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»Wenn ich dieser Typ wäre, könntet ihr mich alle mal am Arsch lecken.«
David Letterman
Tony Joe White * Foto: Joshua Black Wilkins

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Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

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Aktuelles Album:


Bad Mouthin’
(Yep Roc/Cargo, 2018)



Cover Bad Mouthin'


Tony Joe White

Es stinkt nach Klebstoff – oder: Back to the Roots

Tony Joe White hat den Blues. Allein das ist schon eine Nachricht, denn der Barde aus Louisiana ist ja eigentlich mehr für Sumpfrockiges bekannt. Auf Bad Mouthin’ zollt er allerdings den frühen Blueshelden mit archaischen Neufassungen diverser Klassiker seinen Tribut. Genaueres über sein neues Album erzählt der Mann, der gerade 75 geworden ist, ganz entspannt am Telefon.

Text: Rolf Thomas

Es ist wenige Tage vor seinem Geburtstag am 23. Juli. Und seine Sprechstimme klingt genauso lässig, wie er singt. Tony Joe White zerkaut auch am Telefon die Silben und spuckt sie neu zusammengesetzt wieder aus. Zudem verfügt er über diesen tiefen southern drawl, den auch New Yorker kaum verstehen. Wieso also auf einmal eine Bluesplatte im hohen Alter?
„Ich wollte das schon seit Jahren tun“, sagt Tony Joe White. „Viele Leute wissen gar nicht, wie sehr mich all diese Leute beeinflusst haben – Muddy Waters, Jimmy Reed, John Lee Hooker. Eines Tages sagte mein Sohn Jody: ‚Wir müssen das ganze Album hier in unserer Scheune aufnehmen.‘ Also holten wir das ganze Studio-Equipment aus dem Haus und bauten
Erst nach Drucklegung erreichte uns die traurige Nachricht, dass Tony Joe White am 24.10.2018 verstorben ist. Der Artikel von Rolf Thomas basiert somit auf einem der letzten Interviews, die White gab.

es in der Scheune auf. Der Sattelraum hat einen Betonboden und ist an den Wänden mit Holz verkleidet, allerdings mussten wir die Klimaanlage ausschalten wegen des Geräuschs. Im Stall stank es so stark nach Klebstoff, mit dem der Boden verfugt war, dass wir Schüsseln mit Kaffeesatz und Reis verteilt haben sowie dekorative Besen, die hier zu Halloween verkauft werden und nach Zimt riechen – danach war es auszuhalten. Dann hatten wir auch endlich den Sound von 1961.“
Und der Sound ist ihm wichtig. Denn nur, wenn der stimmt, kann der Mann aus Louisiana sich in Ruhe seiner Laid-back-Auffassung dieser Songs widmen. „Es klingt sehr ursprünglich und archaisch, und so hatten wir uns das auch vorgestellt“, meint er lakonisch. „Jody hat das alles mit einem alten Tonbandgerät aufgenommen und ich sitze halt da und spiele Gitarre.“ Trotzdem beschleicht einen erst einmal ein mulmiges Gefühl, wenn man auf das Cover schaut und dort sieht, welche zwölf Songs White spielt – braucht es wirklich die tausendste Fassung von John Lee Hookers „Boom Boom“?
„John Lee Hooker habe ich zwei- oder dreimal getroffen“, murmelt Tony Joe White. „Trotzdem habe ich auch gedacht, meine Güte, wer braucht eine neue Fassung von ‚Boom Boom‘ – die von John ist perfekt. Außerdem habe ich das Stück Anfang der Siebziger schon einmal aufgenommen, allerdings in einer schnellen Version, die ein bisschen nach ZZ Top klang. Aber diesmal, in der Scheune und mit einem alten Tonbandgerät, war es einfach mehr laidback, es bekam einen ganz speziellen Groove. Wenn John es hört, wo immer er jetzt auch sein wird, muss er hoffentlich lächeln.“
Diese lässige Abgeklärtheit macht Bad Mouthin’ zu einem späten Meisterwerk. Die Stimmung von „Boom Boom“ ist so einmalig wie die in Jimmy Reeds „Big Boss Man“, einem Song, den auch Grateful Dead gerne gespielt haben. „‚Big Boss Man‘ war einer meiner Lieblingssongs, als ich noch in kleinen Clubs in Texas aufgetreten bin“, erinnert sich White. „Jimmy Reed, der den Song geschrieben hat, habe ich selbst noch live gesehen.“

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