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Backkatalog   Ausgabe Nr. 4/2017   Internetartikel
»Die dünn besiedelte Ostküste wurde erst durch die Einwanderung und Vielfalt der Leute lebendig.«
Julie Aubé
Matt Holubowski

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Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

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Albumtipps:

Bears Of Legend, Ghostwritten Chronicles
(Galileo MC, 2016)

Alysha Brilla, Human
(Sunny Jam Records, 2016)

Jaron Freeman-Fox & The Opposite of Everything, Jaron Freeman-Fox And The Opposite Of Everything
(Eigenverlag, 2013)

Les Hay Babies, La Quatrième Dimension – Version Longue
(Simone Records, 2016)

Matt Holubowski, Solitudes
(Audiogram, 2016)

Willows (Geneviève Toupin), Willows
(Productions Sirène des Plaines, 2014)



Das bunte Ahorn

150 Jahre Kanada, Tausende von Jahren Kultur

Geburtstagsfeier mit kritischer Begleitung

„The world needs more Canada.“ Die rote Schautafel mit dem riesigen Schriftzug prangt in jedem Treppenhaus einer Buchladenkette. Unzählige Namen von Schriftstellern, Künstlern und natürlich auch weltweit bekannten Musikern vom Jazzpianisten Oscar Peterson bis zu den Songwriterikonen Joni Mitchell und Leonard Cohen gruppieren sich um den beliebten Slogan. Was lässt sich lernen von diesem Land, dem flächenmäßig zweitgrößten der Erde mit gerade einmal so viel Einwohnern wie so manche wuchernde Metropole Asiens? In das schon immer Menschen jeglicher Herkunft gekommen sind und das auch weiterhin tun? Kanada, ein Gegenentwurf zum Trump-Amerika? Ein Regenbogenland des Nordens, wie es die vielen Plakate zum hundertfünfzigsten Geburtstag glauben machen? Denn auf ihnen ist das Ahornblatt nicht etwa rot, sondern schillert in allen Farben. Braucht die Welt wirklich mehr Kanada?

Text: Stefan Franzen

Vielleicht lassen sich unter den aktuellen Musikern, die ja auch immer den Pulsschlag eines Landes wiedergeben, die besseren Antworten finden als bei den Politikern. Als Ausgangspunkt bietet sich die Stadt an, die die größte kreative Ballung ganz Nordamerikas aufweist. Nicht nur die Einheimischen behaupten das von Montreal. Hier scheint alles organische Überblendung: das Englisch und ein Französisch mit eigenwilligen Nasallauten, dörfliche Häuserzeilen neben polierten Wolkenkratzerfassaden, frühlingshafte Warmfronten und klirrende Kälte. Die quirlige Atmosphäre schlägt sich übers Jahr hinweg in zahlreichen Festivals nieder, etwa bei Montréal en lumière. Und dieses Winterspektakel zeigt in seinem Musikprogramm auch, dass Kanadas zweitgrößte Metropole die Bruchkanten seiner Sprachen und Mentalitäten heute als kreativen Nährstoff nutzt. Matt Holubowski, ein belesener 28-Jähriger mit Sturm-und-Drang-Frisur und verträumten blauen Augen ist der Sohn eines polnischen Einwanderers und einer Québecoise. Das Thema Identität ist in seinem zweisprachigen Songwriting stets präsent. „Der Ausgangspunkt für mein neues Album war Hugh MacLennans berühmter Roman Two Solitudes, eine Romeo-und-Julia-Geschichte aus den Zwanzigern bis Vierzigern, die die damalige Unvereinbarkeit von franko- und anglofoner Gesellschaft widerspiegelt“, erläutert er vor seinem Auftritt. „Auf dieser Basis habe ich viele Formen der Einsamkeit in den Songs ausgelotet, positive und negative.“
Eine seiner Einsamkeiten sind die latenten Barrieren, die es zwischen den beiden Sprachgruppen in Montreal immer noch gibt. „Was den Sessionalltag der Musiker angeht, gibt es viel mehr Bemühungen um Zusammenarbeit als um Trennung“, so Holubowski. „Doch auf dem Markt ist die Trennung noch da. Für anglofone Musiker ist es viel schwieriger, sich in Quebec zu behaupten, denn sie sind in der Minderheit. Frankofone Musiker bekommen zudem erheblich leichter Unterstützung von der Regierung. Und die meisten Presseorgane sind auf Französisch.“ Als einer der ganz wenigen Anglofonen, die in der französischsprachigen Szene existieren können, fühle er sich ein wenig wie ein Außerirdischer, sagt Holubowski. Im Repertoire hat er auch einen Song über das Phänomen Trump und analysiert haarscharf, wie erst die Verspottung durch die Öffentlichkeit dessen Erfolg ermöglichte.

... mehr im Heft.


Les Hay Babies - v. l. n. r. Vivianne Roy, Katrine Noël und Julie Aubé * Foto: Abc, Wikipedia


Geneviève Toupin


Katajaq Duo - Cynthia Pitsiulak und Annie Aningmiuq