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»Das Exil hat mich für immer zum Weinen gebracht.«
MERCEDES SOSA

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Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

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DISKOGRAFIE


Mercedes Sosa Interpreta Atahualpa Yupanqui
(Universal, 1977)

Mercedes Sosa En Argentina – Grabado En Vivo En El Teatro Opera De Buenos Aires
(Universal, 1982)

Alta Fidelidad
(mit Charly García; Polygram/Galileo, 1997)

Cantora 1 + 2
(Sony, 2009)

The Definitive Collection
(Do-CD; Wrasse/Harmonia Mundi, 2012)



COVER MERCEDES SOSA INTERPRETA ATAHUALPA YUPANQUI


„Y Seguí Cantando“ – „Und ich sang weiter“

Zum fünften Todestag von Mercedes Sosa

Am 4. Oktober 2014 jährt sich der Todestag Mercedes Sosas zum fünften Mal. Nur der Tod konnte die Stimme Argentiniens und ganz Lateinamerikas zum Verstummen bringen. Sie war immer da, in Zeiten der Diktatur und persönlichen Krisen. Sie sang für Frieden und Gerechtigkeit und über die Gefühlswelten ihrer Landsleute. La Negra Sosa, wie die schwarz gekleidete Sängerin mit ihrem farbigen Poncho von ihnen liebevoll genannt wurde, einte mit ihrem Gesang Jung und Alt. Mit ihrer unverkennbaren Altstimme sang sie die Lieder der einheimischen Folklore, der Nueva Canción, und des Rock Nacional, der argentinischen Rockmusik, auch wenn zuweilen heftig darüber gestritten wurde, ob sie das durfte.

Text: MARTIN STEINER

Buenos Aires, 1979. Bremsen kreischen. „Pasaporte“, schreit einer der zwei Polizeibeamten den jungen langhaarigen Mann mit seinen verwaschenen Jeans an. Ohne aufzublicken, zieht dieser seinen Ausweis aus der Hosentasche und streckt sie den Uniformierten hin. „Fernando Gutiérrez heißt du also, Cochino.“ „Manos arriba – Hände hoch!“, befiehlt der andere Beamte, untersucht Fernandos Jacken- und Hosentaschen und legt ihn in Handschellen. „Steig ins Auto, du Schmutzfink!“ Wieder zurück zu Hause legt der von den Friseuren der Diktatur Zwangsgeschorene eine Schallplatte auf seinen Plattenspieler ...

Tendré los ojos muy lejos
y un cigarrillo en la boca,
el pecho dentro de un hueco
y una gata medio loca.

Un escenario vacío,
y un libro muerto de pena,
un dibujo destruido
y la caridad ajena.

Un televisor inútil,
eléctrica compañía.
La radio a todo volumen
y una prisión que no es mía ...

„Meine Augen weit weg, / die Zigarette im Mund, / die Brust in einem Loch / und eine halb verrückte Katze. / Eine leere Bühne / und ein totes Buch voller Leiden, / ein zerrissenes Bild / und verschollenes Mitgefühl. / Ein unnützer Fernseher, / diese elektrische Gesellschaft, / das Radio voll aufgedreht / und ein Gefängnis, das nicht meines ist.“

Die Stimme, die das singt, bringt Fernando Gutiérrez wieder zurück ins Leben. Sie gehört Charly García, Leader der Band Sui Generis. Das Lied heißt „Cuando Ya Me Empiece A Quedar Solo“ („Wenn ich alleingelassen werde“) und spiegelt die Entfremdung und Verlorenheit Tausender junger Menschen im ganzen Land wider.
Elftausend Kilometer weiter östlich, in Paris, hört eine kleine, schwarzhaarige Frau dieselbe Stimme. Auch sie fühlt sich fremd, weit weg von ihrer Heimat. Ein Jahr zuvor war sie in einer alten Lagerhalle Namens San José in La Plata aufgetreten. Wie immer sang sie all die verbotenen Lieder Victor Jaras und die vertonten Texte Pablo Nerudas. Sie sang gegen die Angst und für den Widerstand. Dann drangen Polizisten in den Raum, verhafteten sie und das ganze Publikum, insgesamt dreihundertfünfzig Personen. „In der Lagerhalle San José brachten sie mich einmal um“, erinnerte sich Mercedes Sosa später in poetischen Worten daran. Dieser Vorfall bewog sie, die Heimat zu verlassen. Im Exil wurde sie jedoch nie glücklich. „Fern von meiner Heimat bekam ich psychische Probleme. Meine Stimme änderte sich. Vor allem das Lied „Alfonsina Y El Mar“ konnte ich nicht mehr singen. Das Exil hat mich für immer zum Weinen gebracht.“

Große Oper von Buenos Aires, 1982. Mercedes Sosa steht mit Charly García auf der Bühne und stimmt mit ihm dessen Lied an, das sie in ihrem Exil entdeckt hatte. „1981 sah ich in Spanien im Kino Yellow Submarine. Ich war begeistert und habe mich geschämt, dass ich mir den Film nicht angeschaut hatte, als er herausgekommen war. Genauso hatte ich es versäumt, Charly García und Nito Mestre [Bandkollege Garcías und Sänger von Sui Generis; Anm. d. Red.] zu hören. Ihnen muss es wohl mit unserer Folklore auch so ergangen sein. Der Mensch ist voller Vorurteile und Vorbehalte. Nicht nur unsere Gesellschaft ist nicht frei, auch der Geist jeder und jedes Einzelnen,“ meinte Mercedes Sosa dazu.
Im Publikum ist Fernando Gutiérrez. Er, der lange Zeit allein war, hat endlich wieder eine Freundin. Ihretwegen, und weil er gehört hat, dass auch Charly García auftritt, sitzt er erstmals in der großen Oper. Vor wenigen Monaten war die hübsche Kleine mit den traurigen Augen noch die Freundin eines Kumpels – allerdings ohne traurige Augen. Nun klammert sie sich an Fernando, nachdem ihr Verflossener im Holzkasten vernagelt von den Malwinen zurückgekommen ist. „Las Malvinas Son Nuestras“, steht auf dem Plakat vor der Oper geschrieben, „Die Malwinen gehören uns“. Von wegen. Etwa den 649 jungen Männern, die die englischen Schafzüchter von den Falklandinseln vertreiben sollten und nie wieder lebend argentinisches Festland betraten? Jedes Mal, wenn seine Freundin solche Anschläge sieht, kommen ihr die Tränen – und da die Regierung alle Massenmedien und Häuserwände mit dem Spruch verklebt, geschieht dies öfter. In Fernando steigt eine dumpfe Wut hoch, wenn er täglich hundertfach daran erinnert wird, mit welch plumpen Mitteln die Generäle immer noch krampfhaft versuchen, das Volk für sich einzunehmen.

La Negra verwandelt im Laufe des Konzertabends diese Ohnmacht in Lieder. Wie etwa mit „Soy Pan, Soy Paz, Soy Más“ von Piero: „Erzähl mir alles, was in dir jetzt vorgeht, denn wenn du es mir nicht sagst, wird deine Seele nur weinen“. Ein anderes Lied von ihm, „Que Se Vayan Ellos“ („Sie sollen Leine ziehen“), hatte den sofortigen Effekt, dass nicht die Militärs, die er mit dem Lied verjagen wollte, sondern Piero selbst 1976 ins Exil musste. Sechs Jahre später, wieder zurück in seiner Heimat, sang er den Protestsong auf dem Festival B. A. Rock mit komplett verdrehten Wortfolgen unter dem tosendem Applaus des Publikums. So konnten ihm die Zensoren des Proceso de Reorganización Nacional, wie sich die Diktatur beschönigend nannte, nichts anhaben.
Probleme mit der argentinischen Zensur hatte auch León Gieco des Öfteren, der an diesem Abend mit Mercedes Sosa „Sólo Le Pido A Dios“ anstimmt, ein Bittgebet an Gott für Frieden und Gerechtigkeit. Auf der LP El Fantasma De Canterville, dessen gleichnamiges Titelstück von Charly García stammt, strichen sie ihm mehrere Lieder und verlangten bei anderen Titeln von ihm Textänderungen. „Sólo Le Pido A Dios“ entstand 1978 in dem kurzen Intervall, in dem die Militärs nach der Fußballweltmeisterschaft langmähnigen Ballkünstlern die Hände schütteln und der Welt zeigen mussten, wie offen ihr Land doch sei.

Neben argentinischen Chacarreras, Milongas und Cuecas, Stücken von Violeta Parra und Atahualpa Yupanqui trägt die Sängerin „Sueño Con Serpientes“ von Silvio Rodríguez und „Años“ von Pablo Milanés vor. Selbstverständlich standen die beiden wichtigsten Exponenten der „Nueva Trova Cubana“ auf der schwarzen Liste. „Wer erlaubte Mercedes Sosa, sich in meinem Land aufzuhalten?“, fragte der Militär Carlos Alberto Lacoste, als man ihn über das Programm ihrer Auftritte informierte. Darauf musste sie das Land noch einmal verlassen, bevor sie 1984 für immer zurückkehren konnte. Für León Gieco war das Konzert entscheidend für die weitere Entwicklung Argentiniens: „Mercedes ist eine Ikone der Demokratie. Wir begannen genau da wieder an die Demokratie zu glauben, als Mercedes in der Oper auftrat.“
Cosquín, 1997. Mercedes Sosa und Charly García stehen gemeinsam auf der Bühne des Folkfestivals von Cosquín. 1965 hatte sie dort ihre Karriere mit einem Schlag auf ihre Bombo (Röhrentrommel der Indios) eingeleitet. Der Gauchosänger Jorge Cafrune hatte die damals völlig unbekannte junge Sängerin gegen den Willen von Julio Márbiz, des Leiters des Festivals, auf die Bühne gebeten. „Wer so aussieht, kann nicht singen“, soll dieser gesagt haben. Er sollte sich gründlich getäuscht haben. Nachdem die letzten Töne von „Canción Del Derrumbe Indio“ verklungen waren, empfing Sosa tosender Applaus. Ein Mythos war geboren. 1997 war es nicht viel anders. Der größte Teil des Publikums zeigte sich begeistert über die Darbietung der Stimme Argentiniens und des nationalen Rockheroen. Gewisse Musikkritiker jedoch zeigten sich befremdet. Was soll eine Folksängerin zusammen mit einem Rocksänger auf der Bühne in Cosquín? Störten die Kritiker wohl mehr die elektronischen Instrumente oder eher die Texte, die für die Traditionalisten so ganz und gar nicht ins Repertoire der argentinischen Folklore passten? Klar, aus Sicht vieler Folkpuristen weltweit ist Folk die Musik der kleinen Leute, der Blick von unten auf die da oben. Wenn einer wie Charly García aus einer reichen Familie stammt, Musik studiert hat und schon im Titel seines Liedes „Inconsciente Colectivo“ („Kollektives Unbewusstes“) C. G. Jung zitiert, hat das wenig mit ländlicher Kultur zu tun. Mercedes Sosa sah das anders: Nach dieser Erfahrung wollte sie nicht mehr in Cosquín auftreten. „Die ewigen Polemiken ermüden mich, diese Hassliebe. Das Publikum schätzt mich zwar, doch ich muss immer wieder Rede und Antwort stehen für meine Arbeit.“
Buenos Aires, ebenfalls 1997. Fernando Gutiérrez ist nicht im Publikum in Cosquín. Doch La Negra ist die Einzige, die ihn mit der Volkskultur des Landes verbindet. Fernando ist, wie die Mehrheit der Bevölkerung Argentiniens, ein Stadtmensch. In Buenos Aires, einer Metropole der latenten Depression, wo die Menschen sich ihren Gefühlswallungen hingeben und Woche für Woche beim Psychoanalytiker auf der Couch liegen, ist C. G. Jung kein Unbekannter. Für die Porteños ist Charly García eine Ikone. Ihn verstehen sie besser als einen Sänger, der mit dem Matebecher in der Hand auf dem Pferd sitzend in der weiten Pampa über die untergehende Sonne sinniert. Lange Zeit war der Tango das Spiegelbild der Seele Argentiniens. Die Jugend der Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahre empfindet diesen jedoch als antiquiert. Der Rock Nacional dagegen, mit seinen verschlüsselten Texten, einer Mischung aus Gossensprache und Intellekt, ist aufmüpfig, aktuell. Mercedes Sosa ist eine der wenigen, die versteht, dass die Gefühle der Land- und Stadtmenschen gar nicht so weit auseinanderliegen. Kaum ein Tango, kaum eine Milonga, Chacarrera, kaum ein Rocksong ist nicht durchtränkt von Melancholie. Von Feuerland über Buenos Aires bis ins nördliche Tucumán, wo La Negra herkommt, träumen die Menschen von einem besseren Leben, vom Ende ihrer inneren Einsamkeit.

Fernando kauft sich das 1997 erscheinende Duoalbum Mercedes Sosas und Charly Garcías mit dem programmatischen Titel Alta Fidelidad. Die beiden Künstler verbindet bis zu Sosas Tod eine tiefe Freundschaft. La Negra, die nach Cosquín wieder mit einer langen, schweren Depression zu kämpfen hat, findet in den Texten des Rockmusikers eine Heimat. Wie sie kämpft García mit seinen Ängsten und Schwächen und gegen den nach Drogen- und anderen Exzessen ständig drohenden psychischen Absturz. Wie sie rappelt er sich jedes Mal von Neuem auf und kämpft gegen die inneren und äußeren Dämonen.

„Ayer soñé con los hambrientos, los locos,
los que se fueron, los que están en prisión.
Hoy desperté cantando esta canción
que ya fue escrita hace tiempo atrás.
Es necesario cantar de nuevo,
una vez más“


„Gestern träumte ich mit den Hungrigen, den Verrückten,
denjenigen, die fortgingen, denen, die im Gefängnis sind.
Heute bin ich mit diesem Lied erwacht,
das vor langer Zeit geschrieben wurde.
Es ist wichtig, dass wir von Neuem anfangen zu singen,
einmal mehr.“

(aus „Inconsciente Colectivo“, Charly García)

Mercedes Sosa ist als hervorragende Interpretin der Lieder von Atahualpa Yupanqui und des neuen lateinamerikanischen Lieds in die Annalen eingegangen. Neben den Stücken der Nueva Trova Cubana sang sie immer auch Lieder der Brasilianer Milton Nascimento oder Chico Buarque. La Negra sang für die Landarbeiter, die Unterdrückten und die Indios. Zeitlebens war sie eine bekennende Linke. Oft wird jedoch vergessen, dass sie in Zeiten der Militärdiktatur und danach auch zu einer Integrationsfigur für all die Jungen wurde, die im Rock Nacional ihre Gefühle und Sehnsüchte widergespiegelt fanden. Wie wichtig für Sosa der Bezug zum aktuellen Musikgeschehen bis zu ihrem Tod bleibt, beweisen die Alben Cantora 1 und 2, auf denen sie im Duett mit Gustavo Cerati, Fito Paez, Charly García, Lila Downs, Joaquín Sabina, Jorge Drexler, Shakira, Caetano Veloso, Daniela Mercury und vielen anderen singt. Manche Lieder wurden dabei mit heftigen Streichern unterlegt, andere wie das erdige „La Luna Llena“ mit dem Uruguayer Ruben Rada im Rhythmus des Candombe oder „Canción Para Un Niño En La Calle“, wo die Nueva Canción effektvoll mit der Rap-Einlage von René Perez unterlegt wird, zeigen La Negra von einer neuen Seite.

Nachtrag:
Fernando Gutiérrez ist eine fiktive Figur. Bei vielen jungen Argentiniern fand ich Gemeinsamkeiten. Fast alle luden mich zu einer parillada, einem Grillfleischessen ein. Bei allen musste ich Mate trinken, und ihn ihren Schallplattenschränken standen die LPs von Charly García, Spinetta, León Gieco, Arco Iris und wie die Bands der Bewegung alle hießen – zusammen mit Mercedes Sosa En Argentina – Grabado En Vivo En El Teatro Opera De Buenos Aires. Im Norden, in Salta und Tucumán hörten die Leute mehr ländliche Musik. Dort lud mich ein junger Student in die ärmliche Wohnung ein, in der er mit seiner Mutter lebte. Im kleinen Wohnzimmer gab es ein paar Schallplatten mit Schlagern und argentinischer Volksmusik. Das Livealbum von La Negra war auch darunter.
„Y Seguí Cantando“ – „Und ich sang weiter“, geschrieben von María Elena Walsh, war wie auf die Stimme Mercedes Sosas zugeschnitten. Das Lied wurde postum im Jahre 2011 zusammen mit weiteren von den Militärs zensierten Titeln auf dem Album Mercedes Sosa 1976/1982 – Censurada veröffentlicht. MERCEDES SOSA 1965 * FOTO: ANNEMARIE HEINRICH, WIKIMEDIA MERCEDES SOSA 1982 * FOTO: WIKIPEDIA