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Ausgabe 1/2016


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 ACHIM AMME: Ich habe dich so lieb
ACHIM AMME
Ich habe dich so lieb
www.achim-amme.de
(Bluebird Café Berlin Records)
16 Tracks, 47:22, Texte


Angenehm altersweise kommt Jürgen Ebeling alias Achim Amme in seinen Liedern daher. Ist ja auch kein Wunder, ist der Autor, Sänger und Schauspieler doch schon seit mehreren Jahrzehnten aktiv. Freude am Leben, vorsichtig optimistisch, keine überbordend hochfahrenden Pläne mehr, dazu passen die vier melancholischen Texte eines Joachim Ringelnatz gut, die er ebenfalls vertont. Mit ruhiger Stimme zur Gitarre, von Musikern dezent begleitet, werden seine alten, ausgeblichenen Jeans ebenso besungen wie eine neue Liebe, der Nachwuchs und ein kräftiges Besäufnis. Manche Texte hat er schon vor Jahrzehnten in Büchern veröffentlicht, sie geben zugleich einen kleinen Einblick in sein Gesamtwerk. Politische Themen, die früher für ihn recht bedeutend waren, finden sich auf diesem Album nicht. Die persönlichen Lebenserfahrungen, die freundliche Rückschau auf das Leben stehen im Vordergrund. Eine schöne Produktion, kluge Texte, freundliche Melodien, gute Songs für einen netten Abend in der dunklen Jahreszeit.
Rainer Katlewski
 ASP: Verfallen, Folge 1: Astoria
ASP
Verfallen, Folge 1: Astoria
www.aspswelten.de
(Trisol/Soulfood)
13 Tracks, 73:16 plus Bonus-CD: 4 Tracks, 48:48 , mit dt. Texten


Zuerst fällt die opulente Ausstattung des Albums ins Auge: als Buch gestaltet im Querformat, mit gediegenem Artwork (Grafik: Joachim Luetke, der auch schon für Marylin Manson arbeitete). Beim Durchblättern sieht man auf 33 Seiten die Kurzgeschichte „Das Fleisch der Vielen“ des Fantasy-Autors Kay Meyer (Sturmkönige-Trilogie, Die Seiten der Welt). Dazu Bilder des alten Nobelhotels Astoria am Leipziger Hauptbahnhof, seit zwei Jahrzehnten leer stehend. Erst dann erfasst man den Zusammenhang und versteht die Texte der Frankfurter Metal-Rock-Band ASP. Die akustische Schauergeschichte wird allerdings nicht rockig durchgehämmert, sondern glänzt durch sehr abwechslungsreiche, melodiöse Arrangements und immer gut verständliche Texte. Mal klingt diese Gothic Novel nach Chanson, mal nach Akustikfolk oder Tango, dann wieder preschen die E-Gitarren los. Die Texte der Horrorstory sind komplex, manchmal kryptisch. Auf jeden Fall spannende, unkonventionelle Musik auf dem neunten ASP-Album, auch für Folker-Leser. Die Bonus-CD bietet zwei Lesungen von Kay Meyer und zwei weitere Songs. Selten wurde eine Hotelruine fesselnder vorgestellt.
Piet Pollack

 FRANK BAIER: Gesänge des Ruhrgebiets 1870-1980
FRANK BAIER
Gesänge des Ruhrgebiets 1870-1980
www.frank-baier.de
(Jump Up Records JUP-00034/Plattenbau)
Vinyl, 20 Tracks, 51:44, mit dt. Texten u. ausführlichsten Infos


Einer Rezension im eigentlichen Sinne entziehen sich diese Gesänge des Ruhrgebiets an sich schon durch ihr gesellschaftliches und historisches Gewicht sowie die großen Verdienste ihres Interpreten: politisch wichtig! Inhaltlich dringend nötig! Unbedingt vor der Vergessenheit zu retten! Die Eckdaten: Wie sich dieses Album im Detail in Frank Baiers ungeheuren Ausstoß an Tonträgern und Druckerzeugnissen, seine Leistungen und seine Vita einfügt, dazu sei ein Blick auf seine Webseite empfohlen – aber nicht vor der Vielzahl an Veröffentlichungen und Informationen zurückschrecken! Die versammelten Lieder dokumentieren überwiegend die klassische Ruhrgebietsmaloche, mit einigen Abstechern ins Politische aus linker Arbeitersicht. Dass das Album nur auf Vinyl im selbstgetackerten Cover erscheint, ist eine etwas alterssentimentale Hommage Frank Baiers an Ton Steine Scherbens Warum geht es mir so dreckig? von 1971 in selber Aufmachung. Was heute, wo nur noch ein paar Ewiggestrige Vinylplattenspieler benutzen, grober Unfug ist! Klangfetischismus ist bei Baiers authentischem, aber keinesfalls übermäßig subtilem Vortrag völlig fehl am Platz. Und will das Album etwa keine Hörer? Was soll das?
Christian Beck
 INGO BARZ: Sehn’ mich so nach dir – Nachschlag 1979-1990
INGO BARZ
Sehn’ mich so nach dir – Nachschlag 1979-1990
(Schnitterhof Verlag)
22 Tracks, 64:03


Zwischen Singebewegung und Wolf Biermann gab es in der DDR noch Platz für ein paar andere (kritische) Musiker. Freilich nicht in der Öffentlichkeit, sondern in Nischen, wie im Rahmen der Evangelischen Kirche. Ingo Barz aus Mecklenburg zum Beispiel ist solch ein Liedermacher, ein Achtundsechziger der ostdeutschen Provinz. Das Cover präsentiert einen langhaarigen und bärtigen jungen Mann mit Nickelbrille nach der Mode der Zeit. Als Jugendwart der Kirche durfte er nur auf Kirchenveranstaltungen auftreten, die Stasi überwachte ihn unter dem Stichwort „Prediger“. Doch ein Prediger ist Ingo Barz mitnichten, weder im religiösen noch agitatorischen Sinn. Sein Credo ist die persönliche Freiheit und die Verantwortung für das eigene Denken und Handeln. Damit ignorierte und konterkarierte er die sozialistische Gemeinschaft von Volk und Führung. Er karikierte stattdessen die Spießer im ostdeutschen Land, und bei vielen Liedern trifft die Beschreibung auch auf die westdeutschen Kleinbürger zu. Die alten Songs von 1979 bis 1990 hat er neu eingespielt, man hört ihnen die Entstehungszeit an, dennoch sind viele zeitlos aktuell. Unerhörte, andere Lieder aus dem anderen Deutschland, die denen der westlichen Kollegen in vielem ähneln.
Rainer Katlewski

 COLBINGER: Colbinger
COLBINGER
Colbinger
www.colbinger.com
(DMG Records Germany 54.218165.2/Broken Silence)
10 Tracks, 34:04 , mit Texten


Wenn ein Künstler das Album nach sich selbst benennt, bedeutet das oft eine Standortbestimmung. So auch bei Colbinger, der über eine halbe Stunde ein deutliches Zeichen setzt, wo er gerade steht und fühlt. Da bekommt das ausgelutschte Sprichwort „er macht sein Ding“ neue Authentizität. Der Künstler aus Ostdeutschland macht es dem Hörer alles andere als leicht. Das Album sperrt sich gegen den leichten Konsum und verführt sogar zum Weghören. Warum ist das so? Die Gitarre wird brillant gespielt, die Produktion ist ausgesprochen druckvoll und die Texte sind intelligent. Eigentlich bringt Colbinger alle Zutaten für ein Erfolgsrezept mit sich. Nur, die Bestandteile komponiert der Künstler, wie es sich für ihn stimmig anfühlt, und das entspricht nicht den Hörgewohnheiten. Eine harte Gitarre, die auch bei Nirvana gut geklungen hätte, wird in eine akustische Folkballade gepackt. Ein deutscher Text findet sich in einem traditionell aufgebauten English-Old-School-Rock-Song. Gitarrenwaveklänge mischen sich mit Botschaften, die eher an deutsche Liedermacher erinnern. Die ungewohnte Mixtur macht dieses Album so schwer zugänglich und gleichzeitig auch so interessant. Colbinger gelingt mit seinem Solowerk das Kunststück ein Album zu produzieren, das, hat man sich erst einmal durchgebissen, auch nach vielfachem Hören viel Freude bereitet.
Christian Elstrodt
 BERNADETTE LA HENGST: Save The World With This Melody
BERNADETTE LA HENGST
Save The World With This Melody
www.lahengst.com
(Trikont US-0468/Indigo)
12 Tracks, 47:03 , mit dt./engl./fr. Texten u. dt. Infos


„Füttert uns, oh, füttert uns, und gebt uns eure Reste, solang wir abgefüttert sind, bleiben wir nur Gäste“, beginnt etwa „Wem gehört die Parkbank“, das im Refrain dann fragt: „Und wem gehört die Parkbank? Und wem gehört die Bank? Und wem gehört der Park, in dem ich ein Zuhause fand?“ Und dazu schaukelt geschmeidig eingängiger Elektropop, dass man sich hineinlegen könnte. Nur ein beliebiges Beispiel, es wäre als Beleg für Bernadette La Hengsts inzwischen voll ausgereifte Kreuzung unnachgiebiger politischer Agitation inklusive offener Reflexion des Privaten mit lustvoller Pop- und Tanzmusik auf satter Ironiebasis durch fast jedes andere Stück ersetzbar. Womöglich selbst durch „Es waren zwei Königskinder“, bei dem auch Tochter Ella Mae Hengst mit ihrem süßen Mädchenstimmchen mal wieder mitsingt. Bestimmt auch ein Ausdruck gesellschaftlicher Generaldissidenz und folglich in Ordnung – muss nur noch herausgefunden werden, welcher schlaue Stachel in welchem welken Fleisch gerade noch genau? Doch nur die Ruhe: Diese Frau ist vorn. Da darf man gedanklich und konzeptuell ruhig mal ein bisschen hinterherhinken. Und damit keine Missverständnisse aufkommen: Das ist vollkommen ernst gemeint.
Christian Beck

 OH LONESOME ME: Things That Could Destroy Me (In The End)
OH LONESOME ME
Things That Could Destroy Me (In The End)
www.oh-lonesome-me.de
(Beste Unterhaltung BU068/Broken Silence)
11 Tracks, 46:21


Wer sich in diesem Jahr verlieben möchte, kauft sich das Debütalbum von Oh Lonesome Me. Der Erstling von Carina Schwertner und Anne Stabe wirkt derart charmant, dass es selbst den griesgrämigsten Dachs aus seinem Winterbau lockt. Dabei ist „Erstling“ nur halb richtig, immerhin hat das Duo schon mit einer EP gegen den Winterblues gepunktet. Gegenüber dieser haben die zwei Künstlerinnen noch einmal beachtlich zugelegt und legen nun mit dem Longplayer den ersten Pflichtkauf nach. Musikalisch gibt es Folkpop, wie es in der Variante weibliches Duo schwer angesagt ist. Die Songs sind aber differenzierter, einprägsamer und vor allem witziger als bei der Konkurrenz. Der augenzwinkernde Humor, der sich ja bereits in Band- und Albumtitel niederschlägt, ist eine besondere Stärke der Musikerinnen und sorgt dafür, dass der Hörer nicht nur verträumt die Augen schließt, sondern auch befreit grinsend den Stimmen lauscht. Oh Lonesome Me wechseln zwischen deutscher und englischer Sprache, dadurch erzeugen die beiden die Stimmung eines Zwiegesprächs. Die tiefen Gefühle kommen bei der Band natürlich nicht zu kurz. Der Humor ermöglicht den Künstlerinnen gerade, den Finger in die Wunde zu legen, und so gesellen sich einige Tränen der Bitterkeit gleichberechtigt neben das glückliche Lächeln.
Christian Elstrodt
 JULIA TOASPERN: Penny
JULIA TOASPERN
Penny
(Felicitas Records FR2015.01)
11 Tracks, 44:13 , mit engl. Texten u. Infos


Das Cover der CD verrät uns: Julia Toaspern ist jung und sieht gut aus. Auch wenn das Aussehen nicht wichtig ist, wie das Über-Ich altklug einwirft. Ihre Texte handeln von Liebe und Trennung. Hier wird die Welt nicht neu geordnet, hier geht es um das Naheliegende. Und Toaspern ist jung, wie gesagt. Ihre Musik groovt aufs Heftigste. Sie fließt leicht und locker, mal folkig, mal jazzig, mal mit Anklängen von Latinrhythmen. Toaspern, die offenbar selbst eine feine Gitarristin ist, hat da ein paar wirklich gute Jungs zusammengebracht: Kontrabass, Gitarren, hier und da Flöte, Banjo, Schlagzeug. Schöne Akzente setzt ein Kollege, der gelegentlich die Human Beatbox gibt. Julia singt mit ausdrucksstarker Stimme, wobei sie Brust- und Kopfstimme sehr effektvoll kombiniert. Das ist bei Sängerinnen ja nicht selbstverständlich. Alle ihre Texte sind auf Englisch, warum nicht, wenn man sich das zutraut. Immerhin können dann so schöne Passagen entstehen wie: „…I’ll miss you in May – mayday, mayday …“ (Für die Binnenländler: Mayday = SOS.) Dies ist ein rundum gelungenes Album. Nur eine Anregung fürs nächste: Es gibt auch schöne Themen abseits der holden Zweisamkeit.
Jörg Ermisch

 ANTI VON KLEWITZ ENSEMBLE: „Vom Krausen Leben …“
ANTI VON KLEWITZ ENSEMBLE
„Vom Krausen Leben …“
www.liedervonklewitz.de
(New Morning Records 018)
12 Tracks, 42:88 , mit dt. Texten u. Infos


Gedichte sind Schätze, deren Schönheit neue Kräfte stimulieren. Sie zu vertonen, ist lohnend – aber nicht neu. Die Berliner Sängerin, Vokalistin, Rezitatorin und Violinistin Anti von Klewitz geht einen anderen Weg. Auf ihrem Album „Vom Krausen Leben …“ widmet sie sich deutscher klassischer Lyrik. Dabei bringt sie die Worte der Gedichte nicht in Melodien, sondern spricht sie und illustriert sie mit Musik. Ihr zur Seite steht ein Ensemble aus versierten Jazzmusikern. Mit akustischen Instrumenten wie Violine, Viola, Altsaxofon, Kontrabass bekommt die Musik ein folkloristisches Flair ohne wirklich Folk zu sein. Diese Vertonungen stehen jenseits der Stilgrenzen. Die Stimme von Anti von Klewitz ist sperrig – sie fügt sich nicht den Klängen. Aber gerade so kommen die Texte auch als Gedichte zur Geltung. Ausgewählt hat sie Poesie von Dichtern wie Rilke, Hölderlin, Trakl sowie eigene Texte. Alle handeln über Sehnsucht, Trauer und Zweifel. Es ist viel Melancholie auf diesem Album. Doch zu wissen, dass auch andere gelitten haben, tröstet und spendet Kraft. Das ist das Geheimnis der hier zu hörenden Schönheit.
Udo Hinz