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Backkatalog   Ausgabe Nr. 1/2020   Internetartikel
»Ich habe mich mit den Kabarettisten besser verstanden als mit den Liedermachern.«
Konstantin Wecker * Foto: Thomas Karsten

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Aktuelles Album:

Konstantin Wecker, Weltenbrand
(Sturm & Klang, 2019)


Cover Weltenbrand


Konstantin Wecker

„Was ist denn lustige Musik?“

Gerade hat Konstantin Wecker eine große Tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz hinter sich gebracht, bei der er seine Lieder mit dem Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie unter der Leitung von Mark Mast neu interpretierte. Wie das klingt – nämlich ziemlich sensationell und extrem vielseitig –, kann man auf der Doppel-CD Weltenbrand nachhören, die auf Weckers eigenem Label Sturm & Klang erschienen ist. Weltenbrand war der Anlass für ein Gespräch mit dem 72-Jährigen.

Text: Rolf Thomas (Interview)

Mit der Bayerischen Philharmonie klingen viele Lieder von Ihnen ganz anders, als man sie aus Ihren Studioproduktionen kennt. Was hat Sie dazu bewogen, mit so einem großen Ensemble auf Tour zu gehen?

Ich komme ja eigentlich aus der Klassik. Viele Lieder sind stark von Carl Orff beeinflusst, den ich ja auch kennenlernen durfte – Lieder wie „Hexeneinmaleins“ oder „Frieden im Land“. Die Arrangements auf Weltenbrand hat Jo Barnikel sehr feinfühlig gemacht, aber sie sind ganz im Sinne der ursprünglichen Arrangements. Er hat das alles noch ein bisschen verfeinert, aber im Prinzip hat es in mir so geklungen. Es war ein großer Wunsch von mir, das endlich noch einmal machen zu können.

Es gibt vielleicht immer noch Leute, die erstaunt sein werden, wie vielseitig Weltenbrand klingt.

Musikalisch wird man als Liedermacher unterschätzt, weil die Leute halt denken, der schreibt einen Text und dazu ein paar Harmonien. Wenige wissen, dass ich auch sehr viele Filmmusiken gemacht habe. Ich habe immer komponiert, wenn auch stets in Verbindung mit Wort oder Bühne. Ich bin jetzt nicht derjenige, der eine Sinfonie hätte schreiben wollen. Ende der Neunzigerjahre hat man den ganzen Popgruppen Sinfonieorchester aufgedrückt – damit wollte ich nichts zu tun haben. Bei mir ist es so, dass die Lieder schon so geklungen haben, als ich sie geschrieben habe. Für mich ist das kein stilistischer Bruch.

Spielen Sie denn überhaupt noch selbst Klavier?

Ich sitze schon noch ab und zu am Klavier, aber der Segen ist, dass dadurch, dass ich den Jo dabeihabe, ich mich auch immer wieder davon lösen kann. Ich habe eine ganz andere Ansprache ans Publikum, wenn ich vorne stehe. Nur am Klavier zu sitzen, das habe ich früher gemacht. Heute will ich vorn sein. Ich will am liebsten ins Publikum gehen, und ab und zu mache ich das ja auch. Es ist nämlich ein besonderes Verhältnis, das ich zu meinem Publikum habe. Das gleicht manchmal, wie Dieter Hildebrandt es ausgedrückt hat, einem Liebesakt.

Vermissen Sie Dieter Hildebrandt?

Ja, ich vermisse ihn sehr. Der Dieter war mehr als ein Freund. Er war in gewisser Weise ein Mentor, und er war meine moralische Instanz. Das ging so weit, dass ich ihn gefragt habe, wenn ich eine Anfrage bekommen habe, bei der ich unschlüssig war, ob ich unterschreiben sollte. Er war so ein unglaublich anständiger Mensch. Ich vermisse ihn auch in der Kabarettszene. Georg Schramm hat aufgehört, Werner Schneyder ist gestorben – diese wortgewaltigen Kabarettisten fehlen.

Gerade durch Hildebrandts Scheibenwischer hatten Sie in den Siebziger- und Achtzigerjahren eine große Bühne.

Ich habe mich mit den Kabarettisten besser verstanden als mit den Liedermachern, und die haben mich aufgenommen, obwohl ich kein Kabarettist bin. Ich bin zwar ganz witzig in meinen Konzerten – denke ich zumindest –, aber wenn der Dieter da war, habe ich mich nicht getraut, einen Witz zu machen. Beim Scheibenwischer habe ich dann nicht nur Lieder gesungen, ich habe ihm zuliebe auch ein bisschen mitgemacht.

Fällt es Ihnen leicht, Texte zu schreiben?

Meine Gedichte passieren mir, das war immer schon so. Meine sechshundert Songs, die ich geschrieben habe, waren immer zuerst Gedichte, die ich dann vertont habe. Bereits als junger Mann hatte ich diesen kreativen Schub, der über ein paar Tage geht, ungefähr zweimal im Jahr. Ich kann nichts dafür und ich kann es auch nicht herbeizaubern. Ich bin dann woanders, bin nur in mir – man kann mich zwar ansprechen und ich sag „Servus“ – und dann fließt da was raus, was in den meisten Fällen sehr viel klüger ist als ich. Manche Sachen habe ich erst zwanzig Jahre später verstanden. Ich habe schon geahnt, dass da was dahintersteckt, weil ich Gedichte immer schon geliebt habe, aber ich wusste beim Schreiben nicht so genau, was. Aus dem bewussten Denken heraus habe ich nur ein einziges Lied geschrieben, und das war „Sage Nein!“. Damals [Anfang der Neunziger; Anm. d. Red.] brannten die Ausländerheime und ich wollte ein Lied schreiben zu dem Thema. Es ist kein besonders poetisches Lied geworden, aber ein gutes Lied. Ich weiß noch, dass Sammy Drechsel immer zu mir gesagt hat: „Schreib doch ein Lied zu dem und dem Thema.“ Und ich habe ihm gesagt: „Sammy, das kann ich nicht, das geht nicht.“ Und diese kreativen Schübe, die werden im Alter weniger.

Das kann ich nicht bestätigen. Gerade in den letzten Jahren haben Sie doch zahlreiche Platten veröffentlicht.

Ja, aber es waren nicht immer neue Lieder. Die letzte ganz innovative Platte war Wut und Zärtlichkeit. Auf Ohne Warum waren auch lauter neue Lieder, stimmt.

Sie haben seit einigen Jahren Ihr eigenes Label Sturm & Klang, zugleich haben Sie die große Zeit der Schallplattenfirmen noch selbst miterlebt, weil Sie in den Siebzigern bei dem renommierten deutschen Label Polydor unter Vertrag waren. Welche Vergleiche ziehen Sie?

Erst Ariola, dann Polydor. Da waren ganz reizende Leute dabei, anfangs bei Ariola. In den Achtzigerjahren hatten die Plattenfirmen so viel Geld, die haben dauernd eingeladen, das hat man natürlich gerne mitgenommen. Die eigene Firma war zunächst ein Segen, denn obwohl der Schallplattenverkauf ja allgemein zurückgeht, habe ich zum ersten Mal ein bisschen was verdient an meinen Platten. Bei den Majorfirmen hätte man eine Million verkaufen müssen, um überhaupt in die Gewinnzone zu kommen. Heute hält sich der Verdienst in Grenzen, aber es ist zumindest so viel, dass wir eine neue Platte machen können – und darum geht’s ja eigentlich. Dann kam ich auf die Idee, mein Label auch für junge Künstler zu öffnen. Am Anfang waren das Freunde von mir oder Leute, mit denen ich auf der Bühne gestanden habe. Dann haben sich Künstler beworben wie jetzt zum Beispiel die wunderbare Sarah Straub. Sie hat eine CD mit meinen Liedern gemacht, das hat mir natürlich besonders gut gefallen, weil sie vierzig Jahre jünger ist. Irgendein Journalist schrieb nach einem Konzert von ihr: „Das ist wie Konstantin Wecker ohne Testosteron.“ Das fand ich super. Es ist spannend zu sehen, wie sie es als Frau interpretiert, denn sie geht da natürlich ganz anders dran. Wer auf meinem Label veröffentlichen will, muss eigentlich nur eine Grundbedingung erfüllen: Es muss mir gefallen.

Man verdient mehr, weil man nicht mehr an einen großen Apparat abführen muss, gleichzeitig hat man aber auch mehr Arbeit, oder?

Ich habe einen Labelmanager, der die Arbeit erledigt, und ich muss eigentlich nicht mehr tun, als mir die Sachen anzuhören. Und dann lade ich mir jemanden ins Konzert mit ein und stelle ihn vor – aber das mache ich gerne. Ich gebe ja auch Songwriterkurse an der Uni Landau, wo ich natürlich auch viele Nachwuchskünstler kennenlerne. Meine Hauptaufgabe besteht mittlerweile darin, dass ich den Studenten erkläre: Wenn man ein Gedicht schreiben will, muss man auch lesen. Das hört auf, die lesen nicht mehr. Ich bringe meine Studenten dann auf Mascha Kaléko, auf Rainer Maria Rilke oder Erich Kästner, das klappt eigentlich ganz gut. Ich kann Leidenschaften wecken, und das ist schön, denn die kommen natürlich zu mir, weil sie in sich ein Lied haben. Wenn man Likes haben will, geht man woanders hin.

Der einzige Liedermacher, der mir einfällt, der ähnlich viel Wert auf musikalische Qualität legt, ist André Heller, der gerade ein überraschendes Comeback feiert. Wie ist Ihr Verhältnis?

Ich fand immer spannend, was er gemacht hat, aber es war sehr viel Attitüde. Wenn einer mit 25 Jahren auf Tournee geht und sagt „Das war André Heller“, das hat schon was – das war halt dieser Wiener Schmäh. Ich konnte nicht so wahnsinnig viel damit anfangen, obwohl ich finde, dass er auch früher schon sehr gute Texte gemacht hat. Er konnte auch nicht so viel mit mir anfangen, er hat immer gesagt: „Der Wecker schwitzt mir zu viel.“ Bei einem Friedenskonzert in den Achtzigerjahren haben wir dann beschlossen, uns zu mögen. Als wir uns jetzt wiedergetroffen haben, war es ganz wunderbar. Er hat ja auch eine tolle Entwicklung hinter sich. Es sind schon Parallelen da. Seine Poesie hat eine leichte Attitüde gehabt, aber das ist halt seine Art. Und musikalisch war er natürlich toll. Wen ich wahnsinnig gemocht habe, das war Arik Brauer. Dessen Lieder haben einen großen Einfluss auf mich gehabt, genau wie die von Georg Kreisler. Bei einer Preisverleihung habe ich die Laudatio auf ihn gehalten, und er wollte, dass diese Laudatio bei seinem Begräbnis verlesen wird. Er war schwierig, aber ich bin ein großer Verehrer von ihm, was ich ihm auch gesagt habe. Meine ersten Lieder habe ich auf der Gitarre gespielt, mehr schlecht als recht, weil das damals so üblich war. Die Aufnahmen existieren zum Glück nicht mehr. Dann habe ich Kreisler gesehen und gemerkt, Mensch, das geht ja auch am Klavier.

Die Gitarre galt in den Siebzigern als proletarisch, das Klavier als bürgerliches Instrument – die Zeiten waren ziemlich orthodox und anstrengend.

Ich werde nie die Diskussionen vergessen, als ich ein Cello dabeihatte. Da sagte man mir: „Das Cello ist ein bourgeoises Instrument, das geht gar nicht.“ Ich habe es trotzdem durchgesetzt, das Klavier hat diesen Leuten eigentlich auch schon nicht gepasst. Ich war zwar immer im Lager der Linken, habe aber nie so richtig hineingepasst, weil ich seit meinem zwölften Lebensjahr bekennender Anarchist war. Ich sage immer „Anarcho“, um den -ismus zu vermeiden. Ende der Siebzigerjahre hatte man immer viel Ärger mit diesen ganzen verschiedenen K-Gruppen, denn alle haben ganz genau gewusst, wie und mit welchem Programm man die Welt rettet. Da war ich mit meiner Herrschaftsfreiheit sehr angreifbar. Die jungen Leute von heute, auch bei „Fridays for Future“, können mit dieser Idee viel mehr anfangen. Das finde ich sehr spannend. Die hören sich auch musikalisch alles an, da folgt auf eine Puccini-Arie ein Hip-Hop-Song und danach eine Indierock-Geschichte. Da herrschte bei uns in den Siebzigern viel mehr Arroganz. Damals waren ja alle arrogant, die Klassikleute, die Jazzer. Ein C-Dur-Akkord war schwerstens verboten, alles musste frei sein. Damals habe ich aufgehört, Komposition zu studieren, denn ich bin ein Melodiker, der mit Verdi, Puccini und Mozart groß geworden ist. Das ist meine Herkunft. Dieter Hildebrandt hat immer gesagt, Konstantin ist ein Melodienscheißer.

Vor Kurzem ist Peter Fonda gestorben, mit dem Sie einst gedreht haben.

Mit dem habe ich meinen ersten seriösen Film gedreht, Peppermint Frieden von Marianne Rosenbaum. Ich sollte die Musik machen, und dann hat sie gesagt: „Sehr schön, ich schreib dir ’ne Rolle rein.“ Das war sehr spannend, auch die Filme mit Margarethe von Trotta. Ich habe ja vorher nur diese Softpornos gedreht. Das Problem waren die unglaublich schlechten Dialoge. Das waren unfassbar schlechte Filme, aber für mich natürlich besser als irgendwo zu jobben. Ich habe damit aufgehört, weil ich Angst davor hatte, kein Gefühl mehr für eine Frau entwickeln zu können. Das ging ja alles sehr nüchtern ab: Die Scheinwerfer gehen an und man muss so tun, als ob. Es war dann auch nicht mehr vereinbar mit meiner Karriere, damals kamen meine ersten Lieder raus.

Später haben Sie mit Helmut Dietl gearbeitet und unter anderem die Musik für seine berühmte Fernsehserie Kir Royal geschrieben.

Helmut Dietl war der Wahnsinn, ich habe ihn verehrt. Der hat mir so viel über Filmmusik beigebracht, obwohl er gar nicht viel gesagt hat. Es hieß immer nur: „Spiel mir was vor für die nächste Szene.“ Dann hat er gesagt: „Jaja – aber das ist nicht lustig.“ Ich hab ihn gefragt, was denn lustige Musik sei, darauf sagte er wiederum: „Das weiß doch ich nicht, du bist der Komponist.“ So ging das die ganze Zeit. Ich werde nie die Lektion vergessen, die er mir in Schtonk! erteilt hat. Da gab es eine Szene, in der in Schwarz-Weiß die Urne mit der Asche von Hitler ausgegraben wird, und die Musik, die ich dazu geschrieben hatte, fand Dietl nicht lustig. Er hat dann „Davon geht die Welt nicht unter“ von Zarah Leander verwendet. Da habe ich begriffen: Die Musik muss nicht lustig sein, aber sie muss so sein, dass sie in Verbindung mit dem Bild lustig ist.

Wie haben Sie Ihn kennengelernt?

Ich bin ausgezogen aus meiner Wohnung, und er ist eingezogen. Wir sind uns im Treppenhaus begegnet, und ich hab gesagt: „Du bist doch der Dietl.“ Er hat gesagt: „Ja, und du bist der Wecker.“ Da habe ich ihm gesagt, dass ich ihn großartig finde und gerne mit ihm arbeiten würde.

Kir Royal und Schtonk! sind eigentlich seine besten Arbeiten …

Das sind die besten, eindeutig. Aber wir sollten Monaco Franze nicht unterschlagen, das ist schon auch sehr gut.


Konstantin Wecker * Foto: Thomas Karsten