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Backkatalog   Ausgabe Nr. 1/2018   Internetartikel
 

Folker-Halbmast



Eamonn Campbell * Foto: Marielle de Vries

EAMONN CAMPBELL


29.11.1946, Drogheda, Irland,
bis 18.10.2017, Dublin, Irland


Im Herbst 2017 wollte er mit den Dublin Legends in Deutschland wieder auf Tour gehen, aber das Schicksal hatte andere Pläne. Am 18. Oktober verstarb der irische Folkmusiker Eamonn Campbell siebzigjährig nach einer kurzen Erkrankung. 25 Jahre, von 1987 bis zu deren Auflösung 2012, gehörte er den Dubliners an. Danach hätte er sich getrost in den Ruhestand zurückziehen können, doch das kam für ihn nicht infrage. Mit weiteren Ex-Dubliners ging Campbell fortan als The Dublin Legends auf Tour und erfreute seine Fangemeinde weiterhin mit Gitarre, Mandoline und Gesang. Eamonn war wohl das, was man einen Vollblutmusiker nennt. Er hat die gesamte Schule musikalischen Schaffens durchlaufen, vom Musizieren in den Irish Pubs dieser Welt bis hin zu Auftritten bei großen Fernsehshows. Weit weniger bekannt ist, dass der Mann mit der weißen Mähne auch ein gefragter und geschätzter Musikproduzent war. Eine seiner herausragendsten Produktionen war das 25-Years-Celebration-Album der Dubliners. Es war damals seine Idee gewesen, die Pogues als Gastband einzubeziehen – unvergessen die Gemeinschaftsperformance beider Gruppen bei „The Irish Rover“. Gewiss hätte der Vagabund in Sachen irische Musik gerne noch viele Jahre auf den Bühnen dieser Welt gestanden, doch hat er diese nun leider endgültig verlassen. In aller Ruhe kann er jetzt ein Pint mit allen Dubliners trinken, die ihm auf der letzten Reise schon vorangegangen sind – mit Barnie, Ronnie, Ciarán, Luke, Bobby und Jim. Sláinte!

Markus Dehm



Thomas Vogel * Foto: Klöpfer & Meyer Verlag

THOMAS VOGEL


11.8.1947, Sindelfingen,
bis 20.10.2017, Tübingen


Auf dem Innenumschlag von Lieder des Thomas Vogel, seiner ersten, 1976 veröffentlichten LP, sieht man ihn auf drei Fotos jeweils im Duett mit Personen, die sein Leben und sein Werk entscheidend mitgeprägt haben: Thomas und Leonard Cohen, der Melancholiker und Minimalist; Thomas und Georges Moustaki, der politisch denkende Poet mit dem langen Atem; Thomas und Herbert Marcuse, einer der philosophischen Väter der internationalen undogmatischen Linken, antiautoritär und/oder hedonistisch. Marcuses persönliche Widmung heißt: „Für Thomas Vogel, den Sänger, dessen Beruf immer wichtiger wird.“ Je weniger Vogel selbst als Liedermacher in Erscheinung trat, desto einflussreicher wurde er als Tübinger SWF/SWR-Redakteur, als Autor, Moderator, Veranstalter – und als Erfinder der bis heute lebendigen Liederbestenliste. Nicht erst seit seinem SWR-Finale 2008 arbeitete der Emsige auch als Honorarprofessor für Rhetorik an der Tübinger Universität und als Herausgeber zahlreicher Bücher. Er schrieb sechs Romane – alle erschienen im Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer. Wie sein Freund, der Verleger Hubert Klöpfer, in einer großen Trauerrede festgehalten hat, war Vogel unter anderem ein Charmeur, ein guter Gastgeber und guter Koch, Genießer, Gärtner, Intensivleser, Filmliebhaber. Dazu ein Familienmensch, ein Kümmerer, ein Sorger. Und ein mediterraner Mensch, wie der Humanist und Existenzialist Albert Camus. Klöpfer wörtlich: „Albert Camus, der Sisyphosversteher, war einer seiner Hausheiligen – und ja, man darf sich, glaub ich, auch Thomas wie Sisyphos als geglückten und glücklichen Menschen vorstellen.“ Am Schluss der Trauerfeier gab es viel Applaus – für den Redner, vor allem aber für den Verstorbenen.

Tom Schroeder



Daniel Viglietti

DANIEL VIGLIETTI


24.7.1939 in Montevideo, Uruguay,
bis 30.10.2017, Montevideo, Uruguay  


Daniel Viglietti war eine der prägenden Figuren des Nueva Canción Lateinamerikas. Zeit seines Lebens träumte er von einem neuen Menschen, der frei und ohne Hunger leben konnte. Im 1968 entstandenen Album Canciones Para El Hombre Nuevo brachte er erstmals diese Hoffnung explizit zum Ausdruck. Mit seiner samtenen, ausdrucksvollen Stimme schaffte er es, das Schlaflied „Duerme Negrito“ genau so eindringlich seinem Publikum näherzubringen wie „A Desalambrar“, seine Kampfansage an die Mächtigen. Diese zeigten ihm 1972 mit seiner Festnahme, was sie von den Liedern hielten. Dank der Intervention prominenter Persönlichkeiten wie Jean-Paul Sartre, François Mitterand, Julio Cortázar oder Oscar Niemeyer wurde er kurz darauf wieder freigelassen. Nach dem Militärputsch in Uruguay 1973 floh Viglietti ins Exil nach Argentinien. Als die Generäle auch dort die Macht ergriffen, zog er nach Frankreich weiter. Nachdem die Militärs hatten abdanken müssen, kehrte er 1984 nach Montevideo zurück, wo er von Tausenden seiner Landsleute empfangen wurde. In Europa hörte man nicht mehr viel von Viglietti, der mit seinem halblangen Haar, den hellen Hemden und dem Sakko bei seinen Auftritten wirkte, als habe er am Morgen noch im Kaffeehaus in Montevideo gesessen. Der Uruguayer war ein begnadeter Liederschreiber und Gitarrist. Daneben zeichnete er sich durch feinfühlige Vertonungen spanischer und lateinamerikanischer Poesie aus. Zusammen mit dem Dichter Mario Benedetti schuf er das Poesie- und Liederalbum A Dos Voces.

Martin Steiner



WILMA MEYER


8.1.1920, in Köln,
bis 7.11.2017, in Köln


In den Neunzigerjahren eroberte ein Kegelklub älterer Damen namens die Pudelbande mit fast vergessenen rheinischen Volksliedern die (Karnevals-)Bühnen Kölns. Wilma Meyer war eines der letzten noch lebenden Mitglieder der Gruppe und ihre langjährige Präsidentin. Sie starb am 7. November 2017 hochbetagt im Alter von 97 Jahren in Köln-Merheim. Die Lieder der Pudelbande waren Zeugnisse des Lebens einfacher Menschen, die mit Humor und Ironie ihr mitunter schweres Schicksal zu meistern wussten. 1997 war Wilma Meyer im Rahmen der ARD-Fernsehsendung Schnieke Prunz Sitzung zu sehen, als sie mit ihren singenden Kegelschwestern selbstbewusst auf die Bühne trat und von fünftausend Zuschauern im WDR-Festzelt gefeiert wurde. Das war nicht selbstverständlich, denn zum Line-up der Veranstaltung gehörten sonst überwiegend gestandene Profis wie Peter Herbolzheimer und die WDR-Bigband, Tommy Engel, BAP, Jürgen Becker, Gabi Köster, Dirk Bach, Guildo Horn und weitere. Mit ihrer Herzlichkeit und Authentizität nahm Wilma Meyer aber alle für sich ein – auch die Bläck Fööss, die mit dem Pudelbanden-Lied „He deit et wih un do deit et wih“ einen großen Hit landeten. Maryam Akhondy, die in Köln lebende iranische Sängerin, hat 2015 drei Stücke von Wilma Meyers Gesangsgruppe für das Projekt „Postcoloniales Stadtrauschen“ der Akademie der Künste der Welt bearbeitet und mit ihrem persischen Frauenchor Banu im Rahmen der Kölner Musiknacht uraufgeführt. Vom Kölner Bassisten Bernd Keul gibt es einen Youtube-Clip aus der Zeit, in der die alten Damen, unterstützt von viel lokaler Musikerprominenz, ihr erstes und einziges Album aufnahmen – ein musikalisches Kleinod, das wohl schon lange vergriffen sein dürfte.

Bernd G. Schmitz