär gesinnten Zeitgeist der Siebziger auch als prätentiös empfunden. Der Vorwurf ist für Heller natürlich nicht neu, aber er sieht es nach wie vor überhaupt nicht ein, sich sprachlich bewusst zu beschränken. „Ist man solidarisch mit dem, der man wirklich ist“, fragt er, „oder nimmt man Korrekturen vor, damit es für Andere besser ausschaut? Diese Substitutionen oder Korrekturen oder Tarnungen sind doch letztlich nur Ausdruck von Minderwertigkeitskomplexen. Ich wusste schon sehr früh, dass ich auf sicherem Terrain bin, wenn ich mich ungeschminkt im Guten und Schlechten zugebe. Sei der du bist, in Allem und in Jedem. Ich habe auch schnell gemerkt, die Aggression kommt sowieso, sie ist ein verlässlicher Teil der Reaktion. Meine Bestimmung ist es nicht, Everybody’s Darling zu sein. Ich habe mich halbwegs kommod eingerichtet auf diesem Platz zwischen Bewunderung und hasserfüllter Ablehnung. Dafür musste ich nicht schwindeln.“

Es folgen weitere großartige Platten wie Verwunschen – mit den Gästen Freddie Hubbard, Dino Saluzzi und Vinnie Colaiuta und unglaublich starken Liedern wie dem „Schnitterlied“ oder dem im Stile des fantastischen Realismus gehaltenen „Miruna, die Riesin aus Göteborg“ – und Stimmenhören – hier zählten Wolfgang Ambros, Konstantin Wecker und Toni Stricker zu den Gästen. Zu den eindrucksvollsten Liedern zählen das Dylan-Cover „Für immer jung“ und das jiddische Volkslied „Zehn Brider“ –, bevor Heller 1985 mit dem Album Narrenlieder seine musikalische Karriere einstweilen beendet. Vor allem seine rege Konzerttätigkeit hat ihn zermürbt, die vielen Tourneen haben ihn erschöpft. „Bei mir war es immer eine Mischung aus äußerster Waghalsigkeit und Exzentrik, mit der ich versucht habe, ein Publikum von ein paar tausend Menschen in den Griff zu kriegen“, findet Heller rückblickend. „Diese Mischung konnte ich aber nur durch Drogen verlässlich freisetzen. Wenn man das zehn, zwölf Jahre so hält, steht man gesundheitlich am absoluten Abgrund.“ Was er danach macht, ist bekannt, aber so ganz lässt Heller von der Musik nie. 2003 etwa erscheint die 3-CD-Box Ruf und Echo, auf der junge Musiker wie die Walkabouts, Xavier Naidoo oder Thomas D von den Fantastischen Vier Hellers Lieder interpretieren. „Thomas D war da mit Edo Zanki federführend“, erinnert Heller sich. „Ich habe ihm gesagt, ich möchte gerne beobachten wie du Lieder von mir dekonstruierst und wieder neu zusammensetzt. Also haben wir in meinem italienischen Wohnsitz ein mobiles Studio aufgebaut und die Herrschaften fingen an, ihre Begabung galoppieren zu lassen. Man kann ja gegen Xavier Naidoo vielleicht einiges sagen, aber er kann unglaublich singen. Da klangen plötzlich Lieder von mir wie Motown Recordings. Das war mir ein großes Vergnügen. Nach einer Woche habe ich schließlich gefragt: Herr Lehrer, darf ich auch einmal mitspielen? Dann habe ich ganz schnell ein paar Texte und Melodien aufs Papier gebracht und eines der Lieder – die Arbeit daran hat vielleicht fünfundzwanzig Minuten gedauert – war ‚Leon Wolke‘. Das war da. Es war im wahrsten Sinne des Wortes ein Einfall.“ 

„Leon Wolke“ schildert in berührenden Worten und poetisch verklausuliert das Schicksal des Holocaust-Überlebenden und Gründers des Jewish Welcome Service in Wien, Leon Zelman. Heller singt „Wer Treblinka überlebt hat, fürchtet sich auf Erden nicht“, und es fällt durchweg auf, dass er Ironie und Sarkasmus bei seinen Liedern, die sich mit dieser Thematik befassen, weglässt. Dazu zählt etwa auch „Mein Freund Schnuckenack“, das mit scharfem Realismus und eben nicht poetisch verschwurbelt die Verfolgung der Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten in einer hilfreichen Drastik schildert, die nur von wenigen Musikern gewagt wurde: „Und dann zeigt er mir sein rechtes Bein, ganz aus Leder bis unter das Knie. Das geschah ihm in Mauthausen, war ein Unfall der SS. Unter Schüssen musste er tanzen und sie riefen: So ist Jazz!“

Ein paar Jahre später folgt die Best-of-Box BestHeller 1967-2007, die alte und neue Lieder – etwa die Clapton-Eindeutschung „Im Himmel“ („Tears In Heaven“) oder das unter Verwendung eines Songs von Jimmy Webb entstandene „Eine plötzliche Erinnerung“ – auf vier CDs schlüssig zusammenführt. Und damit sind wir in der Gegenwart, denn Jimmy Webb zählt nach wie vor zu Hellers Favoriten. Auf Spätes Leuchten verwandelt er dessen „Didn’t We“ in „Woas ned so?“, bedient sich ansonsten bei Julien Clerc oder Claudio Baglioni und präsentiert Originale, die sich mit ihrer hohen Qualität keinen Deut hinter seinem Frühwerk zu verstecken brauchen – keine ganz kleine Leistung, vor allem, wenn man bedenkt, dass Comebacks nach so langer Zeit, von den Eagles bis zu den Buzzcocks, selten hochwertiges Material hervorbringen. Auch sprachlich ist Heller nach wie vor unfassbar stark, wenn er etwa in „Maybe It’s True“ dem Teufel eine Stimme attestiert, „die klang wie Tiny Tim“. Oder im leicht elegischen „Alles in allem“ gelassen resümiert: „Alles in allem hab ich vertraut, denn wir sind ja einander begegnet.“ Überhaupt fällt auf, dass Heller ein anderer Mensch geworden ist, denn er wirkt überhaupt nicht mehr arrogant, sondern – fast sträubt man sich, es hinzuschreiben – sympathisch, beinahe demütig. „Ich will, dass wir behutsam miteinander umgehen“, sagt er. „Es geht nicht darum, wie berühmt oder erfolgreich dieser André Heller ist, sondern welche Art von Mensch er zwischen Geburt und letztem Seufzer aus sich gemacht hat.“ Vergessen wir also alte Vorurteile und hören dem Mann aus Wien zu – ich verspreche, es lohnt sich!

André Heller * Foto: Albina Bauer André Heller * Foto: Albina Bauer