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»Ich könnte eine Opernarie singen und die Leute würden ‚New Cumbia‘ kreischen.«
Lido Pimienta * Foto: Ruthie Titus

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Aktuelles Album:

Miss Colombia
(ANTI-/Indigo, 2020)


Cover Miss Colombia


Lido Pimienta

Dann kriegt ihr eben Cumbia!

Lido Pimienta ist ein Energiebündel, deren Zöpfe so lang sind, dass sie auf dem Boden schleifen. Die kolumbianische Sängerin, die für ihr zweites Album La Papessa vor drei Jahren den prestigeträchtigen Polaris-Preis für das beste kanadische Album des Jahres in ihrer Wahlheimat verliehen bekam, kehrt auf ihrem dritten Album, Miss Colombia, vermeintlich zur Tradition zurück.

Text: Rolf Thomas

„Der Titel ist ein Wortspiel, weil ich Kolumbien vermisse“, erklärt Lido Pimienta. „Es reflektiert aber auch die Tatsache, dass jemand wie ich niemals zur Miss Colombia gewählt werden würde. Das geht auf eine in Kolumbien berühmte Geschichte zurück, weil der Moderator Steve Harvey 2015 bei der Wahl zur Miss Universe zunächst Miss Colombia als Gewinnerin ausrief, bevor er sagte, einen Fehler gemacht zu haben und den Titel dann an das Mädchen von den Philippinen vergab. Für die Menschen in Kolumbien fühlte sich das so an, als ob Steve Harvey und damit die USA ihnen den Krieg erklärt hätten. Ich habe es wirklich niemals zuvor erlebt, dass Kolumbianer in ihrer Wut über so eine dumme Sache vereint waren. Dumm ist das vor allem, wenn man bedenkt, dass in Kolumbien täglich Kinder sterben, weil sie keinen Zugang zu fließendem Wasser haben – darüber sollten sich die Leute aufregen. Stattdessen fordern sie ‚Gerechtigkeit für Kolumbien‘ wegen einer dämlichen Krone für eine Schönheitskönigin. Ich frage mich bei solchen Gelegenheiten natürlich auch, ob ich überhaupt noch Kolumbianerin bin, denn ich lebe seit zehn Jahren in Kanada. Habe ich überhaupt noch dieselbe Gefühlslage wie andere Kolumbianer, die nicht weggegangen sind? Bin ich stolz darauf, aus Kolumbien zu kommen? All diese Fragen beschäftigen mich, wenn ich mitkriege, wie dann zum Beispiel diese arme Philippinin rassistisch beleidigt wird. Daran merkt man, dass wir immer noch eine Kolonie sind. Wir spüren immer noch so viel spanisches Blut in uns, und das wird sich wahrscheinlich in den nächsten zwei- bis dreihundert Jahren auch nicht ändern, bevor wir uns akzeptieren als die wilde Mischung aus Schwarzen und Indigenen, die wir eigentlich sind. Das Album ist also auch ein Liebesbrief an mein Land, aber es ist ein zynisches Liebeslied.“

Pimienta, die eigentlich Elektropop macht, hat mit Identitätsproblemen zu kämpfen, die sie gleich im Auftaktsong zum Thema macht. „‚Para Transcribir‘ beschreibt einen Transformationsprozess“, erläutert die Sängerin mit dem scharfen Sopran. „Wenn man beispielsweise an einen schönen Strand in Kolumbien kommt, bedenkt man nicht, was die Gegend für die Leute bedeutet hat, die vorher hier gelebt haben, bevor sie wegen eines Hotelbaus umgesiedelt wurden. Ich versuche also, diese Informationen zu geben oder mich meiner eigenen Geschichte zu versichern. Das führt auch dazu, dass ich mit meiner eigenen Realität besser zurechtkomme, wenn ich mir klarmache, was mich hierhin geführt hat. Ich muss nicht unbedingt so tun, als ob ich glücklich sei. Es ist immer auch ein bisschen schwer für mich zu akzeptieren, dass es mir gefällt, in Kanada zu leben. Wenn ich heute ein- oder zweimal im Jahr nach Kolumbien komme, fühle ich mich wie eine Fremde.“

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