Folker-Logo   Probeabo & Abo   Mediadaten/Anzeigen


Suche
   Intern   Über uns


Kontakt/Impressum/Datenschutz

       
Backkatalog   Ausgabe Nr. 2/2016   Internetartikel
»Es war ganz selbstverständlich, dass ich mit meinem Vater in der Familientanzkapelle spielte.«
Kimmo Pohjonen * Foto: Egidio Santos

[Zurück zur Übersicht]



Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

Oder gleich zum (Probe-)Abo.







Auswahldiskografie:


Sensitive Skin
(Octopus, 2015)

Murhaballadeja – Murder Ballads
(mit Heikki Laitinen; Siba Records, 2012)

Uumen
(mit Eric Echampard; Rockadillo/Westpark, 2005)

Kluster
(Rockadillo/Westpark, 2002)

Kalmuk
(mit Tapiola Sinfonietta, Abdissa Asefa, Samuli Kosminen; Westpark, 2002)

Kielo
(Rockadillo/World Village, 1999)



Cover Sensitive Skin 2015



Der mit dem Vulkan tanzt

Kimmo Pohjonen

Finnischer Akkordeonallrounder

Ein Konzert des Akkordeonvirtuosen hinterlässt nicht nur magische Töne im Ohr – elektronische, verspielte, epochal-bombastisch wirkende. Es hinterlässt auch Bilder – von Wölfen und Wäldern, wüster Weite, Ziegenherden auf Speed oder der eigenen explosiven Gefühlswelt, die sich durch die magischen Klänge wie ein Bilderbuch öffnet. Kimmo Pohjonen lässt sein Instrument ausbrechen wie einen Vulkan, Geschichten erzählen, flüsternd Geheimnisse verraten. Er tanzt mit diesem Vulkan, lässt seine musikalische Lava Filme und Geschichten befruchten – und verbindet sich mit ihm.

Text: Ulrike Zöller

Tatsächlich, wer Kimmo Pohjonen einmal live erlebt hat, bleibt sein Leben lang verzaubert. Wer hätte das in den Achtzigerjahren gedacht, als das Akkordeon in Deutschland noch eher abfällig als Quetschkommode, Faltenradio, Zerrwanst oder Schweineorgel bezeichnet wurde? Das war es vielleicht hierzulande, wo man in dieser Zeit noch ein gespaltenes, um nicht zu sagen gestörtes Verhältnis zu Tanzboden-, Wirtshaus- oder Familientraditionen hatte. Für den kleinen Kimmo, der 1964 in Viiala, etwa hundertfünfzig Kilometer nordwestlich von Helsinki geboren wurde und dort aufwuchs, stellte sich die Frage nicht, ob das Instrument cool oder uncool war. „Es wurde mir von der Familie oder vom Schicksal in die Wiege gelegt, also wollte ich etwas daraus machen“, erinnert er sich. Schon sein Vater spielte Akkordeon, und so war es beschlossene Sache, dass der Sohn in seine Fußstapfen treten würde. Mit ihm zusammen spielte er auch in einer Kapelle dörfliche und populäre Tanzmusik. „Ich folgte dem Brauch, es war also ganz selbstverständlich, dass ich mit meinem Vater in der Familientanzkapelle spielte, und es war auch selbstverständlich, diese Tradition zu respektieren. Ich kann nicht behaupten, dass ich damals viel über experimentelle Musik nachgedacht hätte, aber ich wusste, dass ich alle Arten von Musik spielen wollte. Ich war jedenfalls schon sehr offen für Neues, nicht nur in der Musik“, so der Künstler.
Kimmo Pohjonen, dessen Talent auffällig war, bekam als Sechzehnjähriger die Gelegenheit, am Musikkonservatorium in Helsinki klassische Musik und klassische Akkordeonliteratur zu studieren. „Charakteristisch für meine Selbsteinschätzung damals war, dass ich wirklich dachte, ich würde einmal ein erfolgreicher klassischer Akkordeonist werden; andererseits war mir völlig klar, dass die klassische Musik definitiv nicht mein Ding war. Sie hat zu viele Regeln und Einschränkungen, und es gibt keinen Raum für Kreativität und künstlerischen Ausdruck.“ Pohjonen fühlte sich am Konservatorium fehl am Platz und eingeengt, er suchte nach Ausbruchsmöglichkeiten. Um sich von den musikalischen Fesseln zu befreien, spielte er unter anderem in einer Rockband und kehrte der Klassik (vorläufig) den Rücken.
Dass aus dem verzweifelten und suchenden kreativen jungen Mann ein Künstler von Weltrang werden sollte, ist zum großen Teil dem Visionär Heikki Laitinen zu verdanken. Als promovierter Philosoph, Theologe, Kulturwissenschaftler und Musikologe hatte er eine ganzheitliche Sicht auf die Musik und die Musiktradition. Er war der erste Direktor des 1983 gegründeten Folkstudiengangs an der Sibelius-Akademie in Helsinki und erkannte den musikalischen Freigeist Kimmo Pohjonen als ganz besonderes Talent, das es zu fördern galt. „Mein musikalisches Lebensabenteuer begann mit meinem Eintritt in das Folkdepartment der Sibelius-Akademie“, resümiert Pohjonen. „Meine Zeit dort veränderte mein Leben von Grund auf, und dieses Gefühl, nach dem Studium eine andere Person zu sein als vorher, hatten eigentlich alle, mit denen ich studierte. Laitinen hatte einen gewaltigen Einfluss auf meine kreative Entwicklung.“ Nach Pohjonens Ansicht schuf und formte Heikki Laitinen die zeitgenössische finnische Volksmusik, in dem er einen völlig neuen Zugang dazu einbrachte: die Verbindung zwischen dem genauen bis akribischen Studium der alten Musiktradition und neuem eigenen Denken, Spielen, Experimentieren, Improvisieren und Erlernen mehrerer Instrumente. Revolutionär und wichtig für seine Lehrmethode war auch das Musizieren ohne Noten. „Laitinens Mission war es, Grenzen zu überschreiten, um die Volksmusik der Zukunft zu kreieren.“
Das Gefühl, mit seinen musikalischen Ideen nicht Verräter an seinem Instrument oder der Folktradition, sondern Motor der zukünftigen finnischen Musik zu sein, beflügelte Pohjonen, der seine musikalischen Fühler allerdings auch weltweit ausstreckte. Beispielsweise nach Tansania, wo der charismatische Sänger und Zezespieler Hukwe Zawose sein Lehrer werden sollte. „Er hatte einen gewaltigen Einfluss auf mein Leben. Durch ihn begann ich, mich als Musiker zu betrachten und nicht wie vorher als Akkordeonspieler.“

... mehr im Heft.

Kimmo Pohjonen * Foto: Tanel Meos Hukwe Zawose (1938-2003), Pohjonens tansanischer Lehrer