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Folker-Halbmast



Ralf P. Wackers  * Foto: Michael A. Schmiedel

RALF P. WACKERS


8.6.1952, Krefeld,
bis 24.9.2020, Bonn


Die Nachricht vom Tod von Ralf Wackers traf die Bonner Irish-Folk-Szene sowie Team und Publikum von Folk im Feuerschlösschen in Bad Honnef hart. Wer ihn kannte, spürte seine Offenheit und Herzenswärme. Im Feuerschlösschen bediente er seit einigen Jahren oft das Mischpult und sorgte dafür, dass die jeweiligen Musiker mit ihren verschiedenen Stilen ihre Leistungen bestmöglich dem Publikum präsentieren konnten. Ralf Wackers hatte die Musik nicht nur in den Ohren, sondern quasi im Blut. Mit sechzehn Jahren brachte er sich autodidaktisch die sechs- und die zwölfsaitige akustische sowie die E-Gitarre, aber auch die Bluesharp bei und spielte in verschiedenen Rock- und Bluesbands. Die Bühnentechnik, das Mischen für Liveauftritte und Studioaufnahmen war ebenfalls schon früh sein zweites musikalisches Betätigungsfeld. Zehn Jahre lang war er technischer Leiter der Krefelder Rockinitiative. 1994 entdeckte er die traditionelle irische Musik für sich und fügte den von ihm beherrschten Instrumenten irische Bouzouki, Banjo, Cister, Bodhrán und Mandola hinzu und gründete sogar eine eigene Schule in Köln, um diese Instrumente auch anderen beizubringen. Daraus entstanden einige Bücher mit Tutorials in deutscher und englischer Sprache, um Kindern und Erwachsenen das Selbststudium etwa der Bouzouki oder der S-Guitar zu ermöglichen. Im Jahr 2000 gründete er mit seiner Lebensgefährtin Ellen D. Jeikner und anderen die Irish-Folk-Band Currach, mit der sie zwei Alben einspielten. Nun war es jedoch der Krebs, der sein eigenes Spiel spielte in völliger Dissonanz zu allem anderen. Diesem erlag Ralf Wackers nun nach einigen Jahren des Aufs und Abs. Doch wir wissen: Sie brauchten in Fiddler’s Green einen Tontechniker, Bouzoukilehrer und ein warmes Herz, damit auch dort die Töne stimmen.

Michael A. Schmiedel



Fred Ape * Foto: Ludger Staudinger

FRED APE


13.4.1953, Dortmund,
bis 9.11.2020, Dortmund


„Ja, 2020, so hieß dieses Jahr, / Als Zukunft keine gute Geschichte mehr war“ (aus „Als ich hundert war“). „Das kann doch gar nicht sein!“, war mein erster Gedanke, als ich erfuhr, dass Fred Ape nicht mehr lebt. Es ist noch keine vier Wochen her, da bekam ich sein neustes Album mit dem programmatischen Titel Bedingungslos zugeschickt. Lieder, wie sie lebendiger, klarer, aktueller und gleichzeitig hoffnungsvoller kaum klingen können. Und nun soll dieser, fest im Diesseits verwurzelte moderne Bänkelsänger für immer verstummt sein? Kaum vorstellbar! Seine damalige Band Ape, Beck & Brinkmann war in den Achtzigerjahren allgegenwärtiger Bestandteil der alternativen deutschen Folkrockszene. Fred Ape engagierte sich mit seinen Liedern in der Friedensbewegung, trat aktiv für den Klimaschutz ein und wandte sich leidenschaftlich gegen Rassismus, Intoleranz und Rechtstendenzen. Ape, Beck & Brinkmann galten als „Greenpeace-Vorzeigeband“. Sein Lied „Rauchzeichen“ – Titelsong der ersten LP der Dortmunder Folkrockband Cochise – ist wohl Fred Apes bekanntestes Werk und mittlerweile in etlichen Schulbüchern als Beispiel für eine bunte, politisch hochaktive Epoche zu finden. Seit 1987 arbeitete Fred Ape eng mit dem Dortmunder Musiker und Produzenten Guntmar Feuerstein zusammen. „Frei ist der Mensch erst wirklich groß. Bedingungslos“, schrieb Fred in einem seiner letzten Lieder. Ja, diese Freiheit sei ihm von Herzen gewünscht!

Kai Engelke



Walter Bast * Foto: Ingo Nordhofen

WALTER BAST


21.10.1956, Setterich,
bis 23.9.2020, Aachen


Zwei Räume. In dem einen wurde geschnitten, gerubbelt und geklebt. In dem anderen saß ein großer und schwerer Mann vor einer grotesk winzig wirkenden Reiseschreibmaschine. So sah es an Wochenenden Mitte der Achtzigerjahre aus, wenn die neueste Ausgabe des Folk-Michel zusammengestellt und layoutet wurde – mit Papier, Schere, Klebestift und Letraset-Buchstaben. Der Mann hieß Walter Bast, und er las Korrektur. Zusätzlich hackte er das Inhaltsverzeichnis maschinell aufs Papier. Gelungene Zeilen führten zu vergnügtem Kichern. So erinnere ich mich daran, wie er die Kolumne „Übrigens“ von Herausgeber Mike Kamp mit lauter K-Wörtern untertitelte: „Kollege Kamps katastrophale Kaos-Kronik“.
Nicht nur durch solche Späße hat Walter das legendäre Heft im A5-Format geprägt. Bei Gründung 1977 war er gemeinsam mit Roland Schmitt Erster an Bord – hatte sich auf eine Anzeige von Mike im Magazin Sounds hin gemeldet –, führte den Vorgänger des Folker einige Jahre als Chefredakteur und blieb rezensierend der Zeitschrift treu. Bis zum 23. September 2020, als sein Herz aufhörte zu schlagen. Ein knapper Monat fehlte zur Vollendung seines 64. Lebensjahres. Walter lernte ich 1984 bei einem Michel-Redaktionstreffen kennen. Als ich bald darauf zum Layout-Team stieß und die Umbruchwochenenden kamen, wuchs eine Freundschaft, die auch anhielt, als ich jahrelang nicht mehr Aktiver beim Folk-Michel und seinen Fortfolgenden war. Wir haben uns zumeist einmal im Jahr gesehen. Das waren Wochenenden voller Musikhören, Gespräche, Lachen. Und jedes Mal, wenn ich sonntagsnachmittags nach Hause fuhr, war ich voller Eindrücke, Inspirationen und Wünsche nach mehr Musik.
Walters musikalischer Horizont wuchs mit seinen Lebensjahren. Vom Progrock der späten Sechziger und frühen Siebziger landete er bald beim Jazz, liebte aber dann genauso Folkmusik, besonders die deutschsprachige. Später sog er fernöstliche Klänge ein und fühlte sich wohl „zwischen den Stilen“, wie eine Kolumne von ihm hieß. Seine Zuneigung spiegelte sich in seiner Plattensammlung. Überhaupt: Was Walter bei seinem Job im Arbeitsamt Aachen verdiente, floss zu einem beträchtlichen Teil in LPs, CDs und Bücher. Immer blieben seine Ohren offen für neue Entwicklungen. Wenn er sich einem Musikstil widmete, dann intensiv. Und wenn er meinte, das Genre erfasst zu haben, kam das nächste dran.
Durch Walter habe ich viel erfahren, etwa vom Projekt „Will The Circle Be Unbroken“ der Nitty Gritty Dirt Band, vom Paul Bley Quartet und Glenn Goulds Einspielung der Fünften Beethovens. Sein musikalischer Horizont schien unendlich weit. Erfreulicherweise verlor er bisweilen aufgrund der Menge an Tonträgern den Überblick, und ich kam in den Genuss versehentlich doppelt gekaufter Platten.
Sein Urteilsvermögen fußte auf tief reichender Beschäftigung mit diesem Kosmos aus Musik und jahrzehntelanger Hörerfahrung. Deswegen konnte ihm auch kein Hype den Blick verstellen: Walter hatte in seinem Leben genug Musik gehört, um sich unabhängig eine profunde Meinung bilden zu können. Auf seine Kritiken müssen wir nun verzichten, auf seine Expertise und seinen Humor. Von ihm stammt eine meiner Lieblingsanekdoten. Da kam ein Arbeitskollege montags zu ihm und sagte mit Aachener Zungenschlag: „Meine Tochter hat sich am Wochenende ’nen Hund gekauft, ’nen Golden Receiver.“ Und Walter korrigierte ihn nicht etwa, sondern fragte nach: „Von Onkyo oder von Sony?“ So war er. Ich vermisse ihn schon jetzt, und zwar sehr.

Radiotipp: Mike Kamp wird in seiner letzten Folker-Radiosendung auf Byte FM am 8. November 2020 Walter gedenken, ihn würdigen und ein wenig in Erinnerungen schwelgen: Byte FM Mixtape, 8.11.2020, 23.00 Uhr.

Volker Dick



 Colin Wilkie * Foto: Ingo Nordhofen

COLIN WILKIE


9.5.1934, London, UK,
bis 18.10.2020, Pfaffenhofen/Zabergäu, Deutschland


An Gestern und Morgen verschwendete er kaum Gedanken. Für Colin zählte immer nur der Moment, das Hier und Jetzt. Und so betrachteten er und seine Frau und langjährige Partnerin Shirley Hart die traditionellen Lieder ihrer britischen Heimat auch nicht als anachronistische Relikte vergangener Zeiten, sondern als lebendiges Erbe, das es zu bewahren und frisch arrangiert in die Gegenwart zu transportieren gilt. Uns Deutsche fragte er damals manchmal: „Weshalb singt ihr irische und englische Lieder? Das können die Iren und Briten besser. Habt ihr keine eigenen Lieder?“ Recht hatte er. Künstler wie Lonzo Westphal, Achim Reichel, Hein & Oss, Hannes Wader und andere haben das deutsche Volkslied dann entstaubt und wieder singbar gemacht. Colins eigene Lieder sind geprägt von Lebenslust und Fernweh, Wagemut, Freude und Naturnähe und nicht zuletzt von der Sehnsucht nach einem friedlichen Miteinander in Liebe und Achtsamkeit. Sein wohl bekanntester Song war „One More City“, von Hannes Wader einfühlsam ins Deutsche übertragen („Manche Stadt“). Indem sie viele Jahre in ganz Europa als „Wandering Troubadours“, als Straßenmusikanten, unterwegs waren, gingen Colin und Shirley durch die effektivste und härteste Schule, die es für Folkmusiker überhaupt geben kann. Mitte der Sechzigerjahre landeten sie im Württembergischen Staatstheater, wo sie mit ihren Liedern eine gefeierte Schauspielinszenierung bereicherten. Die Auftrittsmöglichkeiten waren hierzulande damals so gut, dass Colin und Shirley ihren Lebensmittelpunkt ganz nach Deutschland verlegten. Auf den Waldeck-Festivals beeindruckten sie ab 1965 durch ihre außergewöhnlichen Gesangsqualitäten und vor allem durch Colins Fingerpickingstil, der in der Folgezeit großen Einfluss auf die gesamte deutsche Folkszene hatte, die in ihren Anfängen stark von der französischen Chansontradition geprägt gewesen war und nun erstmalig mit angloamerikanischen Folkklängen konfrontiert wurde. Ein wichtiges Element für Colins eindrucksvolle Bühnenpräsenz war sein typisch britischer Humor, der das Publikum immer wieder zu Lachsalven hinriss und im Verbund mit seiner exzellenten Musik jedes Liederkonzert zu einem unvergesslichen Erlebnis werden ließ. Bei persönlichen Begegnungen mit Colin (Venner Folk Frühling, Liederfest Burg Waldeck) erfreute er mich jedes Mal aufs Neue mit seiner Herzlichkeit, seiner Offenheit und seinem großen Interesse an Menschen. Gute Reise, lieber Colin, und komm gut an.

Kai Engelke



Mohammad Reza Shajarianl * Foto: Ali Rafiei, Wikipedia

MOHAMMAD REZA SHAJARIAN


23.9.1940, Mashhad, Iran
bis 8.10.2020, Teheran, Iran


Als sich in der zweiten Februarhälfte 2020 die vorschnelle Meldung vom Tod des zuvor schwer erkrankten Sängers in Teheran verbreitete, sangen Hunderte seiner Anhänger vor dem Krankenhaus „Iran, Ey Saraye Omid“ („Iran, Land der Hoffnung“) – ein hymnisches Lied, das ihn nach der Islamischen Revolution im Jahr 1979 bekannt gemacht hatte, als die meisten Iraner an eine Wende zum Besseren glaubten. Shajarians Sohn, Homayoun, musste mit den behandelnden Ärzten vor die Menge treten und die Falschmeldung dementieren. Es ist zu vermuten, dass dies auch auf politischen Druck passierte, denn es war der Tag der von vielen Iranern boykottierten Parlamentswahl, und die Staatsführung befürchtete, dass sich die Trauer um den beliebten Sänger in Wut verwandeln und in Demonstrationen gegen das marode Regime manifestieren könnte. Die Episode macht nicht nur deutlich, wie eng Kunst und Politik im Iran miteinander verzahnt sind, sondern auch, wie viel Wertschätzung Iraner ihren Künstlern entgegenbringen. Mohammad Reza Shajarian hat sich die nicht nur mit seiner unverwechselbaren Stimme und seiner häufig in virtuosen Tahrir-Improvisationen mündenden Gesangstechnik erworben, sondern auch mit seiner politischen Haltung, die er im Rahmen des im Iran Möglichen vertreten hat. Unvergessen bleibt für viele Iraner, wie er während der Proteste gegen die mutmaßlichen Wahlfälschungen im Jahr 2009 dem staatlichen iranischen Rundfunk die Nutzung seiner Hymne aus der Revolutionszeit untersagte. Am 8. Oktober starb Mohammad Reza Shajarian, der Großmeister des traditionellen iranischen Gesangs, im Alter von achtzig Jahren. Zwei Tage später wurde er neben dem Grab des persischen Dichterfürsten Ferdowsi in Tus, nahe seiner Geburtsstadt Mashhad beigesetzt.

Bernd G. Schmitz



Kieran Halpin * Foto: Promo

KIERAN HALPIN


4.6.1955, Drogheda, Irland,
bis 5.10.2020, Truchtlaching, Deutschland


Der kosmopolitische Ire mit der markanten, unverkennbaren Stimme und den charakteristischen Liedern hat die alte, zerspielte Gitarre niedergelegt und sich selbst zur Ruhe. Zu früh, möchte man ausrufen, aber nicht auszuschließen, dass fast fünfzig Jahre mehr oder weniger rastloses Unterwegssein ihren Tribut forderten. Ich erinnere mich gut, wie Kieran vor einigen Jahren vor seinem Konzert in unserem Wohnzimmer neben mir auf der Terrasse saß, vor sich das obligatorische Glas Weißwein, während wir uns für einen Artikel in dieser Zeitschrift (Folker 5/2013) über seine Karriere unterhielten. Anschließend schnappte er sich sein Album Crystal Ball Gazing aus dem Plattenschrank, zog sich zurück und übte noch einmal „Real Country Boy“, einen seiner Klassiker der Neunziger, den er seit Ewigkeiten nicht mehr gespielt hatte und an diesem Abend mir zuliebe sang. In ebendiesen Neunzigern, als wir noch junge Spunde waren und er schon längst ein mit vielen Wassern gewaschener alter Hase, bat er uns während eines Konzerts ein Auge auf seine CDs zu haben, die er hinterher zum Kauf anbieten wollte – was waren wir stolz. Schon damals kannte Kieran Halpin die Straßen und Folkclubs von Dublin, Amsterdam und London bis Oslo, Kopenhagen, Korfu und Montreal, hatte mit Leuten gespielt wie Davy Spillane, Manus Lunny oder Maartin Allcock. Später kamen Weggefährten wie Chris Jones, Yogi Jockusch oder Christoph Schellhorn hinzu. Kieran Halpin hinterlässt ein Lebenswerk bestehend aus siebzehn Studio- und drei Livealben, einer EP und einer Live-DVD sowie drei Songbüchern mit Notationen zu insgesamt 133 seiner Songs. Beste Voraussetzungen dafür, dass die Lieder dieses wahren Songpoeten fortleben werden im Repertoire von Kolleginnen und Kollegen, aber auch zahlreicher Hobbymusikerinnen und -musiker, denen seine lebenserfahrenen Lieder etwas bedeuten. Bereits zu Lebzeiten wurde er vielfach gecovert, etwa von Dolores Keane, der Battlefield Band oder Geraldine MacGowan. Am 5. Oktober 2020 ist Kieran Halpin gestorben, in Deutschland, seiner zweiten Heimat – kaum ein Land, in dem er häufiger zu Gast war, hier nahm er 2017 im Studio des Reinhard-Mey-Produzenten Manfred Leuchter sein letztes Album Doll auf und hier lebte er zuletzt. Seine Freundinnen und Freunde sowie die seiner wundervollen Musik, mich eingeschlossen, werden ihn schmerzlich vermissen, hier und überall.

Stefan Backes



Matthias Wagner * Foto: Dorothee Philipp

MATTHIAS WAGNER


4.1.1952, Sonthofen,
bis 26.9.2020, Badenweiler-Schweighof 


Er hat die musikalische Hochkultur der ganzen arabischen Welt ins Markgräfler Land gebracht. Seit 2010 gaben sich bei seiner Orientalischen Musik-Sommerakademie Meister von Algier bis Aleppo die Klinke in die Hand. Nach schwerer Krankheit ist Matthias Wagner nun mit 68 Jahren gestorben. Eigentlich war Wagner Instrumentenbauer, durch seine Arbeit in arabischen Ländern kam er in Kontakt mit den größten Solisten auf der Laute Oud. Als die negativen Schlagzeilen über arabische Länder bei uns überhandnahmen, reifte die Idee für seine Orientalische Musik-Sommerakademie, mit der er die wahre Seite dieser Kultur zeigen wollte. Dabei fuhr Wagner von Beginn an zweigleisig. Er bot den Musikern eine Konzertbühne und schuf zugleich die Möglichkeit, dass sie ihre Kenntnisse an hiesige Schüler vermittelten – auf der Oud, der Flöte Ney, dem Hackbrett Kanun, der Kniegeige Djoze oder auf Percussioninstrumenten. Ab 2014 fand die Sommerakademie ihren festen Platz in Sulzburg und erlangte internationalen Ruf. Dabei war es Wagner immer ein Anliegen, die Kunstmusik Algeriens, Tunesiens, Syriens, Ägyptens und des Irak mit der abendländischen Klassik in Dialog treten zu lassen. Das Resultat waren musikalisch erstklassige und berührende Abendkonzerte, die lange im Gedächtnis blieben. Mit einem kleinen Team stemmte Wagner bis 2018 die Mammutaufgabe mit großem Engagement. Sein Festivalmotto „Die Menschen sind die Feinde dessen, was sie nicht kennen“ ist aktueller denn je. Mit ihm geht einer der großen Vermittler unserer Region zwischen Orient und Okzident.

Stefan Franzen



Juliette Gréco * Foto: Manfred Werner (Tsui), Wikipedia

JULIETTE GRÉCO


7.2.1927, Montpellier, Frankreich,
bis 23.9.2020, Ramatuelle, Frankreich


Als Grande Dame de la Chanson kannte sie alle Welt. Zeitlebens interpretierte Juliette Gréco Geschichten – und schrieb Geschichte. Ihre Mutter, eine Widerstandskämpferin, und ihre Schwester überlebten das KZ Ravensbrück. Nach dem Krieg blieb die gebürtige Südfranzösin in Paris, wo sie mit neunzehn Jahren einen Club, das Tabou, führte, in dem Legenden ein- und ausgingen, unter anderem Marlene Dietrich, Simone de Beauvoir, Boris Vian, Miles Davis und Jean-Paul Sartre. Der erkannte ihr Talent und eröffnete ihre Karriere als Chansonnette, indem er sie zwei seiner Gedichte auswählen und interpretieren ließ. Seit 1949 trat Gréco damit erfolgreich auf, und weitere Dichter und Intellektuelle schrieben für sie, etwa Albert Camus oder Françoise Sagan, wodurch sie sich deutlich politisch positionierte. Sie wurde zur Muse der Existenzialisten. Die schwarze Kleidung dieser Szene bevorzugte Juliette Gréco ihr Leben lang. Bereits 1952 ging sie in den USA und Brasilien auf Tournee. Parallel dazu machte sie sich als Schauspielerin einen Namen. Schon bald förderte sie andere Künstler, indem sie deren Werke auf die Bühne brachte, legendär ist „La Javanaise“ von Serge Gainsbourg. Trotz ihres distanzierten Verhältnisses zu Deutschland sang Juliette Gréco dort 1959. 2005 nahm sie sogar ein Album auf, auf dem sie sieben Lieder auf Deutsch sang (Abendlied). Ihre Kunst lebte sie leidenschaftlich bis ins hohe Alter. Erst 2015, mit 88 Jahren, ging sie auf Abschiedstournee, auch in Deutschland. Drei Ehen schloss sie, auf die zweite mit Michel Piccoli folgte die mit ihrem Pianisten Gérard Jouannest. Trotz ihrer Bedeutung als „linke“ Interpretin und ihres Beinamens „Grande Dame“ sah Juliette Gréco sich selbst eher als Kind, stets unvoreingenommen und offen für Neues. Vielleicht ist das ein Grund für ihre ausgeprägte Vitalität, die sie bis zuletzt ausstrahlte. Gréco starb mit 93 Jahren am 23. September in Ramatuelle in der Provence.

Imke Staats



Willy Schwenken * Foto: privat

WILLY SCHWENKEN


7.2.1934, Coesfeld,
bis 21.9.2020, Nottuln


Wir schreiben das Jahr 1976. Ich hatte an einem Samstag in der Fußgängerzone in Moers gespielt. Am Sonntag danach: Matinee in der Kulturhalle Neukirchen-Vluyn mit einem Bluesduo. Ein Musiker war erkrankt, ich durfte einspringen – der Veranstalter hatte mich am Samstag gehört. Ich spiele fünfzig Minuten plattdeutsche Lieder. Danach kam Willy Schwenken zu mir und fragte mich, ob ich nicht eine LP für sein Plattenlabel Autogram Records (das er bereits 1959 gegründet hatte) machen wolle. Zwei Wochen später saß ich in seinem Wohnzimmer vor der berühmten Zwei-Spur-Revox-Bandmaschine, zwei Mikros davor – ab ging’s. An derselben Stelle hatten immerhin schon die richtungsweisende Deutschfolkband Fiedel Michel, der Bluessänger und Singer/Songwriter Gerry Lockran und viele andere gestanden! Eine Sternstunde für Autogram Records und Willy Schwenken war das im Folkclub Harsewinkelgasse in Münster live aufgenommene Album mit sämtlichen „Hits“ des schottisch-australischen Singer/Songwriters Eric Bogle. Eine wichtige Rolle für die Entwicklung der deutschen Folkszene spielte auch das unvergessliche Interfolk-Festival, das Willy von 1969 bis 1982 im Haus der Jugend in Osnabrück organisierte. Wer hat dort nicht alles gespielt: Die Sands Family, Archie Fisher, Gerry Lockran, Hamish Imlach, Iain MacKintosh. Und dann, ab circa 1973, fand dort immer mehr Deutschfolk statt. So erhielten Fiedel Michel dort zum Beispiel 1973 den Preis für Deutsche Folklore. Ich spielte dort 1978 mein Lied „Ich bin ein freier Mann und singe“. Willys Schwenkens Verdienste für die Folkszene sind nicht hoch genug einzuschätzen. Jetzt baut er seine Revox auf Wolke sieben auf und nimmt mit Hamish & Iain himmlische Gesänge auf. Mach’s gut Willy.

Günter Gall



Mory Kanté * Foto: Aboubacarkhoraa, Wikipedia

MORY KANTÉ


29.3.1950, Albadaria (bei Kissidougou), Guinea,
bis 22.5.2020, Conakry, Guinea


An ihm schieden sich die Geister: Die Afropop-Traditionalisten nahmen ihm den lockeren Umgang mit der Musikkultur seines Volkes, der Malinke, übel, seine Landsleute hingegen waren (und sind weiterhin) stolz, dass einer der ihren so erfolgreich die internationale Musikszene hatte aufmischen können. Kanté entstammte einer angesehenen Griotfamilie, wurde vom siebten Lebensjahr an von einer in Mali lebenden Tante in die Geheimnisse der Erzähl- und Sangeskünste eingeführt. Sein erstes Instrument war noch nicht die Kora, sondern die Gitarre. Ende der Sechzigerjahre gehörte Kanté diversen malischen Tanzmusikgruppen an, trat dann als Balafonspieler der legendären Rail Band aus Bamako bei, deren Sänger damals Salif Keita war. Als der 1973 ausstieg, sprang Kanté ersatzweise, ab 1975 fest als Leadsänger ein. 1977 startete er in Abidjan seine Solokarriere – der tanzbare Mix aus Mandinge-Pop, Salsa und Funk kam vor allem auch in Paris gut an. Bereits in jener Zeit gehörte die traditionelle Mandinge-Ballade „Yé Ké Yé Ké“ zu seinem Repertoire. Für das Album Akwaba Beach (1987) arrangierte Kanté sie neu, mit flotterem Tempo und erhöhter Dynamik, und schon stürmte der Song die Charts. Als Urheber hatte er ungeniert seinen Namen angegeben! Er blieb als Solokünstler und Sessionmusiker (unter anderem für Peter Gabriel, Talking Heads, Touré Kunda) weiter aktiv, engagierte sich für karitative Projekte, hielt Vorträge über Musik und Kultur für die UN und gründete ein Zentrum, das sich dem Erhalt und der Erforschung der Mandinge-Kultur widmet. Nach langer schwerer Krankheit ist der „electric griot“ nun gestorben.

Roland Schmitt



Topsy Frankl * Foto: Promo

GUNNEL „TOPSY“ FRANKL


20.10.1926, Stockholm, Schweden,
bis 28.5.2020, Stockholm, Schweden


Hai & Topsy Frankl waren über Jahrzehnte fester und gleichermaßen wichtiger Bestandteil der bundesdeutschen Folkszene. Ihre Spezialität waren traditionelle jiddische Lieder, die sie authentisch und überzeugend interpretierten. Aber auch die prall-deftigen Gesänge des schwedischen Nationalpoeten Carl Michael Bellman hatten es ihnen angetan, ebenso wie die Lieder ihres Freundes, des Schriftstellers und Liederautors Werner Helwig. Darüber hinaus veröffentlichten sie zahlreiche Tonträger mit schwedischer beziehungsweise internationaler Folklore sowie zwei Bücher mit jiddischen Liedern. Topsy lernte ihren Mann und langjährigen künstlerischen Partner Hai, dessen Eltern wegen ihres jüdischen Glaubens von den Nazis ermordet wurden, während des gemeinsamen Studiums an der Kunstgewerbeschule Stockholm kennen und lieben. Während der Jahre 1964 bis 1966 nahmen sie an den ersten drei Burg-Waldeck-Festivals teil und gingen seither regelmäßig in Deutschland auf Konzerttournee. Der Burg Waldeck blieben sie bis zuletzt freundschaftlich verbunden. Topsy (bürgerlich Gunnel Frankl, geb. Wahlström) lebte seit Hais Tod 2016 in einem Altenheim, wo sie – wie Tochter Anna-Sofi mitteilte – am 28. Mai friedlich einschlief.

Kai Engelke



Uta Pilling * Foto: Ingo Nordhofe

UTA PILLING


1.11.1948, Westerhaus,
bis 8.6.2020, Leipzig


Alles, was sie tat, tat sie mit großer Überzeugung und ohne Kompromisse. Sie war Mutter, Malerin, Musikantin, Muse und (Akt-)Modell. Sie vertrat ihre Einsichten und Meinungen leidenschaftlich und konsequent, auch wenn es ihr zum Nachteil gereichte. Sie beherrschte eine inzwischen selten gewordene Kunst: Sie konnte zuhören, sich hinwenden, sich in andere Menschen hineinversetzen. Uta Pilling war ein empathischer Mensch von aufrichtiger Haltung. Ihre fünf Kinder zog sie alleine groß, arbeitete als Malerin und Zeichnerin, bevor sie sich – nicht zuletzt durch die enge Partnerschaft mit dem Leipziger Chansonnier Jens-Paul Wollenberg – aktiv der Musik zuwandte. Sie schrieb und sang ihre eigenen Lieder, wobei sie sich selbst auf dem Bajan begleitete. In Leipzig war sie als Straßenmusikantin viele Jahre fester Bestandteil des Stadtbildes. Nicht nur die Leipziger werden sie vermissen.

Kai Engelke



Balla Sidibé * Foto: Youri Lenquette

BALLA SIDIBÉ


1942, Sédhiou, Senegal,
bis 29.7.2020, Dakar, Senegal


Noch einen Tag vor seinem Tod probte er mit dem Orchestra Babobab für das Konzert zum fünfzigsten Geburtstag dieser legendären Band, mit der auch sein eigener künstlerischer Aufstieg begann. Aufgewachsen in der Casamance, der stets vernachlässigten Südregion Senegals, gab Sidibé im Unabhängigkeitsjahr 1960 seinen Polizistenjob auf und ging nach Dakar, um als Percussionist und Sänger zu arbeiten. In der Hausband des Club Baobab stieß er auf Kollegen, mit denen er 1970 das nach dem Club benannte Orchester gründete. Stilistisch war es stark von kubanischer Musik beeinflusst, die seit den Vierzigerjahren überall in Westafrika große Popularität genoss. Balla Sidibé schrieb viele Songs für die Band und tourte mit ihr um die Welt. In den letzten Jahren verlor das Orchestra Baobab einige seiner Gründungsmitglieder. Um die Tradition nicht abreißen zu lassen, wurde Balla Sidibé zum Lehrmeister einer neuen Generation von Bandmitgliedern, denn wie er in einem Interview sagte: „Ein Baobab stirbt nie. Selbst wenn er vertrocknet, bildet er neue Schößlinge und wird wiedergeboren.“

Wolfgang König



René Zosso * Foto: Marc Anthony

RENÉ ZOSSO


1935 in Genf, Schweiz,
bis 31.7.2020 in Genf, Schweiz


Der Sänger, Drehleierspieler, Geschichtenerzähler und Lehrer lernte die Drehleier zu Beginn der Sechzigerjahre kennen. Zosso setzte sie nicht, wie damals üblich, als Folkloreinstrument ein, sondern hatte von Anfang an einen völlig anderen Ansatz. Als Mediävist interessierte er sich vor allem für Texte und fand in den Bordunen der Drehleier eine perfekte Begleitung für seine Stimme, ergänzt durch modale Melodien. Im Jahr 1967 trat René Zosso beim Waldeck-Festival im Hunsrück auf. Unter den Zuhörern war ein junger Kurt Reichmann, der zum ersten Mal eine Drehleier hörte und bald darauf begann, eigene Leiern zu bauen. Diese Begegnung war entscheidend für die europäische Wiederbelebung des Instruments in den Siebzigerjahren. Fast fünfzig Jahre lang bildete Zosso mit seiner Lebensgefährtin Anne Osnowycz (Epinette) ein musikalisches Duo. Zusammen spielten sie mehrere LPs ein. Im Laufe der Jahre unternahm Zosso sporadische Ausflüge in die traditionelle Musik, die Barockmusik (Vivaldis Il Pastor Fido) und zur elektroakustischen Musik. Mit dem Clemencic Consort nahm er einen großen Teil der zweihundert mittelalterlichen Gedichte der Carmina Burana auf. Mit den zahlreichen Ensembles Jordi Savalls arbeitete er an einer Vielzahl von Produktionen. In beiden Fällen war er als Sänger mehr gefragt denn als Drehleierspieler oder, besser noch, als Geschichtenerzähler, der mit seiner sonoren, klangvollen Stimme für alle Rezitative und andere Erzählpassagen sorgte.

René Meeuws



Waldemar Bastos * Foto: Jorge Vismara

WALDEMAR BASTOS


4.1.1954, Mbanza-Kongo, Angola,
bis 9.8.2020, Lissabon, Portugal


„Ich habe immer an ein besseres Leben geglaubt. Dafür lohnt es sich zu kämpfen.“ Die Familie Bastos lebte neben einer Leichenhalle. Immer, wenn eine Person starb, begleiteten sie die Trauernden mit Gesang und Tanz auf die letzte Reise. Das hat den kleinen Waldemar geprägt. Der Vater schenkte dem Sechsjährigen seine erste Gitarre. Als Teenager spielte er Tanzmusik, die er bald mit eigenen Liedern ergänzte. Deren Kritik an der portugiesischen Kolonialregierung führte zu ersten Verhaftungen. Des anhaltenden Bürgerkriegs überdrüssig, ging er 1982 ins Exil. Sechzehn Jahre später spielte der Liedermacher für David Byrnes Luaka-Bop-Label das Album Pretaluz ein, wofür er mit dem World Music Award ausgezeichnet wurde. Zwei Jahre später durfte er bei einer Gedenkfeier zum Tod von Amália Rodrigues als einziger Nichtfadista für die Königin des Fado singen. 2018 verlieh ihm die angolanische Regierung den Kulturpreis für sein Lebenswerk. Seinen letzten Kampf, den gegen den Krebs, hat er verloren. Seine samtweiche Stimme wird fehlen.

Martin Steiner



Herbert Krienzer * Foto: Ulrike Rauch

HERBERT KRIENZER


1.1.1967, Södingberg, Österreich,
bis 11.7.2020, Badegg, Österreich


Hauptschullehrer, Musikant und Biologe, freiberuflicher Mitarbeiter, Referent und Vereinsbeirat des Steirischen Volksliedwerkes