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»Jetzt wollen sie alle plötzlich politisch diskutieren. Hätten sie es vorher getan, hätten wir diese Regierung nicht.«
Stefan Sterzinger Trio - Edi Köhldorfer, Stefan Sterzinger, Franz Schaden * Foto: Michele Pauty

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Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

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Aktuelles Album:


Sterzinger – Köhldorfer – Schaden, Keuschheit und Demut in Zeiten der Cholera
(Bayla Records/Galileo, 2018)



Cover Keuschheit und Demut in Zeiten der Cholera


Sterzinger – Köhldorfer – Schaden

Dem Pesthauch der Geschichte eine Nase gedreht

Die Mobilisierung des poetischen Eigensinns der Liebe als Einspruch gegen die blöde Macht der Verhältnisse – wem könnte das besser gelingen als Stefan Sterzinger, dem alten Fuchs der Wiener Szene. Sein um die Ecke gedachter Schmäh und Akkordeon sind seit Jahrzehnten ein Garant für ein Künstlertum, sein allseits nachdenklicher Anspruch reicht tiefer als Politparolentum.

Text: Harald Justin

Spätherbst 2018. Die Herren Stefan Sterzinger, Edi Köhldorfer und Jörg Schaden haben eingeladen. Zwecks Präsentation des aktuellen Albums Keuschheit und Demut in Zeiten der Cholera gibt es ein kleines, aber feines Konzert für die nähere und entferntere Nachbarschaft. Natürlich gibt der Sänger und Akkordeonist Sterzinger, seit Jahrzehnten zum Liedermacheradel der Wiener Szene gehörend, den Ton an. Denn das hier ist sein Grätzel (Stadtviertel), das Konzert findet schräg gegenüber seinem Büro im Hinterraum vom „Wolf“ statt, einer Lokalität, bei dem als Spezialität „lauwarme Rinderzunge“ und weitere Innereien angeboten werden – passend eigentlich für einen Liedermacherabend mit einem Sänger, der jedes Wort auf der Goldwaage seiner Zunge abzuwiegen versteht.
Neu ist das Album, zudem aber der ausgezeichnete Jazzgitarrist Köhldorfer, der dem Publikum durch Spielfreude Applaus abnötigt. Der Bassist Schaden ist allerdings seit Jahren ein verlässlicher Mittäter. Das Trio, das sie neuerdings bilden, zeigt sich jedenfalls bestens eingespielt. Die eng zusammengedrängt sitzenden und stehenden Nachbarn und Freunde geizen nicht mit Jubel bei den Ansagen zu den neuen Liedern. Da reicht es, ein Lied mit dem Hinweis auf Thomas Bernhard einzuleiten, um zugleich erleichternden Beifall und Lachen einzustreichen.
Zur Erinnerung: Just vor dreißig Jahren geriet die Aufführung von Thomas Bernhards Stück Heldenplatz im Wiener Burgtheater von Claus Peymann zu einem handfesten Skandal. Der Autor mit Weltgeltung, aber auch andere, die an Österreich Kritik üben, gelten bis heute als „Nestbeschmutzer“. Bernhard schrieb damals: „Es gibt jetzt mehr Nazis in Wien / als achtunddreißig / jetzt kommen sie wieder / aus allen Löchern heraus / die über vierzig Jahre zugestopft gewesen sind.“ Die Erregung gab, so eine liberale österreichische Tageszeitung im Jubiläumsjahr 2018, Bernhard damals recht, und lässt Hermann Beil, den damaligen Chefdramaturgen Peymanns, die aktuelle Frage stellen: „Wer schreibt einen neuen ‚Heldenplatz‘?“ Das Jubiläum wird gegenwärtig überall begangen, denn als „Nestbeschmutzer“ gilt nun bereits, wer Mitmenschlichkeit für Asylsuchende fordert, wie unlängst Rainhard Fendrich.
Tatsächlich, die Lage ist angespannt angesichts einer österreichischen Bevölkerung, die sich mehrheitlich zum Fiebertraum eines mit Worthülsen und Sozialkürzungen agierenden Rechtspopulismus und zum hämisch-geifernden Wohlfühlirrsinn des Rechtsextremismus bekennt. In Zeiten von Pest und Cholera haben sich die Zeichen des Hasses tief eingeschrieben in die Körper und Hirne.
Ob dagegen ein nicht schenkelklopfendes Lachen, feinste Wortverdrehungen, das Spiel mit der Sprache und künstlerischer Eigensinn hilft, wie ihn Sterzinger so prima einmal mehr auf seinem neuen Album präsentiert? Ist Kunst Demut? Werden Ironie und Zynismus noch verstanden? Beim Frühschoppen nach dem Konzert lacht der 61-Jährige bei diesen Fragen nur raucherhustend auf. Denn Sterzinger wäre nicht der Sterzinger, also jemand, der mit Witz und Sinn für Sprache, mit Wissen um die politischen Verhältnisse im Land, mit Wut auf die Angepassten, auf die Braven und Beutelschneider reagiert, wenn er den Zeitumständen nicht mit seiner Kunst einen dialektischen Dreh verpassen würde. Plakative Regierungsschelte oder plattes Raunzen über Menschen und Politik sind seine Sache nicht. Er ist ein zu anspruchsvoller, sensibler Künstler, als dass er sich mit der Vertonung von besseren Leitartikeln oder programmatischen Politinszenierungen zufriedengeben könnte. „Vor Jahren bekam ich von Radiomoderatoren gesagt, dass es besser sei, immer hübsch lieb zu sein. Sonst würde es nichts mit der Radiotauglichkeit.“ Er hustet die Worte in den Raum und lässt sie dort hängen, bis ein gemeinsames Lachen den Fluch von diesem Verdikt nimmt. Das mit dem „Lieb-Sein“, das muss man drehen und wenden können: In „Finstere Herzen“ etwa, dieser rund um ein Bauernbesäufnis gesungenen Aneinanderreihung von derben Beschimpfungen wie „Saufetzen“ oder „Sauschädl“, da ist er so liebevoll, wie er nur sein kann. Das ist keine simple Publikumsbeschimpfung als vielmehr eine durchaus unterhaltsame Verbeugung vor der Erkenntnis der Sozialforschung, dass der Zuspruch zur Reaktion in ländlich-bäuerlichen Gegenden am größten ist. Beim Konzert im „Wolf“ gibt der Bühnenprofi dem Affen gleich Zucker, indem er die Anwesenden dazu animiert, ihm auf Handzeichen ein herzliches „Oaschgsicht“ zuzurufen. „Das musste ich mir einfach geben. Ein Publikum, das mich auf Befehl beschimpft.“ So lieb ist er, so demütig in Zeiten der Cholera.

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