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Backkatalog   Ausgabe Nr. 5/2019   Internetartikel
»Wenn wir über kulturelles Erbe sprechen, betrifft das genauso die Umwelt. Auch die Natur ist unser Erbe.«
Small Island Big Song in Rudolstadt 2019 * Foto: Michael Pohl

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Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

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Album:


Small Island Big Song
(Eigenverlag, 2018)



Cover Small Island Big Song



Small Island Big Song

Das Drehbuch schrieb der Ozean

Sie kommen aus Rapa Nui, Aotearoa, Taiwan, Sarawak, Madagaskar, von den Salomonen und aus vielen weiteren Inselgebieten des Pazifischen und Indischen Ozeans. In einem weitverzweigten Projekt zeigen fünfzig Musiker und Musikerinnen die Stärke der austronesischen Kultur, die Verletzlichkeit der Weltmeere und des Regenwalds. „Small Island Big Song“ ist nicht nur eine bunte exotische Show. Es ist ein letzter Appell an uns alle.

Text: Stefan Franzen

„Manche sagen, der Ozean trennt uns. Wir sagen: Der Ozean vereint uns.“ So steht es auf der Leinwand des Rudolstädter Theaters, auf der Clips aus dem Pazifischen und Indischen Ozean laufen. Eine Reise durch Inseln und Riffe, durch den Regenwald, entlang von Flüssen, Reisfeldern und in Dörfer der Ureinwohner, durch die Habitate von Leguanen und Lemuren. Davor, auf der Bühne, ein verwirrend vielschichtiges Geschehen: Neun Musiker in leuchtend bunten Kleidern, mit großartigem Kopfschmuck und Körperbemalung vereinen sich zu kraftgeladenen, mal archaisch beschwörenden, mal fast poppigen Chorgesängen. Doch da sind auch zarte Elemente, Mondlieder, Schlaflieder, das Hauchen von Nasenflöten. Eine Vielzahl an Schlaginstrumenten, Muschelhörnern, Bambusflöten, Schwirrhölzern, Zithern und Lauten kommt zum Einsatz, untermalt wird die Musik von Naturklängen, Vogelgesang, dem Gluckern von Wasserläufen und immer wieder dem Tosen der Wellen. Doch der Ozean ruckelt. Via Laptop eingespielt vom australischen Musikproduzenten Tim Cole, setzt das Brausen immer wieder für Sekundenbruchteile aus, als wolle sich dieser gewaltige Sound mit keiner noch so großen Rechnerleistung einfangen lassen. Und irgendwie ist das auch ein unfreiwilliges Symbol dafür, dass mit unseren Weltmeeren etwas nicht stimmt.
Was sich hier beim Rudolstadt-Festival abspielt, ist eine genauso eindrückliche wie friedliche Machtdemonstration einer der ältesten Kulturen der Menschheit. Es ist zugleich die mit dem größten Territorium überhaupt und mit der sechstgrößten Sprachfamilie der Erde. Small Island Big Song, kurz SIBS, nennt sich das Projekt, in dem Cole und seine taiwanesische Frau, die Projektmanagerin BaoBao Chen, indigene Musiker aus Rapa Nui (Osterinsel), Aotearoa (Neuseeland), Taiwan, Sarawak (Nordborneo), Madagaskar, von den Salomonen und vielen weiteren Inseln zusammenbringen. „Es ist faszinierend, dass vor fünftausend Jahren, also vor dem Bau der ägyptischen Pyramiden, eine Gruppe von Menschen die Technologie, Navigationskunst und den Mut besaß, von Taiwan aufs offene Meer hinauszufahren“, sagt Cole. „Für sie muss das gewesen sein wie für uns heute eine Reise zum Mars.“ Die austronesische Kultur – zu ihr zählen unter anderem Poly-, Mela- und Mikronesien – hat sich bis 1100 nach Christus immer weiter im ganzen Pazifik und Indik verbreitet, von den Philippinen über Malaysia nach Madagaskar, von Fidschi über Tahiti bis nach Hawaii und Rapa Nui, zuletzt nach Neuseeland – über 22.000 Kilometer. Das Drehbuch ihrer Geschichte schrieb also gewissermaßen der Ozean selbst.

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