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»Die Unterhaltungen fremder Leute sind eine fantastische Inspiration!«
Seamus Fogarty * Foto: Brian Whar

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Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

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Aktuelle Alben:


The Old Suit
(EP; Domino Records, 2018)

The Curious Hand
(Domino Records, 2017)



 Cover The Curious Hand



Seamus Fogarty

Irish Folk, grandios rundumerneuert

Geschichte bewahren und auf ewig im Gestern verharren? Oder sie in die Gegenwart transferieren und ihr eine Zukunft geben? Der gebürtige Ire Seamus Fogarty entschied sich zweifellos für Letzteres.

Text: Bernd Gürtler

Bei „Short Ballad For A Long Man“ zu Beginn seines Albums The Curious Hand reibt sich der geneigte Hörer verdutzt das Ohr. Was ist das, Irish Folk? Die ersten Takte auf jeden Fall. Direkt im Anschluss zündet ein wahres Ideenfeuerwerk, und das Beste daran: es geht so weiter. Jeder Song sensationell anders! Entsprechendes abgezeichnet hatte sich bereits beim Vorgängeralbum God Damn You Mountain, eine Fortsetzung fand sich auf der nachfolgenden EP The Old Suit. Irgendwie irisch der Sound und doch von einer ungeheuren stilistischen Bandbreite. Offenbar nichts weniger hier als das zu Songs verdichtete World Wide Web, dieses unberechenbare Füllhorn, das buchstäblich jede Information zu jeder Zeit an jedem Ort der Welt zugänglich macht und Geschichte weniger die althergebrachte Chronologie als eher eine Gleichzeitigkeit sein lässt. Kaum überraschend von daher die genreübergreifenden, nach herkömmlichen Maßstäben sogar diametral entgegengesetzten Anregungen und Einflüsse. Neben selbstverständlich irischer Folk-Musik fällt der Name des britischen Elektronikers Aphex Twin. Steve Reich, ein amerikanischer Pionier der Minimal Music, wird genannt. Daneben Waldschrat Will Oldham sowie das Chicagoer Schallplattenlabel Drag City mit seinen teils experimentellen Veröffentlichungen.
Die Songtexte sind auch nicht ganz ohne. Die Eröffnungszeile zu „Short Ballad For A Long Man“ prägt sich umgehend ins Gedächtnis. „As a young man I was never one for sitting still at school / When I went to London Town I was paid to play the fool“, heißt es. Worum es da geht, verriet Seamus Fogarty bei einem Telefoninterviewtermin Anfang Januar 2019. „Es geht um Charles Byrne, den ‚Irish Giant‘, wie er bezeichnet wurde, einen Hünen von um die zwei Meter vierzig. In den frühen 1780ern zog er nach London, er wollte reich und berühmt werden. Seinen Lebensunterhalt bestritt er damit, dass er sich für Geld bestaunen ließ. Nach seinem Tod mit 22 wurde sein Körper nicht – wie von ihm verfügt – der See übergeben, sondern vom Hunterian Museum am Royal College of Surgeons in London einkassiert, wo sein Skelett ausgestellt wurde. Ich bin dort gewesen, um mir das anzuschauen und war seltsam berührt. Ich dachte, in gewisser Weise bin ich wie Charles Byrne. Ich ging nach London und wollte fern von zu Hause fremde Menschen unterhalten. Ein Stück von ihm steckt in mir. Die Schule ist auch nicht unbedingt meins gewesen.“

... mehr im Heft.