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Rolly Brings * Foto: Foto: Privatarchiv R. Brings

Resonanzboden
— Gedanken zur Zeit

Gastspiel





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Autoreninfo:


Rolly Brings und Thomas Felder:

Rolly Brings ist ein Kölner Liedermacher. 2012 erhielt er den Preis der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit für seinen Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung. rollybrings.de

Thomas Felder ist Mundartdichter und Liedermacher, der für seine zeit- und gesellschaftskritischen Texte in schwäbischem Dialekt bekannt ist. Für mehrere seiner Alben erhielt er den Preis der deutschen Schallplattenkritik. thomas-felder.de


Musik und Tanz kennen keine Grenze

Kultur als Chance bei politisch verhärteten Fronten

In Folker 5/2019 erschien an dieser Stelle ein Artikel zum Thema „Kulturboykott“, in dem zwei Vertreter der palästinensischen Bewegung Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen (BDS) zu Wort kamen. Weil dieses Thema kontrovers ist, haben wir beschlossen, zwei weitere Stellungnahmen einzuholen.        

Text: Rolly Brings und Thomas Felder

Ich bin kein Experte...

Im Gespräch mit zwei Freunden aus Tel Aviv-Jaffa und Bethlehem sagten mir der Israeli und der Palästinenser fast gleichlautend: „Seit Jahren bemühen sich Frauen und Männer in Israel und Palästina um einen sozial-gerechten Ausgleich und Frieden. Bislang werden diese Bemühungen von den Regierungen beider Länder – und etlichen anderen Kräften und Mächten torpediert – und zeigen kaum Erfolg. Unter denen, die für ein friedliches Zusammenleben eintreten, sind auch Menschen, die sich der Kunst, der Musik, dem Theater und der Literatur verschrieben haben. Leider haben sich die Beziehungen zwischen Israel und Palästina nicht entspannt – im Gegenteil. Manchmal sind wir sehr ratlos – und entmutigt. Aber wenn wir hier in Köln und anderswo mit Deutschen sprechen, erleben wir, dass etliche von ihnen zu ‚Experten‘ mutieren: Sie wissen ganz genau, was wir Israelis und Palästinenser tun müssen, um endlich Frieden zu haben.“
Ich bin kein Experte. Ich bin auch nicht klüger als Daniel Barenboim und sein 1999 gegründetes Orchester des West-östlichen Divans – aber ich finde es gut und richtig, was diese Musiker tun. Sollte mich eine Organisation einladen, die Musiker aus Israel – oder aus Palästina – boykottiert, so würde ich diese Einladung ablehnen, denn ich lasse mich vor niemandes Karren spannen. Ich würde Musikern aus Israel und Palästina aber gerne zuhören, wie sie spielen und tanzen – gemeinsam auf einer Bühne vor dem Publikum aus aller Welt. Da wäre ich dabei.

Rolly Brings


Es gibt Wichtigeres, als sich gegenseitig anzufeinden

Das Thema „BDS – Kulturboykott gegen Israel“, den einzigen angeblich demokratischen Rechtsstaat mit Meinungs- und Religionsfreiheit im Nahen Osten, ist ein heikles. Diesen Staat gilt es mit aller Kraft zu schützen und in seinem hohen Anspruch zu stärken. Wenn dieser Staat aber gegen das Völkerrecht benachbartes Territorium besetzt und die Rechte dort lebender Menschen massiv einschränkt, haben wir die Pflicht, den dafür verantwortlichen Politikern die Grenzen zu zeigen. Der Versuch, auf unserem schlechten deutschen Gewissen Klavier zu spielen, macht nicht bloß schlechte Musik. Mit der inflationären Begriffsverwirrung in puncto Antisemitismus wird die jüdische Religion für machtpolitische Zwecke missbraucht und der tatsächlich vorhandene Antisemitismus verharmlost. Mit Kultur hat dies nichts zu tun, ich nenne es „Zyanismus“. Solange Produkte aus besetzten Gebieten mit dem Etikett „aus Israel“ verkauft werden, halte ich kluge, gewaltfreie Boykottaktionen für durchaus legitim. Der absurde Vergleich mit dem Aufruf der Nazis „Kauft nicht bei Juden!“ ist gezielter Bestandteil oben genannter Begriffsverwirrung.
Doch es gibt Wichtigeres zu tun, als sich gegenseitig anzufeinden. Wir kulturschaffenden Künstlerinnen und Künstler haben das Privileg, Licht und Klarheit in den Schlamassel hineinzutragen. Jedes Lied mit wahrhaftiger Aussage hat mehr Sprengkraft als die Atombomben im Negev und anderswo. Musik und Tanz kennen keine Grenze. Vor fast fünfzig Jahren wurde ich mit einer Gruppe Jugendlicher zu einem Art-Camp nach Jerusalem eingeladen. Hier durfte ich mein erstes eigenes Lied in ein Rundfunkmikrofon singen: „Much To Do“. Jahrzehnte später erhielt ich den Auftrag, einem hebräischen Buch die deutsche Sprache einzuhauchen; für meine selbst gebaute Gedenkstätte auf einem jüdischen Friedhof erhielt ich ein Dankschreiben von Yad Vashem. Eine Nakba-Ausstellung zum Gedenken an die palästinensische Katastrophe im Zuge der israelischen Staatsgründung eröffnete ich mit dem Lied „’s brennt“ von Mordechai Gebirtig, dem 1942 im Krakauer Getto ermordeten Liedermacherkollegen. Mein Auftritt wurde mit giftigen Briefen aus dem „zyanistischen“ Lager quittiert; ebenso meine Solidarität mit dem Verein Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost. Die Fronten des Konflikts sind verhärtet, aber es brodelt eine mächtige Energie in der Mitte, die nach Kultur lechzt. Da hinein richte ich meinen Gesang. Wer sich ernsthaft mit Israel befasst, kommt um Palästina nicht herum und landet zwangsläufig zwischen allen Stühlen. Als Deutsche können wir in Israel schlecht die politischen Lehrmeister spielen. Aber als Kulturbotschafter sind wir bei den meisten Israelis herzlich willkommen. Und diese Chance gilt es zu nutzen, nicht zu boykottieren!

Thomas Felder

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Dies ist eine Kolumne. Für die Inhalte der hier veröffentlichten Texte sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Diese Inhalte spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.
Thomas Felder * Foto: Rs-foto, Wikipedia