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Nachspiel

oder Beinahe das Letzte

 

DIE GEDANKEN SIND FREI

… aber wehe, wenn sie sich verfliegen

Zu sehen ist ein Sänger mit Gitarre, der mit dem Rücken zum Betrachter auf einer Bühne steht. Man sieht die Köpfe des Publikums, von denen einer etwas markanter ist als der Rest.


Licht aus, Dudelgroove aus, Vorhang auf, Einspiel Intro vom Stick, Bühnenlicht an, Begrüßungsapplaus, Pfiffe, Auftritt Backing Band: Drums, Bass, Tasten, Klarinette. Band übernimmt Intro-Musik, ca. 24 Takte, juckig anschwellend, dann Spot, theatralischer Trommelwirbel (hab ich bei Sinatra auf YouTube gesehen), Abschlag auf die Eins und – Auftritt Solist, sprich ich. Mit ausgebreiteten Armen und forschen Schritts zur Mitte, Zwölfsaiter einstöpseln, Mikro ankippen (auch wenn’s schon angekippt ist), saftvoll perlender G7-Akkord, einzählen, dreie-viere – Opener! Ist seit Jahren dasselbe Stück, demzufolge kann ich’s auswendig. Muße also für einen beiläufigen ersten Rundblick ins Publikum – – – und da – huch, was durchzuckt mich? – – Ein Gesicht! – Nicht irgendein Gesicht, nein, weit gefehlt, sondern – DAS Gesicht! Es gibt gar keinen Zweifel. Irrtum ausgeschlossen: Es ist ER! – Also nicht ER, der ERhabene, der Großgeschriebene, sondern mit ER meine ich IHN: DEN arroganten Affen, der letztens in Pirmasens nicht geklatscht hat. So ein Gesicht merkt man sich, obwohl es überhaupt nichts Markantes hat, dieses Gesicht. Ein gelangweiltes, blutleeres Gesicht eben. Könnte jeder haben, so eins. Zwei Augen, Mund, eine Art Nase, Haare, das Übliche. Möchte aber nicht wissen, wie es innen aussieht. Hat’s einfach nicht nötig, DER Herr. Ich spiele mir die Seele aus’m … Oh Shit, erster Song zu Ende. Licht dimmt runter, Beifall – – und – ich traue meinen Augen nicht, gucke hin und gucke nochmal hin: Er klatscht! Wahr und wahrhaftig: ER KLATSCHT!!! – Was, bitte, soll man nun davon halten? – – Dieser hinterhältige Patron, denk ich. Der klatscht doch nur, weil er mich erkannt hat …

Ulf-Guido S., Pirmasens: Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Ja, gut, ich habe nicht applaudiert damals. Aber mit der Musik hatte das gar nichts zu tun. Es war nur, weil ich die Hände in den Taschen hatte.